Der Werber-Rat
Neues Fairplay – nicht nur im Fußball

Nach den Vorfällen um Fußballspieler Kevin Pezzoni wird klar: Die Grenze zur Realität hat Risse. Das gilt nicht nur für den Sport, sondern für die ganze Gesellschaft. Nötig ist ein neues Fairplay.
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Kevin Pezzoni, Spieler des 1. FC Köln, hat um Vertragsauflösung gebeten. Wütende Fans haben ihn im Netz gemobbt und vor seinem Haus bedroht. Er will nicht unter Polizeischutz leben.

Für die Ordnungshüter ist jedes Spiel der Oberklasse ein Großkampftag. Betrunkene Hooligans randalieren in den Straßen. Die Deutsche Bahn muss jedes Mal mehrere Züge renovieren. Spieler, die nicht "liefern", was man von ihnen erwartet, werden niedergemacht, ausgepfiffen, verfolgt und sogar bedroht.

Gewiss - die große Mehrheit der Fußballfreunde benimmt sich zivilisiert. Das offizielle Bild okkupieren die anderen. Für viele ist der Klub Religionsgemeinschaft, Lebensinhalt und Welterklärung. Jeder neue Trainer wird wie ein Erlöser mit "Hosianna"-Rufen erwartet - und bei Misserfolg mit "Kreuzige ihn!" abserviert.

Auf diesem Niveau ist Verlieren verboten. Ein verschossener Elfmeter ist kein verschossener Elfmeter, sondern schwere Schuld. Der Aufstieg ist die einzig denkbare Richtung, der Abstieg die Sünde wider den Geist. Man kann noch tiefer loten. Früher war ein Turnier ein Ereignis mit klarer Umrahmung. Regeltreue und Fairness waren Voraussetzung, Anspruch und Lernerfolg. Das Spiel wurde an- und abgepfiffen. Es geschah unter erwachsenen Menschen, die nicht mehr - wie Vierjährige - das Brett umstoßen und sich schreiend auf den Boden werfen. Die Grenze zur Realität war klar gezogen und wurde respektiert.

Heute ist das Spiel nicht mehr Objekt. Es steht der Gesellschaft nicht mehr als umgrenztes Ereignis gegenüber. Es wurde zum Subjekt im Innern und wuchert wie ein Tumor nach eigenen Gesetzen. Gewaltbereite Gruppen wählen es als Projektionsfläche. In der Masse kann man untertauchen, im Rausch der Zerstörung für ein paar Momente das beschränkte "Ich" durch ein grenzenloses "Wir" ersetzen.

Die Gesellschaft steht vor einem hässlichen Auswuchs ihrer Freiheit. Tobt in den Köpfen auch hier ein Wahn, den die Realität nicht mehr verkraftet?

Schon immer wurden Grenzen verletzt. Das ist die Bedingung jeglichen Fortschritts. Wo Rahmen aber gar nicht mehr erkannt werden, da droht Gefahr. Es gibt eine Art sozialer Demenz als schleichender Grenzverlust: Die Dinge verlieren ihre Kontur, ihren Sinn und ihre Wertigkeit.

Mit dem "Pfuschen", wie wir es im Ruhrgebiet nennen, fängt der Verlust an Verbindlichkeit an. Wir haben hingenommen, dass "Pfuscher" als clever durchgehen. Ein neues Fairplay ist nötig, nicht nur im Fußball.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Neues Fairplay – nicht nur im Fußball"

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  • na bodo,genosse,dann denkste einfach mal düber nach,wer einem großen teil unsrer nicht auf der sonnenseite lebenden mitbürger noch mehr schatten verschafft hat und welchen anteil der genosse hombach an hungerlöhnen,leiharbeit,statusverlust und,und,und hat.

    peinlich wie sich ein weiterer,nun auch noch im mäntelchen gekaufter wissenschaft, bock zum gärtner aufschwingen will



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