Der Werber-Rat
Nicht alles ist Ansichtssache

Viele Firmen schrecken davor zurück, deutlich Stellung zu beziehen und dadurch zu riskieren, Menschen zu verprellen. Doch ist das wirklich so schlimm? Ist Popularität nicht zuweilen überbewertet?
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„Ich finde das nicht schlimm, ich habe es halt jetzt mal so gemacht!“ Diese patzige Replik trug mir ein bekannter Agenturchef resigniert zu. Die Reaktion eines jungen Mitarbeiters, der eine falsche Rechnungssumme ermittelt hatte und auf einen Fehler hingewiesen wurde.

„Schlimm“ oder „nicht schlimm“? Das ist hier nicht die Bewertungskategorie. Falsch ist falsch. Und nicht „relativ okay“, wenn der Fehler nur wenige Euro beträgt. Rechenwege sind nicht verhandelbar. Da zählt, was stimmt. Nicht, was jemand findet.

Andere Regeln machen ebenfalls Sinn, nicht nur die fürs Multiplizieren. Auch solche für den Umgang mit anderen. Konventionen, die aus gutem Grund nicht Gegenstand individueller Meinungsfindung sind. Diese bieten Halt und Orientierung, schaffen Verbindlichkeit und Sicherheit.

Viele Eltern verhandeln heute mit ihren Kindern, weil sie deren beste Freunde sein möchten, statt ihnen Grenzen zu setzen. Fundierte Experteneinschätzungen werden unreflektiert niederkommentiert - nach dem Motto „ich kann selber googeln, was ich richtig finde“. Und von der Adenom-Diagnose bis zur Ground-Zero-Verschwörung findet ja jeder Skeptiker auch seine Bestätigung.

Das Autoritätsvakuum ist evident: Institutionen, Fachleute, Medien - alles ehemalige Stützen der Demokratie - stehen unter Generalverdacht: „Ihr vertretet doch nur eine von vielen möglichen Meinungen und jedenfalls nicht meine!“ Hinterfragen ist sinnvoll.

Doch nicht alles ist Ansichtssache und damit verhandelbar. Vor vermeintlich unpopulären Gegenmitteln schrecken viele zurück. Vielleicht auch aus Sorge, sonst als autoritär zu gelten? Dabei ist es kein Eingriff in Persönlichkeitsrechte und Meinungsfreiheit, wenn Sie sich klar positionieren und definieren, welche Beurteilungs- oder Qualitätsmaßstäbe in Ihrem Haus gelten. Ob in Firmen, Familie oder Gesellschaft: Grenzen und Verbindlichkeit sind die Eckpfeiler des Entwicklungsraums, in dem überhaupt erst gemeinsame Ziele definiert und verfolgt werden können.

Auf die Unternehmen kommt eine „Erziehungsaufgabe“ zu, der sich die meisten noch nicht bewusst sind. Ich finde es nicht schlimm, wenn Sie sich dabei Respekt verschaffen - Popularität ist absolut überbewertet.

Der Autor: Torben Bo Hansen ist Mitinhaber der Agentur Philipp und Keuntje. Er ist einer von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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