Der Werber-Rat
Perfekter Lebenslauf, perfekte Mitarbeiter?

Vielen Berufsanfängern fehlt Lebenserfahrung inklusive Irrwegen. Für Firmen eine Gefahr: Wer hauptsächlich Schema-F-Absolventen einstellt, der wird zum Schema-F-Unternehmen.
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Sind Bewerber mit perfekten Lebensläufen die perfekte Verstärkung für Unternehmen? Nicht immer, wenn die Unternehmen auf der Suche nach innovativen Köpfen sind.

„Wissen ist ein Schatz, der seinen Besitzer überallhin begleitet“, sagt ein chinesisches Sprichwort. Leider, sagen chinesische Genforscher und gehen dazu über, verstärkt Studienabbrecher in ihren Laboren zu beschäftigen. Der Grund: Je mehr Fachwissen angehende Forscher im Studium anhäufen, desto mehr verlernen sie das kreative Denken. Der amerikanische Evolutionsforscher James A. Shapiro hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Die meisten Biologen scheuen sich, über Evolution anders zu denken als auf die Art, die sie gewohnt sind; Kollegen aus anderen Disziplinen tun sich da leichter.“

Schaut man sich unter Deutschlands Marketingleuten um, dann scheint es, als entließen die Hochschulen auch in dieser Disziplin immer mehr Absolventen, die vor allem perfekt in Systemen und Prozessen denken. Für die Absolventen ist das kein Nachteil. Sie kennen sich mit allen Test-Designs ebenso aus wie mit der rechts- und linksseitigen Hirnforschung und Action-Standards. Ihre Agenturen briefen sie auf Top-Box-Kampagnen mit Stopping Power. Sie fügen sich perfekt ins System der Konzerne und „performen“ im vorgegebenen Rahmen.

Die Frage ist, ob sie in der Lage sind, den Rahmen auch mal zu sprengen. Eher nicht. Was man schon daran sieht, dass fast alle Konzerne dieselben Marketingtools anwenden, dieselben Produkte entwickeln und sie am Ende mit derselben Werbung in den Markt drücken. Außergewöhnliches entsteht da, wo man die Regeln entweder ignoriert oder gar nicht erst beherrscht.

Steve Jobs, Bill Gates oder Erich Sixt waren allesamt Studienabbrecher, die zu Innovatoren wurden. Natürlich steckt nicht hinter jedem von Brüchen durchsetzten Lebenslauf ein kreativer Kopf. Hinter einem glatten Lebenslauf mit wohlklingenden Praktikumsstationen und Auslandsaufenthalten aber eben auch nicht.

Wer sich nie fragt, was seine wahren Interessen sind, und stattdessen ausschließlich für den perfekten Lebenslauf lernt und arbeitet, hat meistens eine wichtige Disziplin verpasst: echte Lebenserfahrung inklusive aller Irrwege. Für Unternehmen bedeutet das: Wer hauptsächlich Schema-F-Absolventen einstellt, wird zum Schema-F-Unternehmen.

Der Autor:

Stefan Kolle ist Geschäftsführer Kreation der Agentur Kolle Rebbe in Hamburg. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Perfekter Lebenslauf, perfekte Mitarbeiter?"

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  • Danke für den guten Artikel.
    Ich finde die Erklärungen sehr gut und du triffst den Nagel genau auf Kopf! Wir selbst sind eine Personalberatung in Wien und wir suchen für unsere Kunden bite besten Mitarbeiter. Das hat aber nichts damit zu tun, den besten CV zu suchen. Ganz im Gengenteil. Heute sind Werte wie Social Skills, etc. mehr gefragt als reines Wissen.

    Markus Baldauf
    <a href="http://www.mbmc.at/">Personalberatung</a>

  • Ein weiterer Aspekt ist die weit verbreitete Absicherungsmentalität. Die Ursachen liegen nicht allein beim Entscheider m/w. Auch dessen Umfeld ist beteiligt. wenn er/sie sich rechtfertigen, ja verantworten muss, wenn es mit bzw. wenn der/der Neue nicht wie gewünscht funktioniert. Es geht um Menschen, und da gibt es ab und zu Fehleinschätzungen. Wenn aber die Angst vor Nachteilen bei Fehleinschätzungen größer ist als die Aussicht auf Chancen bzw. der Mut, ist Mainstream häufig vorprogrammiert. Bei Mainstream-Entscheidungen muss man/frau sich weniger bis gar nicht rechtfertigen, bei innovativen bzw. kreativen Entscheidungen heißt es häufig "Das hätten Sie doch wissen müssen, dass das nicht klappt mit dem/der. Was haben Sie sich nur dabei gedacht".
    persprofi

  • Hallo an alle,
    wenn Unternehmen auf der Suche nach "innovativen Köpfen" sind (s.o.), dann sollten sie (die Unternehmen) bei sich selbst mit der Innovation anfangen. Was nützt es, innovative Leute zu haben, wenn unflexible Strukturen diese an ihrer Entfaltung hindern? Dabei nützt es nicht, das eine oder andere Produkt als "innovativ" zu bezeichnen. Innovativität muss vom Unternehmen heraus, von innen kommen, und vom Management implementiert und getragen werden.
    Sicherlich spielt das Personalwesen hierbei auch eine große Rolle: Innovative Mitarbeiter werden vor allem durch Methoden gefunden, die zeitgemäß sind und den heutigen Profilen entsprechen. Methoden, die z.B. Quereinsteigern eine faire Chance geben sowie kompetenten Menschen mit einem B-Lebenslauf statt eines idealen A-CVs. Hier müsste mal Staub gewischt werden ;)
    Grüße, Corinna von der viasto GmbH

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