Der Werber-Rat Perfekter Lebenslauf, perfekte Mitarbeiter?

Vielen Berufsanfängern fehlt Lebenserfahrung inklusive Irrwegen. Für Firmen eine Gefahr: Wer hauptsächlich Schema-F-Absolventen einstellt, der wird zum Schema-F-Unternehmen.
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Manche Lebensläufe sehen perfekt aus – zu perfekt? Quelle: gms

Manche Lebensläufe sehen perfekt aus – zu perfekt?

(Foto: gms)

Sind Bewerber mit perfekten Lebensläufen die perfekte Verstärkung für Unternehmen? Nicht immer, wenn die Unternehmen auf der Suche nach innovativen Köpfen sind.

„Wissen ist ein Schatz, der seinen Besitzer überallhin begleitet“, sagt ein chinesisches Sprichwort. Leider, sagen chinesische Genforscher und gehen dazu über, verstärkt Studienabbrecher in ihren Laboren zu beschäftigen. Der Grund: Je mehr Fachwissen angehende Forscher im Studium anhäufen, desto mehr verlernen sie das kreative Denken. Der amerikanische Evolutionsforscher James A. Shapiro hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Die meisten Biologen scheuen sich, über Evolution anders zu denken als auf die Art, die sie gewohnt sind; Kollegen aus anderen Disziplinen tun sich da leichter.“

Stefan Kolle ist Geschäftsführer der Agentur Kolle Rebbe.

Stefan Kolle ist Geschäftsführer der Agentur Kolle Rebbe.

Schaut man sich unter Deutschlands Marketingleuten um, dann scheint es, als entließen die Hochschulen auch in dieser Disziplin immer mehr Absolventen, die vor allem perfekt in Systemen und Prozessen denken. Für die Absolventen ist das kein Nachteil. Sie kennen sich mit allen Test-Designs ebenso aus wie mit der rechts- und linksseitigen Hirnforschung und Action-Standards. Ihre Agenturen briefen sie auf Top-Box-Kampagnen mit Stopping Power. Sie fügen sich perfekt ins System der Konzerne und „performen“ im vorgegebenen Rahmen.

Die Frage ist, ob sie in der Lage sind, den Rahmen auch mal zu sprengen. Eher nicht. Was man schon daran sieht, dass fast alle Konzerne dieselben Marketingtools anwenden, dieselben Produkte entwickeln und sie am Ende mit derselben Werbung in den Markt drücken. Außergewöhnliches entsteht da, wo man die Regeln entweder ignoriert oder gar nicht erst beherrscht.

Steve Jobs, Bill Gates oder Erich Sixt waren allesamt Studienabbrecher, die zu Innovatoren wurden. Natürlich steckt nicht hinter jedem von Brüchen durchsetzten Lebenslauf ein kreativer Kopf. Hinter einem glatten Lebenslauf mit wohlklingenden Praktikumsstationen und Auslandsaufenthalten aber eben auch nicht.

Wer sich nie fragt, was seine wahren Interessen sind, und stattdessen ausschließlich für den perfekten Lebenslauf lernt und arbeitet, hat meistens eine wichtige Disziplin verpasst: echte Lebenserfahrung inklusive aller Irrwege. Für Unternehmen bedeutet das: Wer hauptsächlich Schema-F-Absolventen einstellt, wird zum Schema-F-Unternehmen.

Der Autor:

Stefan Kolle ist Geschäftsführer Kreation der Agentur Kolle Rebbe in Hamburg. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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9 Kommentare zu "Der Werber-Rat: Perfekter Lebenslauf, perfekte Mitarbeiter?"

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  • Danke für den guten Artikel.
    Ich finde die Erklärungen sehr gut und du triffst den Nagel genau auf Kopf! Wir selbst sind eine Personalberatung in Wien und wir suchen für unsere Kunden bite besten Mitarbeiter. Das hat aber nichts damit zu tun, den besten CV zu suchen. Ganz im Gengenteil. Heute sind Werte wie Social Skills, etc. mehr gefragt als reines Wissen.

    Markus Baldauf
    <a href="http://www.mbmc.at/">Personalberatung</a>

  • Ein weiterer Aspekt ist die weit verbreitete Absicherungsmentalität. Die Ursachen liegen nicht allein beim Entscheider m/w. Auch dessen Umfeld ist beteiligt. wenn er/sie sich rechtfertigen, ja verantworten muss, wenn es mit bzw. wenn der/der Neue nicht wie gewünscht funktioniert. Es geht um Menschen, und da gibt es ab und zu Fehleinschätzungen. Wenn aber die Angst vor Nachteilen bei Fehleinschätzungen größer ist als die Aussicht auf Chancen bzw. der Mut, ist Mainstream häufig vorprogrammiert. Bei Mainstream-Entscheidungen muss man/frau sich weniger bis gar nicht rechtfertigen, bei innovativen bzw. kreativen Entscheidungen heißt es häufig "Das hätten Sie doch wissen müssen, dass das nicht klappt mit dem/der. Was haben Sie sich nur dabei gedacht".
    persprofi

  • Hallo an alle,
    wenn Unternehmen auf der Suche nach "innovativen Köpfen" sind (s.o.), dann sollten sie (die Unternehmen) bei sich selbst mit der Innovation anfangen. Was nützt es, innovative Leute zu haben, wenn unflexible Strukturen diese an ihrer Entfaltung hindern? Dabei nützt es nicht, das eine oder andere Produkt als "innovativ" zu bezeichnen. Innovativität muss vom Unternehmen heraus, von innen kommen, und vom Management implementiert und getragen werden.
    Sicherlich spielt das Personalwesen hierbei auch eine große Rolle: Innovative Mitarbeiter werden vor allem durch Methoden gefunden, die zeitgemäß sind und den heutigen Profilen entsprechen. Methoden, die z.B. Quereinsteigern eine faire Chance geben sowie kompetenten Menschen mit einem B-Lebenslauf statt eines idealen A-CVs. Hier müsste mal Staub gewischt werden ;)
    Grüße, Corinna von der viasto GmbH

  • Die aktuelle Einstellungspraxis der meisten Unternehmen entspricht diesem Schema F verhalten. Lieber wird eine Ausschreibung zurückgezogen, als Bewerber auch nur einzuladen, die nicht punktgenau den Anforderungen entsprechen. Der Fachkräftemangel ist nur allzu häufig dieser Einstellung geschuldet.
    Das entspricht auch einer gewissen "Faulheit" sich die Mühe zu machen Mitarbeiter einzuarbeiten. Letztlich verursacht auch durch die Arroganz und Selbstüberschätzung, wie Selbstzufriedenheit von Schema F Personal. Hinzu kommt, das beschränkte Geister sich über Quereinsteiger gerade deshalb aufregen, weil sie eben nicht alles durch Anpassung geopfert haben und das als unfair begriffen wird.

    Wie man an den Grünen zur Zeit sehen kann (Vegetarischer Kantinentag) ist spießbürgerliche Kleingeistigkeit massiv auf dem Vormarsch. Über den Hintertreppen Witz, das es ausgerechnet von einer Partei mit anarchischem Hintergrund kommt, könnte man lachen, wäre es nicht so bitter ernst.

    H.

  • Perfekte Mitarbeiter
    Um solche zu suchen, muss zuerst die Anforderung geklärt sein. Es genügt nicht, in der Stellenausschreibung alle gängigen Attribute aufzulisten in der Form eines Wunschzettels für den Weihnachtsmann. Auf Standardausschreibungen erhhält man eben Standardantworten. Ob die primär Auswählenden aber in der Lage sind, vom Standard abweichende Lebensläufe zu interpretieren, ist bei Kenntnis der betrieblichen Realität zu bezweifeln. Noch weniger wird man der Individualität einzelner Bewerber gerecht, wenn man schon im Vorfeld nach Noten und Alter automatisch selektieren lässt. Bei der konkreten Auswahl sollte schon beim Auswählenden die Kenntnis und Erfahrung in der (fachlichen und psychologischen) Analyse von konkreten Arbeitssituationen vorhanden sein, um ggf. bei Bewerbungen, die nicht dem main stream entsprechen, die Spreu vom Weizen zu trennen.

  • "Und es wird von Jahr zu Jahr immer ausgeprägter - das Bildungssystem leistet da ganze Arbeit."
    (...)


    Der Bachelor der Uni ist heutzutage nur noch einen (...). BA-Studenten, die haben ja 'Absitzerfahrung' im unternehmen. Sry, wenn man in die Konzerne reinschaut, wo am Bildschirm das Onlinegame läuft (...)
    Unistudenten die ihren Studienstress nicht durch so ein Onlinegame unterbrechen können. In einem Praktikum (Vergabe, naja. Bei einer Absage 'zu hässlich' hab ich mal gehört (intern)) sich mal was beweisen wollen... Und wenn dasnn auch noch in den ACs (...) egal ist ob er eine 2,5 oder eine 1,5, der Unterschied ist gigantisch!!! (...) Ich kenne Diplom Wirt.-Ings. (Mehrzahl) die finden keine Jobs.
    Und wenn ein Leiter Treasury einer Bank (Namen nenne ich keine)die Bank an die Wand geraucht hat, wird er von einer anderen Bank wieder als Leiter Trasury eingestellt, er hat ja Erfahrung, hat er gezeigt, die erste Bank ist schon weg.
    Wie das Mäuschen das beim zweiten schneller mal durchs Labirinth findet als beim ersten mal. - Erfahrung Im Gegensatz zur bewiesenen Gleichung, die einfach mal Fakten liefert, kann ein Mäuschen auch mal länger Brauchen. Hat das Hand und Fuß?
    (...)

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • der "Schema-F-Personaler" stellt eben auch "Schema-F-Mitarbeiter" ein.
    Das ist "Schema-F-Managementverhalten": Absicherung, indem nur Leute eingestellt werden, bei welchen die Dokumente passen. darauf kann man sich ggfls. berufen, wenn's nicht klappt.

    Und die "alten Hasen" sind auch zufrieden: Ruderer, die fleissig rudern; Hamster, welche sich in ihrem Laufrad einen abstrampeln; Mitarbeiter, die die Karriereleiter akzeptieren und "leben".
    http://fun.drno.de/flash/Karriereleiter.swf

    Ok, im echten Leben ist die Musik eine andere - und da immer gleich mehrere gleichzeitig wollen, werden die Ellenbogen ausgefahren und bei jeder Gelegenheit nach unten getreten.

    Der Stress ist nicht der Arbeitsinhalt - sondern das Arbeitsumfeld.

    Und es wird von Jahr zu Jahr immer ausgeprägter - das Bildungssystem leistet da ganze Arbeit.

    In diesem Sinne: Viel Spass!

  • Unser Problem ist das überall krankhaft grassierende Sicherheitsdenken und die null Risiko Mentalität bei der Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung. Nicht nur Politiker kleben an ihren Stühlen, sondern auch die Arbeitnehmer. Dazu kommen noch Personalchefs, welche nur junge Bewerber/innen mit glatten Lebensläufen einstellen, anstatt auch älteren lebenserfahrenen Arbeitsplatzwechslern oder Arbeitssuchenden eine Wechsel- und Wiedereinstiegschance zu ermöglichen.
    Desweiteren ein Kündigungsschutzgesetz, welches Wechselwilligkeit und Veränderung blockiert!
    Negativ zu bewerten sind die Leiharbeitsbranche und deren willfähige Arbeitnehmerzuhälter, welche auf Kosten der Arbeitnehmer kräftig absahnen. Leiharbeit sollte verboten werden. Deshalb liegt auf dem deutschen Arbeitsmarkt auch alles im Argen! Wenn man überhaupt noch von einem Arbeitsmarkt sprechen kann?

    Ebenso sollte der Verwaltungsapparat der Bundesanstalt für Arbeit und deren Wasserkopf endlich abgeschlagen werden. Ich bin für ein bedingungsloses Grundeinkommen ohne kostenintensiven bürokratischen Verwaltungsaufwand. Dazu kommen noch die zukünftig hohen Pensionszahlungen an die Staatbediensteten und Beamten, welche wiederum vom Steuerzahler/Arbeitnehmer finanziert werden müssen.

  • Ist ja vielleicht auch das Ziel, der reine Systemerhalt?
    Eine Gesellschaft, die sich nicht nur vor der Zukunft fürchtet, will selten, das sich was ändert. Und wozu originell sein, wenns die andern auch nicht sind.

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