Der Werber-Rat
Rebellion der Alten

Kaum ein Vorurteil hält sich so hartnäckig wie das des langweiligen Seniors um die 65. Was für ein Unsinn. Die rüstigen Alten sind eine begehrenswerte Zielgruppe – und das erkennen immer mehr Firmen.
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Mit großem Erfolg fotografiert der Amerikaner Ari Seth Cohen selbstbewusste Frauen in New York jenseits der 65. Sie haben so gar nichts mit dem Seniorenbild gemein, das bis heute in der Werbung kursiert. Sein Blog „Advancedstyle“ gilt in der Modebranche als wegweisend. Es ist ein Beispiel dafür, dass sich doch etwas bewegt im Umgang mit älteren Zielgruppen.

So brachte die Modezeitschrift „Vogue“ die Schauspielerin Meryl Streep, immerhin stolze 65, vor ein paar Monaten auf den Titel, und Ex-Bond-Girl Kim Basinger bekam gerade mit 60 einen Modelvertrag. Die Modeindustrie gibt anscheinend den Trend vor und leitet den Wandel des Seniorenbildes in den Medien ein.

Selbst die US-Kinoindustrie hat die neuen Alten als Trendsetter für sich entdeckt. Schließlich füllen die agilen, gut situierten und gebildeten Senioren zunehmend die Kinosäle. Betagte Schauspieler wie Michael Douglas, Robert de Niro und Helen Mirren sind die neuen Helden der Leinwand. Filme wie „R.E.D“ und „Wie beim ersten Mal“ haben sich zu wahren Blockbustern entwickelt und werden zu einer wichtigen Stütze einer durch Internet und Streaming-Services gebeutelten Branche.

Wo es um Märkte geht, geht es um handfestes Geschäft. In Deutschland haben bereits 50 Prozent der Bevölkerung die 50 überschritten. In den USA wird sich die Zahl in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln. Markenbewusst, qualitäts- und konsumorientiert bilden sie eine attraktive Zielgruppe. Firmen können es sich nicht leisten, dieses Klientel durch stereotype Darstellung und Ansprache zu verprellen.

Das Blatt hat sich gewendet. Der Kult um ewige Jugend, die aber nur um den Preis des Authentizitätsverlusts zu haben ist, hat seinen Zenit überschritten. Die Designerin Fanny Karst entwirft mit ihrer Kollektion „The Old Ladies Rebellion“ inzwischen ausschließlich für ältere Frauen, weil sie sie cool findet.

Erfahrung hat Konjunktur. Was sich nicht zuletzt an der Reintegration von älteren Mitarbeitern etwa in der Autoindustrie zeigt. Halten wir an alten Vorstellungsmustern fest, bleibt zu viel auf der Strecke, was für Unternehmen überlebensnotwendig ist – ob als Mitarbeiter oder als Kunde.

Freuen wir uns also zur Abwechslung mal aufs Älterwerden.

Die Autorin:

Uli Mayer-Johanssen ist Gründerin und Chefin der Markenagentur Meta-Design in Berlin. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Uli Mayer-Johanssen
Uli Mayer-Johanssen
/ Kolumnistin

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