Der Werber-Rat
Sagt die Wahrheit!

Wir brauchen mehr Menschen, die ungeschminkte Wahrheiten aussprechen. Denn wer auf mit Hilfe von findigen Begriffen Probleme verschleiert, löst sie nicht.
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„Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Der Bibelspruch (Joh. 8,32) prangt in Goldbuchstaben auf Marmoruntergrund im Hauptquartier der CIA in Langley. Naiv? Ironisch? Es ist so eine Sache mit der Wahrheit. Ziehen wir nicht eine charmante Lüge der weniger schönen Wahrheit vor? Jeder Push-up-BH, ein gelungener Lidschatten oder das längs gestreifte Sommerkleid sind der Beweis.

Dass im Krieg das erste Opfer die Wahrheit ist, haben wir gelernt. Dass ein Tyrann den Aufstand „seines“ Volkes als vom Ausland ferngesteuert deklariert, gehört zum Handwerk. Wenn Syriens Präsident seinem Enkel eine Gutenachtgeschichte vorliest, beginnt sie mit den Worten: „Es war einmal ein lieber Diktator.“

Warum gibt es dieses Verhalten auch in den freien Gesellschaften der Demokratie? Wie lange schwurbelte man im Afghanistankonflikt um das Wort „Krieg“ herum? Wie lange schon nennen wir „Rettungsschirm“, was wir besser „Letzte Ölung“ taufen sollten? Und wenn Philipp Rösler den Ausstieg Griechenlands aus der Euro-Zone für denkbar hält, sagt er, was die Spatzen längst von allen Dächern schweigen.

Aber welch ein Aufschrei! Zu viel Wahrheit für die zarten Gefühle der Finanzmärkte und ihre schreckhaften Spekulanten. Banger Blick auf die zittrige Nadel des Börsenbarometers.

Darf Moody's sagen, dass Deutschland mit über zwei Billionen Euro Schulden zwar auf großen, aber auch auf tönernen Füßen steht? Oder brauchen wir eine europäische Ratingagentur, die das höflicher ausdrückt? Wie wär's mit einer am Regierungssitz, damit sie sich bei der morgendlichen Lagebesprechung ihre Direktiven abholt? Denkverbote sind kontraproduktiv. Wer die Probleme wegdefiniert, anstatt sie zu lösen, will sie offenbar länger erleiden als nötig.

„Der hat ja gar nichts an!“, ruft das Kind im Märchen. - Wir brauchen mehr, die ungeschminkte Wahrheiten aussprechen.

Bundeskanzlerin Merkel im ausländischen Medienfeuer hat Rückendeckung verdient. Sigmar Gabriels Philippika über Finanztrickser verdient ernsthafte Mitwirkung auch von seriösen Bankern beim Durchsetzen neuer Regeln.

Eine junge Partei, für die ein Parteitagsbeschluss nicht gleich die allein seligmachende Wahrheit ist, verdient neues Nachdenken über unsere Art der Willensbildung. Die Realwirtschaft (welch schöner Name!) war nicht Komplize der Finanzjongleure. Diese haben ihren Freiraum missbraucht. Jene haben einen größeren verdient - und Leute in Politik und Gesellschaft, die das aussprechen.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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