Der Werber-Rat
Schein und Sein im Zuckerberg-Dresscode

Kleider machen Leute. Während die einen im Armani-Anzug im Flieger sitzen, präsentieren sich andere im Schlabberlook. Uniformiert sind aber beide. Denn Gleichförmigkeit schafft einen mächtigen Organismus.
  • 1

Es gibt einen lustigen Sketch von Loriot, in dem fünf absolut identisch gekleidete Geschäftsmänner am Kofferband ihre fünf absolut identischen Koffer verwechseln und am Ende von fünf absolut identisch gekleideten Ehefrauen begrüßt werden.

Der Sketch stammt aus einer Zeit, in der es undenkbar war, in Jeans und T-Shirt ins Büro zu gehen. Der bis heute geltende Business-Dresscode hat einen kommunikativen Kern: Er soll erstens Seriosität vermitteln, und er stellt zweitens die einzelne Persönlichkeit hinter das Über-Ich des Unternehmens zurück. Wer sich in die oberflächliche Anonymität der Business-Uniformität fügt, wird optisch zum austauschbaren Teil eines größeren Systems.

Das ist letztlich allen Uniformen zu eigen: Ob beim Militär und der Ultra-Fankurve - optische Gleichförmigkeit schafft einen größeren, mächtigen Organismus. Interessant ist jedoch ein Trend in der Business-Mode, der scheinbar ins genaue Gegenteil geht. Seit die neuen Wirtschaftsstars wie Mark Zuckerberg im Schlabberlook vor ihre Shareholder treten, ist dieser Style auch in DAX-Konzernen salonfähig. Bislang war der neue Look nur bei Mitarbeitern aus dem Digitalbereich Pflicht. Seit neuestem aber auch bei allen, die digitaler wirken wollen.

Seinen Höhepunkt fand das in der modischen Wiedergeburt von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann: Der Ex-Anzugträger inszeniert sich seit seiner Auszeit im "Valley" wie ein Mitglied der digitalen Boheme. Kapuzenpulli, Cargos, Turnschuhe, dazu eine neue Nerd-Brille, Wuschelfrisur und Dreitagebart. So wie Anzug und Business-Kostüm Seriosität und die Macht des Großen über das Individuum kommunizieren, sagt die Klamotte des Business-Nerds: "Seht her, ich bin keiner von diesen Business-Vögeln. Ich bin ein kreativer Individualist."

Dass dieser Dress-Code inzwischen auch nichts anderes ist als eine Uniform - geschenkt. Interessant wird jedoch zu beobachten sein, wann die Aussage der Uniform von der Realität eingeholt wird. Spätestens seit dem Bankencrash weiß man, dass nicht in jedem seriösen Anzug ein seriöser Banker steckt.

Mal sehen, zu welchem Anlass klar wird, dass Kapuzenpulli und Wischnewski-Brille noch lange keinen kreativen Innovator machen.

Der Autor:

Stefan Kolle ist Geschäftsführer Kreation der Agentur Kolle Rebbe in Hamburg. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Schein und Sein im Zuckerberg-Dresscode"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Schon vor rund vierzig Jahren sang Reinhard Mey in seinem Lied "Annabelle":

    Früher hab ich oft ein eignes Auto benutzt
    hab mir dreimal täglich die Zähne geputz
    hatte ein zwei bis drei Hosen und ein paar Mark in bar
    Ich erröte wenn ich denk was für ein Spießer ich war
    Seit ich Anabelle hab sind die Schuhe unbesohlt
    meine Kleider hab ich nicht mehr von der Reinigung abgeholt
    und seit jenem Tag gehör ich nicht mehr zur Norm
    Denn ich trage ja die Nonkonformistenuniform

    Dass es heute erwachsene Menschen in verantwortlichen Positionen gibt, die ernsthaft glauben, das würde funktionieren, sagt eigentlich alles über den Zustand unserer Gesellschaft aus.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%