Der Werber-Rat
Sex sells – oder auch nicht

Noch nie gab es so viele Beschwerden beim Werberat wegen sexistischer oder diskriminierender Werbung wie in den vergangenen Monaten. Wer macht freiwillig solche Werbung?
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Eine Frau liegt sehr luftig bekleidet bäuchlings auf einer Matratze. Darüber steht geschrieben „Neue Matratze?“ Was ist das? Ein doofer Witz aus einem Herrenheft der 60er-Jahre? Nein. Das ist ein aktueller Werbeversuch eines Matratzenherstellers, der damit ganz oben auf der halbjährlichen Liste der Top-Rügen des deutschen Werberates gelandet ist. An diesen Rat kann sich jeder wenden, dem Werbung auffällt, die diskriminierend ist.

Der Auftraggeber wird ermahnt. Zeigt der sich uneinsichtig, wird er öffentlich gerügt. Kurioser Nebeneffekt: Erst durch die Rüge wird das beanstandete Werbemotiv in der Presse abgedruckt. Nun liest sich diese Namensliste auf der Seite des Werberates nicht gerade wie die A-Liga der Big Spender im deutschen Werbemarkt. Stattdessen scheinen kleine Handwerksbetriebe, Bowlingbahnbesitzer, Gerüstbauer und eben Matratzenhersteller den Kampf um die Aufmerksamkeit ganz nach dem uralten Motto „Sex sells“ zu führen.

Bringt das was, außer Ärger mit dem Werberat? Wer kauft eigentlich Matratzen? Größtenteils die Frauen. Denn die entscheiden nun mal zu über 80 Prozent, was in den Haushalt kommt. Finden Frauen es toll, als Matratze bezeichnet zu werden? Eben!

Und welche Agentur macht so etwas? Vielleicht eine Werbeagentur, die sich im Werbemarkt nach dem Motto positioniert: „Wir machen schlüpfrige Werbemotive mit Werberat-Rüge-Garantie!“ Über so etwas kann man sich ärgern. Man kann aber auch denken: „Ach, das Leben wäre doch ärmer ohne die Auswüchse jenseits der politischen Korrektheit.“

Es ist auch beruhigend zu wissen, dass es da draußen jemanden gibt, der Handwerksbetrieben, Matratzenhändlern und Bowlingbahnbesitzern auf die sexistischen Finger klopft.

Und was sexistische Motive mit Männern angeht, sind wir noch ganz weit weg von der Gleichberechtigung. Aus der Pressemitteilung erfahren wir „Männerdiskriminierung“ sei noch ein Randphänomen. Wer diesbezüglich akuten Nachholbedarf verspürt, dem sei die Seite „Manservant.com“ empfohlen. So lustig, dass viele Frauen in meiner Umgebung den Spot dazu auf Facebook gepostet und sich damit als Sexistinnen geoutet haben. Dafür können wir uns einfach mal selbst rügen!

Die Autorin:

Britta Poetzsch ist Geschäftsführerin der Agentur Serviceplan Sales. Sie ist eine von sechs Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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