Der Werber-Rat
Skandalgedöns

Eigentlich wussten wir es schon immer: Politiker sind zu allem fähig. Während wir Bürger ehrbar, sittsam und bescheiden leben, nehmen sie, was sie kriegen können.
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Vier Ministerinnen übernachten im Büro. Sie sind auf eine schlaue Idee verfallen, Geld zu sparen. Eine fand sogar heraus, man könnte im Durchgangsbereich zwischen Büro und Waschraum eine Fläche von 7,4 Quadratmetern nutzen. Statt einfach nur hindurchzugehen, um hüben oder drüben Geschäfte zu erledigen, nutzt sie eine Liege, die sie dort vorfand, um zu übernachten.

…Wenn diese Politikerinnen vor Geldgier überhaupt schlafen können. Vermutlich liegen sie mit offenen Augen da und hadern mit den 212 Euro, die ihnen für die schlaue Zweckentfremdung des Durchgangsbereichs monatlich als geldwerter Vorteil angerechnet werden. Vielleicht wälzen sie sich unruhig hin und her, denn wehe, wenn die Sache ans Licht käme. Die Zutaten zur Steigerung der werbepreisrelevanten Klickzahlen sind vermengt.

Die Fütterung der Skandallust wird möglich. Die Nation hätte ein Tagesgespräch. Die Heute-Show liefe zur Höchstform auf. Die bigotte Linke belagert die Mikrofone. Man solle schleunigst dem Berliner Wohnungsmarkt zur Verfügung stehen.

Den Berliner Sozi und ehemaligen Vizepräsidenten des Bundestags Wolfgang Thierse hat der falsche Dialekt bei Brötchenbestellungen am Prenzlauer Berg zu Protesten gereizt. Den aber bitte nicht durch weitere Überfremdung seines Wohnviertels beunruhigen.

Klar, dass sich die Verdächtigen mit Ausflüchten wappnen. Die improvisierte Schlafgelegenheit reduziere lange Wege und Ausfallzeiten. Abends und morgens im Stau – das vergeude kostbare Zeit. Manche Sitzung und das Aktenstudium dauerten bis tief in die Nacht. Am frühen Morgen stehe oft schon die nächste an. Man sei auch leichter und jederzeit erreichbar. Und die Ersparnis von Steuermitteln, weil keine Wohnung in der Stadt sicherheitstechnisch und teuer umgerüstet werden müsse.

So werden sie reden und versuchen, sich aus der Affäre zu stehlen. Aber wir mündigen Bürger haben sie durchschaut. Wir Blogger und Twitterer reißen ihnen die Maske vom Gesicht…

Der Autor:

Bodo Hombach ist Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik und Vorstand der Brost-Stiftung. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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