Der Werber-Rat
Spannungsschwankung

Die Ansage der Politik, die Energiewende sei schmerzfrei und ohne Nebenwirkungen zu haben, war wenig hilfreich. Jetzt gilt es, die Spannungen zwischen Ökonomie und Ökologie auszugleichen.
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Die Energiewende hat die Phase spontaner Begeisterung hinter sich. Der visionäre Wurf elektrisiert, aber wenn es zum Schwur kommt, entdeckt man die Unbequemlichkeiten des Umbaus bei laufendem Betrieb.
Die Physik lässt sich durch große Gefühle nicht beeindrucken. Windräder sind sympathisch, solange sie nicht im eigenen Vorgarten stehen. Photovoltaik auf privaten Dächern ist den einen rentable Geldanlage, für andere Preistreiber. Die Solarbranche, aus deren Reihen schon zur Wahl der Grünen aufgerufen wurde, ist nicht auf Schönwetter abonniert. Wenig hilfreich war die Ansage der Politik, ein so grundstürzender Umbau der technischen Zivilisation sei schmerzfrei und ohne Nebenwirkungen zu haben.

Im magischen Dreieck der Energiepolitik ist der wichtigste und älteste Winkel die Versorgungssicherheit. Das galt schon in der steinzeitlichen Wohnhöhle. Der zweite Winkel des Dreiecks ist Wirtschaftlichkeit. Seitdem Energie zum handelbaren Gut wurde, ist sie den Mechanismen des Marktes unterworfen. CO2 und atomare Unfälle beleuchteten den dritten Winkel des Dreiecks, die ökologische Vertretbarkeit der Energieerzeugung. Das Thema bewirkte einen Bewusstseinswandel und wurde wahlrelevanter Bestandteil aller Parteiprogramme. Verbrauchendes Wachstum war nun antiquiert.

Das Pendel schlägt zurück. Wo früher die Ökonomie den Vorrang hatte, gerät sie unter Trommelfeuer der Ökologen in die Defensive. Wenn aber der Industriestandort Deutschland Schaden nimmt, wenn Arbeitsplätze verloren gehen oder nur die eine falsche Kostenrechnung durch die andere ersetzt wird, stellt sich die Frage, ob die Gesellschaft diesen Stresstest bestehen wird. Der soziale Faktor muss bei allen Entscheidungen einbezogen sein. Das Dreieck der Energiepolitik mit einer materiell-sozialen Kante wird zum Viereck.

Keine einfache Aufgabe, die Spannungsschwankungen zwischen Ökonomie und Ökologie auszugleichen. Die Politik ist verunsichert und nicht mehr bereit, sich für große Projekte der Wirtschaft zu engagieren. Diese muss sich selbst formulieren und ständig klüger werden. Wir brauchen neue Leitungstrassen und Speicher, auch für innovatives Denken, gute Ideen und versöhnende Politik.

Der Autor:
Bodo Hombach ist Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

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  • Mein Eindruck ist, dass die Grünen generell einfach alles ablehnen, was zu sehr vom Ursprungszustand der Natur - ohne Menschen, abweicht. Alles was von Menschen im Lauf der Geschichte verändert, erfunden, und gebaut wurde, ist ihnen ein Dorn im Auge. Windturbinen sind noch akzeptabel, weil es in der Natur auch Dinge gibt, die sich im Wind drehen, etwa Blätter eines Baums, Solarzellen sind so wie Pflanzen, die das Sonnenlicht aufnehmen. Windturbinen werden deshalb auch so lackiert, dass sie nahe an den Farben der Natur dran sind: unten grün wie das Gras, oben weiss wie die Wolken, und nicht etwa in Schwarz oder in Violett.
    Die Kernkraft ist deshalb - im Widerspruch zum angeblichen Ziel "Umwel-/Naturschutz" - so verhasst, weil sie eine so grosse Weiterentwicklung, von Menschen gemacht, darstellt: Kernspaltung gibt es in der Natur an der Erdoberfläche nicht, und produziert sogar ein Element das es in der Natur nicht gibt: Plutonium. Deshalb ist auch Plutonium - das von der Strahlung her eigenltich ungefährlich ist - das am meisten gefürchtete Element der Grünen, und soll komplett aus unserem Leben und unseren Gedanken verbannt werden.
    Wenn man das versteht, dann wundert es einen auch nicht, wenn aus der grünen Ecke die Behauptung der angeblich zu grossen Weltbevoelkerung aufkommt, und man diese reduzieren will (auf 500 Mio.). Man will den Einfluss der Menscheit auf den Planeten eben in jeder Hinsicht reduzieren, bis man wieder den Ursprungszustand hergestellt hat.

  • Die Oekologie, oder besser ausgedrückt, die Oekoreligion ist eine Religion die das Industriezeitalter ablehnt.

    Sündig ist die moderne Landwirtschaft, Gentechnik, hoher Energieverbrauch, die moderne Kernkraft, moderne Fortbewegungsmethoden. Religiös korrekt sind Lebensmittel die anbebaut werden wie im Mittelalter, Mülltrennung, Energiequellen die im Mittelalter bekannt waren.

    Am besten kommen Staaten damit zurecht, die der Oekoreligion symbolisch Tribut zollen, aber im Grundsatz das Industriezeitalter verfolgen.

    In der Schweiz ist die Energiewende beschlossen. Der Atomausstieg auch, allerdings ist das Datum des Letzteren in unbekannter Ferne. Es gibt ein paar vereinzelte kleine Windmühlen meist nahe der Autobahn die weder allzu sehr die Landschaft stören, noch das Stromnetz zu sehr mit umweltschädlichen und wertlosen Oekostrom kontaminieren.

    In Deutschland sollte man beispielsweise die Meereswindmühlen überdenken. Diese erfordern hohe Subventionssätze, können andererseits lediglich den Fischen vom ökologischen Glauben der Deutschen künden.

    Vandale

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