Der Werber-Rat
Spiel mit Grenzen

Während früher die Stars weit weg vom Alltag waren und Fans sie aus der Ferne anhimmelten, wollen heute – im Zeitalter der Casting-Shows – viele selbst ein Star sein. Woher rührt die massenhafte Selbstüberschätzung?
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Am Donnerstag fand zum 8. Mal das Finale von „Germany’s Next Topmodel“ statt. Die Gewinnerin gehört vermutlich zu den rund 20 Prozent junger Menschen, die als Lebensziel angeben, berühmt werden zu wollen. Auch ohne jede Begabung stehen sie bei diversen Casting-Shows Schlange, wollen Model oder Superstar sein. Den allermeisten rückt Dieter Bohlen den Kopf zurecht. Anderen zeigt Heidi Klum die kalte Schulter. Selbst die Gewinner der Shows schaffen es selten nach ganz oben. Ihre Bedeutung verglüht schneller als eine Sternschnuppe. Aber was treibt diese Menschen an?

Früher verkörperten Stars Träume, die im Alltag keinen Platz fanden. Marlene Dietrich und Fred Astaire wurden aus der Ferne angehimmelt. Ihre Inszenierungen waren gottähnlich. Makel oder menschliche Züge gab es kaum. Stars bildeten einen Gegenpol zur Realität und hatten wenig Einfluss auf den Lebensentwurf der Menschen. In Filmen spendeten sie Trost und Ablenkung vom rauen Alltag.

Schon mit den Beatles fielen die ersten Sterne auf die Erde. Sie wurden nicht nur bewundert, sondern begehrt. Die Phase des Haben-Wollens rund um die Berühmtheiten begann. Bis zur Ohnmacht schreiende Groupies mühen sich bis heute darum, erhört zu werden. Berühmtheiten sollen jetzt anfassbar sein, menscheln und mit ähnlichen Konflikten zu tun haben wie wir. Sie werden damit Vorbilder für den Alltag. Beim Styling gleichermaßen wie bei der Bekämpfung von Cellulite oder Drogenproblemen.

Seit Ende der 90er-Jahre nun glauben viele Menschen am ehesten, sich selbst finden zu können, wenn sie im Rampenlicht stehen. Hier suchen sie nach Grenzen, die sie in der Realität vermissen. Sie sind in einer Welt der unendlichen Möglichkeiten aufgewachsen und haben darin den Halt verloren. Flexibilisierung von Arbeits- und Freizeiten, unregelmäßige Essenszeiten, Patchworkfamilien. Jeder bestimmt, wann er etwas tun oder lassen möchte. Zu verständnisvolle Eltern und Vorgesetzte produzieren sich selbst überschätzende Menschen. Casting-Shows sind oft die erste echte Grenze. Sie greifen die Allmachtsfantasien auf und stutzen sie gleichzeitig auf ein reales Maß zurecht. Die Casting- Show ist kein Spiel ohne, sondern eines mit echten Grenzen.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons. Quelle: Ulrike Reinker
Ines Imdahl
/ Psychologin, Inhaberin Rheingold Salons

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