Der Werber-Rat
Spring! (Aber nur, wenn alle zuschauen)

In der öffentlichen Wahrnehmung genießen Dinge nur noch Bedeutung, wenn sie bedeutend inszeniert werden. Gut zu beobachten bei dem neusten Weltraumsprung – den anders als bei Felix Baumgartner kaum einer mitbekam.
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So muss es damals bei der Mondlandung gewesen sein, genau so.

Ich hockte auf meinem Handgepäck an irgendeinem Flughafenterminal und über mir flackerte die immer gleiche Szene in einer Endlosschleife. Felix Baumgartner stürzt sich, ausgestattet mit den Flügeln des Getränkeherstellers Red Bull und 50 Millionen Euro Rückenwind, vom Rande seiner Raumkapsel.

Springt aus 39 Kilometer Höhe durch die Stratosphäre, der größte Coup der Marketinggeschichte. Mindestens. Da waren sich alle sehr schnell einig. Vorausgingen viele Monate Vorbereitungszeit, freilich nicht im Verborgenen. „Wird er es wirklich wagen?“ „Start muss erneut verschoben werden“ und so weiter. Baumgartner kam heil auf der Erde an und ist seitdem ein Star. Alles richtig gemacht.

Letzten Freitag sprang wieder einer aus dem All auf unseren Planeten. Und zwar von noch weiter oben, aus ziemlich genau 41.000 Metern – ein Weltrekord. Allerdings hat das, im Gegensatz zu Baumgartner, keiner so richtig mitbekommen. Die Meldung bleibt im direkten Vergleich eine eher kleine Randnotiz.

Der unbekannte Held heißt Alan Eustace, seines Zeichens leitender Google-Mitarbeiter. Er wollte kein Gedöns, kein Tamtam und vor allem: keine Abhängigkeit. Sein Arbeitgeber hat ihm angeboten, ihn finanziell zu unterstützen, der 57-Jährige lehnte ab.

Seine Mission war es auch nicht, partout einen Weltrekord aufzustellen. Er wolle der Wissenschaft dienen, und probierte den von ihm entwickelten Raumanzug eben gleich an sich selbst aus.

Nun kann man sich fragen, ob heute in der öffentlichen Wahrnehmung nur noch Dinge Bedeutung bekommen, wenn sie auch bedeutend inszeniert werden. Oder die andere Orbital-Frage: ob es sich heute überhaupt noch lohne, mit irgendeiner Sache nur Zweiter zu sein? Dies muss leider verneint werden. Heute zählt nämlich nur die mediale Poleposition, sonst nichts.

Wir jedenfalls dürfen gespannt sein, was als Nächstes passiert. Spätestens in drei Jahren werden uns gute Freunde die ersten Selfies vom Mond schicken. Ob sie dann den Raumanzug von Herrn Eustace tragen und sich dabei ein Döschen Red Bull genehmigen, steht noch in den Sternen.

Der Autor:

Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk. Er ist einer von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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