Der Werber-Rat
Tortellini Tofu

Pferdefleisch schlägt dem Handel auf den Magen. Reihenweise verschwinden Produkte aus den Regalen der Supermärkte. Für Kolumnist Frank Dopheide bietet der Skandal aber auch eine Chance für eine Sortimentserweiterung.
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Ein unappetitliches Thema galoppiert über den europäischen Kontinent und versetzt unsere Geschmacksnerven in Schockstarre. Die Erkenntnis "wo Rind draufsteht ist auch mal Pferd drin", bleibt uns im Halse stecken. Black Beauty al forno, als schnelle Mahlzeit für Zwischendurch.

Der Schrecken ist so groß wie die Ermittlungswelle. Doch Ross und Reiter sind nicht leicht zu benennen, zu verworren sind die Einkaufs-, Liefer- und Verarbeitungswege. Was unsere akuten Bauchschmerzen weiter erhöht. Und Rumänien, als pferdeschlachtende Fleischabteilung deutscher Lebensmittelhändler, verleiht dem Ganzen einen pelzigen Beigeschmack. Bisher waren abgelaufene Haltbarkeitsdaten die Spitze gammeliger Fleischskandale. Heute sitzt eine neue Generation von Kriminellen im Sattel. Lügen und Betrügen über alle Grenzen hinweg. Die Vegetarier schlagen sich vor satter Genugtuung auf die Schenkel: Sie haben es ja immer schon gewusst.

Die Politik ist entschlossen, die Zügel anzuziehen und greift zum Gentest als polizeiliche Gegenmaßnahme. Eine Ermittlungsmethode, die wir bisher der Mordkommission zuschrieben. Der Händler registriert beruhigt, dass auch Wettbewerber betroffen sind. Das begrenzt den eigenen Imageschaden und ist doch zu kurz gesprungen.

Denn die Breite des Skandals ist der eigentliche Pferdefuß. Sie dokumentiert einen fundamentalen Systemfehler. Der zeigt: Gut und billig gilt nicht mehr. Gefährlich und billig ist die bittere Wahrheit. Für den deutschen Handel, den härtesten der Welt, gilt das besonders. Im Drücken von Preisen macht ihm niemand was vor. Der Konkurrenzkampf ist gewaltig und die Marge mini. Hat der Handel die Preisschraube überdreht?

Natürlich finden Aldi, Metro, Lidl und Co. mit ihrer Einkaufswucht immer jemanden, der noch billiger produzieren kann. Auch wenn es, wie in diesem Fall, nicht mit rechten Dingen zugeht. Insofern kann es sich als gesunder Schock erweisen, dass die handelseigene Marke "verseucht" wurde. Jetzt ist klar: Billiger als billig schmeckt nicht - und darf schon gar nicht mit dem eigenen Namen gebrandet werden. Der Handel gerät in Erklärungsnot und muss liefern - Brief und Siegel für Produktion und Herstellung.

Oder er erweitert sein Sortiment - wie wäre es mit Tortellini Tofu? Schmeckt sicher.

Der Autor:

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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