Der Werber-Rat: Trump und die drei Jesusse

Der Werber-Rat
Trump und die drei Jesusse

Donald Trumps Vorwahlkampf zündet – und das, obwohl der Milliardär für die Probleme seiner Anhänger keine Lösungen, sondern nur Schuldige präsentiert. Erklärungen für seinen Erfolg liefert die Psychologie.

Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur. In den USA mehr noch als hier. Schaut man sich den Vorwahlkampf von Donald Trump an, wird das klar. Es reicht offenbar, ein Versagen des Establishments zu propagieren und Schuldige zu finden, bei den tieferliegenden Ursachen aber nebulös zu bleiben oder gleich ins Märchenreich abzudriften, um zum Messias zu werden.

Der – nach eigenen Angaben – zehn Milliarden Dollar schwere „Untertainer“ ist kaum repräsentativ für seine Anhängerschar, persönliche Identifikation ist wohl nicht deren Antrieb. Aber sie teilt seine gespielte Wut über ihre Lage in der Nation. Obwohl er offensichtlich weiterhin darin floriert, während sie weiter abrutscht. Nicht Wirklichkeit, sondern Wahn definiert hier Wahrnehmung.

Berücksichtigt man, was Psychologie und Neurowissenschaften in den letzten 55 Jahren erforschten, versteht man es vielleicht besser. Eine objektive Wirklichkeit gibt es nun mal nicht, sondern nur die, die wir uns bauen. Und die größte Verschwörung findet permanent in unserem eigenen Kopf statt. Um nur ein Element davon zu betrachten: Der „narrative bias“ ist eine Verzerrung der Wahrnehmung, die uns Geschichten so arrangieren lässt, dass unser Selbst- und Weltbild intakt und konsistent bleiben darf.

1959 zeigte das umstrittene Experiment „Die drei Jesusse von Ypsilanti“ von Milton Rokeach in einer psychiatrischen Einrichtung eindrucksvoll die Beharrlichkeit, mit der wir uns selber unsere Variante der Welt zurechterzählen. Drei Männer, die jeweils von sich behaupteten, Jesus zu sein, lebten und arbeiteten zwei Jahre auf engstem Raum und blieben unumstößlich dabei, allein der wahre Heiland zu sein. In Debatten und bei jeder Art Kommunikation rettet uns das Bewusstsein um diese Mechanismen vielleicht nicht vor Erlösern. Es hilft aber, menschliches Verhalten besser zu antizipieren.

Der Autor: Torben Bo Hansen ist Mitinhaber der Agentur Philipp und Keuntje. Er ist einer von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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