Der Werber-Rat
Uns fehlen echte Werte

Die Politik hegt und pflegt die „Märkte“, als seien sie die eigenen Kinder. Dabei wurden Märkte in unserem Land nicht immer so stark ins Zentrum der Gesellschaft gerückt: Was heute fehlt, ist Werteorientierung.
  • 5

Märkte gehören zu den VIPs unserer Zeit. Es wird über sie gesprochen als seien es Personen mit menschlichen Gefühlen: Sie sind nervös und empfindlich oder sollen sich beruhigen. Was sagt es aber über die Moral und die Werte der Gesellschaft aus, ein Abstraktum "Markt" auf diese Weise zu personifizieren?

Werte werden heute kaum noch über Obrigkeiten oder "Instanzen" vermittelt. In den 50er Jahren dagegen waren Politik, Kirche, Schule und Familie maßgebliche Wertelieferanten. Dabei spielte es weniger eine Rolle, dass sich alle Menschen mit den vermittelten Werten identifizieren konnten. Wichtig war, dass die Instanzen als solche eine Relevanz hatten.

In einer Erhebung für die RAL Gütezeichen stellte sich heraus, dass nur noch sechs Prozent der Menschen glauben, Politik oder Wirtschaft könnten Werte vermitteln. Bei der Kirche sind es elf Prozent.

Allerdings war zum Zeitpunkt der Umfrage der Papst in Deutschland, ansonsten wäre diese Zahl vermutlich auch einstellig. Mit dem "Tod der Instanzen" fungiert Geld aus Sicht vieler Menschen als letzte Autorität. Diese kann derzeit die Welt regieren, weil es niemand anders tut.

Märkte bestimmen, was richtig und falsch ist: Steigende Kurse sind gut, fallende schlecht. Eben weil Kirche und Politik keine Sinnstiftung mehr liefern, können Märkte und Geld dieses Vakuum füllen. Inzwischen fühlen sich die Menschen existenziell abhängig vom Wohlergehen der Märkte und glauben, nicht genug zum Leben zu haben, wenn es diesen schlecht geht oder der Euro crasht.

Gleichzeitig findet sich jenseits des kalten Geldes eine große Sehnsucht nach anständigem Verhalten. Für moralisch wertvoll halten die Menschen vor allem Ehrlichkeit (86%), Verlässlichkeit (84%) und Rücksicht (82 %). Wenn weder Politik noch Wirtschaft dies vermitteln können, dann muss die Moral von "unten", also den Menschen, kommen, wie etwa in der Occupy-Bewegung erlebt. Dafür, dass auch in Europa das moralisch anständige Verhalten vor allem von den Bürgern eingefordert wird, hätte die Bevölkerung der EU vielleicht wirklich einen Friedensnobelpreis verdient.

Nun wird aber die ehemalige Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und heutige EU für ihren Beitrag zum Frieden ausgezeichnet. Dies zeigt, dass auch aus ursprünglich rein wirtschaftlichen Interessen echte Werte entstehen können. "Geld oder Leben?" muss also keine Entscheidung sein, denn Geld und friedvolles Leben sind nicht notwendig ein Widerspruch.

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons. Quelle: Ulrike Reinker
Ines Imdahl
/ Psychologin, Inhaberin Rheingold Salons

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Uns fehlen echte Werte"

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  • @germanenhengst..
    Zitat:Ehrlichkeit, Authentizität, Echtheit scheinen mehr und mehr Relikte der Vergangenheit zu werden.
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    Wie recht sie doch haben. Das wurde die letzten Jahrzehnte Schritt für Schritt herbeigeführt.
    Jetzt fehlt die Grundlage für eine funktionierende Gesellschaft--die Werteorientierung.
    Alles wurde solange der Beliebigkeit Preis gegeben, bis keiner mehr Orientierung hat.
    Zitat: "Märkte gehören zu den VIPs unserer Zeit".
    Niemand bestreitet die Wichtigkeit der Märkte. Aber, wenn sie nicht mehr am Bedarf dessen ausgerichtet sind, was für die Grundexistenz der Menschen notwendig ist, dann wird es problematisch.Dann bekommt man das, was wir heute haben. Einen Markt voller sinnloser Produkte, die als Luxus betrachtet werden können, die sich aber immer mehr Menschen nicht mehr leisten können, da es nicht mal mehr für das Nötige reicht. Nahrung -Kleidung -Wohnung- Wasser-Strom-u.s.w. das sind existenzielle Güter, sie werden für viele zum Luxus.
    So ein Markt kann auf Dauer nicht funktionieren.
    zitat: Die Politik hegt und pflegt die „Märkte“, als seien sie die eigenen Kinder.----
    -----
    Er hegt und pflegt am falschen Ende. Erst kommt die Nahrung, die Grundbedüfnisse, dann der Rest.
    Heute kommt erst der PROFIT-der Wirtschaft dann die Existenz für die Massen. Die Wirtschaft ist für die Menschen da und nicht eine Spielwiese für Wucher-Gier und sonstige Abarten. Auch das gehört zum Werteverfall, dafür werden wir noch teuer bezahlen.


  • Das Problem liegt in der Oberflächlichkeit öffentlicher Wertediskussionen. Durch seine kleinlichen Einmischungen und gierigen Zugriffe zwingt der Staat seine Bürger unehrlich zu werden, wenn sie nicht benachteiligt werden wollen.
    Dies gilt besonders in der Steuer- und Sozialpolitik, deren Normen allzu oft von einseitigen Interessen und Vorstellungen geprägt sind, die selten den Umständen gerecht werden. Kleinteilige "Gerechtigkeit ist eben letztlich nicht gerecht sondern nur die Diktatur der Engstirnigkeit des jeweiligen Motivs, also spießbürgerliche Kleingeistmoral.
    Die Sehnsucht nach Ehrlichkeit spiegelt das wieder, aber es fehlt die Erkenntnis, das die eigenen Lebenslügen die Unehrlichkeit für Dritte ist und so bleibt es beim lamentieren über die Anderen.

    H.

  • Ebenfalls pervers: Die vermeintliche Befindlichkeit 'der Märkte' wird ja vollständig über die Nachrichtenagenturen Reuters/AP in die westliche (Medien-)Welt geflutet.

    Diese Agenturen haben vollwertiges Themenmonopol & Deutungshoheit, wie die Dinge zu bewerten sind.

    Wenn man dann noch berücksichtigt, dass diese Nachrichten-Agenturen denselben Eigentümer-Dunstkreis wie auch die drei Ratingagenturen und die US-FED haben, dann könnte man nur schreiend davon rennen.

    Früher dachte ich, das wäre alles billige Science-Fiction - heute weiß ich, dass diese Machtstrukturen das öffentliche Geschehen einschließlich des entwurzelnden Werteverfalls gemäß willkürlicher Programmatik herbeiführen.

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