Der Werber-Rat: Warum wir auch denen vertrauen, die uns enttäuschen

Der Werber-Rat
Warum wir auch denen vertrauen, die uns enttäuschen

Kirche, ADAC, Stiftung Warentest - die Vertrauensinstanzen der Deutschen wackeln. Doch sie können ihrerseits auf eins vertrauen: unsere Fähigkeit, zu vergessen.
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Wie gut, dass es in einer sich immer schneller verändernden Welt Dinge gibt, auf die Verlass ist. Denen man vertrauen kann. Es sind dies die höheren moralischen Instanzen in Bereichen, die für das gesellschaftliche Gesamtgefüge essenziell sind: Autofahren, Konsumieren, Samstagabendunterhaltung und Fußball. So dachte man.

Jetzt aber bröckelt das Grundvertrauen in diese Instanzen. Die Grundpfeiler der Ordnung in diesem Land geraten ins Wanken. Der ADAC hat die Wahlen zum „Lieblingsauto der Deutschen” gefälscht. Im Gegenzug hat die Stiftung Warentest, das gute Einkaufsgewissen der Nation, die Lieblingsschokolade der Deutschen zu Unrecht schlecht gemacht. Die Lieblingsfernsehsendung der Deutschen, „Wetten, dass...?”, wird seit Monaten von einem zugereisten Südtiroler demontiert, der Lieblingsfußballpräsident ist ein Steuerbetrüger. Es ist zum vom Glauben Abfallen.

Was in direkter Linie zur katholischen Kirche führt, die das in sie gesetzte Vertrauen durch Prasserei, Banken- und Missbrauchsskandale systematisch enttäuscht. Wem soll man noch vertrauen? Ärzten? Ein Klinikskandal jagt den nächsten. Unseren amerikanischen Freunden? Geschenkt. Banken? Noch viel geschenkter.

Deutschland steckt in der Vertrauenskrise. Doch gibt es eine Theorie, die besagt, dass der eine oder andere Skandal aus kommunikativer Sicht paradoxerweise vertrauensbildend wirken kann. Weil sich Vertrauen durch viele Kontakte aufbaut. Wer oft gesehen wird, dem wird vertraut. Ganz gleich, ob es der Nachbar ist, die Kollegin oder ein Produkt im Supermarktregal oder in den Medien.

Ist unter diesen Auftritten vereinzelt mal ein negativer, so stört das nicht. Dafür sorgt unsere überlebenswichtige Fähigkeit zu vergessen. Die Angst vor BSE-Fleisch, vor Pferdelasagne, Sprossen und Vogelgrippe - wie weggeblasen.

Nur wenn das Negative dauerhaft ist und damit überhandnimmt, setzt Vertrauensverlust ein. So gesehen könnten ADAC und Stiftung Warentest hoffen, dass sie am Ende heil oder sogar mit einem kleinen Gewinn aus ihren Skandalen herauskommen. Für die Deutsche Bank und „Wetten, dass...?” sieht es da allerdings eher düster aus.

Der Autor:

Stefan Kolle ist Geschäftsführer Kreation der Agentur Kolle Rebbe in Hamburg. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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