Der Werber-Rat
Was das ständige Spardiktat zerstört

Controller statt Gestalter: Sparen, so scheint es, ist das neue Heilsversprechen. Ein gefährlicher Paradigmenwechsel, denn der Trend zum Sparen könnte sich bald als Gift für den Fortschritt entpuppen.
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Sparen ist heute allererste Pflicht. Die Griechen, die Spanier, die Italiener, die Amerikaner — sie alle tun es, weil sie es tun müssen. Die noch offene Frage ist allerdings, wo das Sparen mittelfristig hinführt. Das krisengeschüttelte Irland hat zwar jüngst wieder Anleihen am Kapitalmarkt platzieren können, doch die Industrieproduktion des Landes sinkt nach wie vor, und die Arbeitslosigkeit ist hoch. Dennoch gilt das Land als Beweis, dass ein strikter Sparkurs Wunder wirken kann. Eine Erkenntnis, die nicht nur auf Europas politischer Bühne viel Zustimmung bekommt.

Auch in Unternehmen findet man heute an der Spitze mehr und mehr Controller an Stelle von Erfindern und Gestaltern. Wir als Dienstleister bekommen es oft mit Einkäufern zu tun, die zwischen einem Stück Kommunikation und 500 Blatt Kopierpapier keinen Unterschied machen. Es muss halt billig eingekauft werden. Dass Qualität bisweilen ihren Preis hat - geschenkt.

Sparen, so scheint es, ist das neue Heilsversprechen. Sparen kann alles - es beschert gute Umsatzrenditen, es beschert tolle Quartalszahlen, es macht Shareholder fröhlich und ganze Länder wieder heil. Millionen Sparfüchse sind zurzeit unterwegs.

Das ist gefährlich, denn hinter der neuen Lust am Sparen steckt ein sehr viel tiefergehender Paradigmenwechsel, der Gift für die Wirtschaft ist: Leistung wird heute am Bremsen bemessen, nicht am Vorantreiben. Wer viel spart, verdient sich Respekt und Boni. Sparen wird zum Selbstzweck, die Balance zwischen nötiger Investition und sinnvoller Einsparung geht verloren.

Doch das Sparen löst vor allem Lethargie und keine Aufbruchsstimmung aus. Ob Staat oder Unternehmen: Je höher der Sparwille oder -zwang, desto wichtiger wird kreatives Denken. Denn je weniger Geld man ausgeben kann, desto schlauere Ideen braucht es, um Neues zu entwickeln und Qualität zu sichern.

Wie sonst sollen gebeutelte Länder oder Unternehmen wieder auf die Beine kommen? Die Sparprediger scheinen das nicht auf der Rechnung zu haben. Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Je weniger Kohle der Heizer in den Kessel schaufelt, desto langsamer fährt die Lok. Bis sie irgendwann stehen bleibt. Hoffentlich bleibt uns das erspart.

Der Autor ist einer von fünf Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Der Autor:

Stefan Kolle ist Geschäftsführer Kreation der Agentur Kolle Rebbe in Hamburg. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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  • Noch schlimmer als Controller sind Werbeleute, die Unsummen von Geldern in wertschöpfungslosen Marketingaktionen verpulvern. Ein Berufsbild, welches erst durch die Mutation der sozialen Marktwirtschaft hin zu einer zügellosen Überflussgesellschaft möglich wurde.

  • Je weniger Kohle der Heizer in den Kessel schaufelt, desto langsamer fährt die Lok. Bis sie irgendwann stehen bleibt.

    Und wenn man zuviel Kohle oder zur falschen Zeit in den Kessel schaufelt, bleibt der Zug auch stehen, weil Tender leer.
    Spaß beiseite, dann wird hauptsächlich beim Personal gespart. Schon sind wir wieder beim Controling.
    Es bleibt ein schmaler Grad mit dem Feingefühl für den richtigen Zeitpunkt den richtige Hebel zu ziehen.

    Was hier aber in einen Topf geworfen wird ist Unternehmenfinanzen und Staatsfinanzen. Beide haben eins gemeinsam:
    Die Schulden müssen zurückzahlbar sein und die Zinszahlung darf nicht lähmend wirken.
    Sonst steht Zug irgendwann, unweigerlich.

    Schönen Abend noch.

  • Ein früherer Chef hat mich mit seiner Sparsamkeit (am Gehalt) so geärgert, dass ich schließlich kündigte. Wenn er denn sparen wolle, meinte ich, solle er doch am besten den ganzen Laden dicht machen. Damit könne er das meiste Geld sparen. Schließlich bestünde der Sinn eines Wirtschaftsunternehmens nicht darin zu sparen, sondern Geld zu verdienen.

    Nachdem im folgenden Unternehmen klare finanzielle Zusagen, trotz bester Geschäftslage, nicht eingehalten wurden, habe ich mich, im bereits reiferen Alter, selbstständig gemacht. Ich wurde auf diese Weise zu meinem Glück gezwungen. In nur 13 Jahren habe ich alleine jedem einzelnen der drei Unternehmen, für die ich zuvor tätig war, einen Millionenumsatz abgenommen.

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