Der Werber-Rat
Wechselhafter Meinungswind

Selbst alte Hasen der Meinungsforschung sind irritiert: Die Stimmungen der Menschen schwanken wie nie zuvor. Statische Bestandsaufnahmen gelten anscheinend nur noch im Moment der Erhebung.
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Meinungsumfragen sind nicht mehr, was sie mal waren. Früher hatte man einen sorgfältig ausgetüftelten Fragebogen. Die Leute gaben Auskunft. Wechselwähler waren Minderheiten und der Zusammenhang sozialer Daten mit Einstellungen stabil. Die Welt war übersichtlich. Man konnte planen. Parteipräferenzen lösten sich schleichend aus alten Bindungen. Bei Meinungsäußerungen waren Pendelausschläge nachvollziehbar.

Das Internet zerrüttet auch dieses Verhältnis. Es ist der größte anzunehmende Stammtisch. Das kleinste Ereignis erzeugt Sturzbäche von Meinungen. Geist und Ungeist wehen, wo sie wollen. Der Mensch agiert wie ein elektronischer Ladungsträger, beliebig, abhängig von der anliegenden Spannung. Was er heute mit Nachdruck verkündet, hat er morgen fröhlich vergessen.

Politiker tun es ihnen nach. Der Ratio zu folgen, ist mühsam und ein Balanceakt auf schmalem Grat. Die Wähler folgen ihr auch nicht. Es ist leichter, Parteifähnchen in den Wind zu halten. Vergesslichkeit ist verlässliche Basis.

Bei Großprojekten wird es extrem schwierig, im Knäuel den Faden zu finden. „Bist du dafür oder dagegen?“ ist sinnlos, denn wer heute für die Energiewende ist, ist morgen gegen Windräder. Was richtig erscheint, ist sicher falsch, wenn es den eigenen Vorgarten tangiert. Jeder ist „sozusagen“ und „gewissermaßen“ für die Energiewende, aber gleichzeitig zutiefst skeptisch, dass die Entscheidungsträger richtig handeln.

Auch alte Hasen der Meinungsforschung sind irritiert. Nicht weil sich die Faktoren geändert hätten, sondern weil die Stimmungen schwanken wie nie. Einstellungsmuster weichen rapide auf. Wir beobachten einen fundamentalen Vertrauensverlust in genau die Institutionen und Strukturen, die früher die berufenen Vertrauensspender waren.

Was lehrt uns das? Statische Bestandsaufnahmen gelten nur für sich selbst und im Moment ihrer Erhebung. Wir brauchen dehnbare Formeln mit weichen Konstanten. Großprojekte sind nicht mehr Ablauf in Netzplantechnik, sondern Kommunikationsprozess von Anfang bis Ende. Sie siedeln in einer Wolke möglicher Entscheidungen. Da gibt's nur eins: Augen auf und durch.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Wechselhafter Meinungswind"

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  • Nur Statisiker, die nie das Wesen ihrer Zunft begriffen haben können über diese Entwicklung überrascht sein.
    Statistik ist bei Meinungen letztlich nichts als Ermittlung gängiger Vorurteile, ebenso oberflächlich wie instabil, wenn man im Grunde genommen mit Annahmen operiert, die nicht zutreffen und nur gefolgert wurden.
    Das dies nicht erkannt wurde, liegt nur an der zeitweiligen Kongruenz von Zielen ohne das die Motive gleich waren.
    Das medial beförderte Auseinanderfallen von Darstellung und Wirklichkeit bei Argumenten und persönlichen Vorstellungen, beschleunigt diese Entwicklung. Meinungsäußerungen sind heutzutage zweckbestimmt und geben nicht zwingend die reale Meinung wieder, eben weil Meinungsforscher und Medien echte Meinungen zu manipulativen Zwecken missbrauchen bzw. ihren Geschäftsmodellen unterwerfen.

    H.

  • *lol* sind die guten Zeiten für die waz vorbei ? WAZ immer artig und treu zur SPD, der pöhse Waehler gar nicht mehr, ist dieser doch sprunghaft. Nunja, wer sich die Politik der letzten Jahrzehnte anschaut, der sieht, dass diese den Wähler nachdrücklich verarscht hat: Die SPD mit verbal stets lauthalst abgelehnten Sozialeinschnitten, die Grünen als lautschreiende und steineschmeißende Friedensengel mit der Verteidigung am Hindukush, die FDP und CDU mit Schuldenpakten und verbal abgelehnten, dafür doppelt so teuren Steuererhöhungen und das ganze sogar ohne Bürokratieabbau. Das Grundvertrauen fehlt. Seit einiger Zeit versucht man den Wähler mit Radieschen, Möhrchen, sonstigen Lekkerlies zu locken. Dieser schleckt mal darüber, aber echte Freundschaft kommt so halt einfach nicht mehr auf. Das Internet ist wie ein Katalysator. Alles wird deutlich schneller analysiert und die Beurteilungen fallen härter aus. Den Medien wird schon lange keine Deutungshoheit mehr eingeräumt. NPD-Verbotsverfahren, EURO-Rettungspakete, Globale Erderwärmung,pp. mögen in den Medien große Breite eingeräumt werden, aber die Bürger sehen inzwischen genau hin, wer sich die Taschen vollstopft, wer zu welcher Musik tanzt. Es ist eben ein Demokratieverlust, wenn sich Bürger nicht mehr vertreten fühlen, weder von den Parteien, noch von den von ihr gesteuerten Medien.

  • Statistische Bestandsaufnahmen gelten eigentlich garnicht. Es ist immer eine Frage wer die Statistik erhebt, unter welchen Leuten, aber insbesondere mit welchen Fragen.
    Stellt man die Frage richtig, bekommtn man die Antwort, die der der die Frage in Auftrag gibt, sucht.

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