Der Werber-Rat
Wenn der Gegner Recht hat

Politiker lassen keine Gelegenheit aus, sich selbst zu loben und gleichzeitig ein hässliches Bild von ihrem Gegner zu zeichnen. Was aber, wenn der liebste Feind recht hat?
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Das tägliche Schauspiel: Werbung beherrscht unsere Welt. Jeder pflegt sein Image, so gut er kann. Vereine, Parteien, Unternehmen legen größten Wert auf ihr Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit. Wir machen uns aber nicht nur ein schönes Bild von uns selbst, wir machen uns auch ein hässliches vom Gegner und wollen, dass es so lange wie möglich stimmt. So weit, so üblich.

In der Politik gilt zumindest vor der Kamera „Lagerbeständigkeit“ als profilbildend. Was aber, wenn wir einander plötzlich brauchen - so wie Merkel, Monti und Hollande? Was, wenn der andere, dessen Ideen wir verlacht haben, auf einmal recht behält, weil er vielleicht schon immer recht hatte? Dann setzt ein gefährlicher Mechanismus ein. Ich nenne das „Autoimmunabwehr“, und jeder Allergiker weiß leidvoll Bescheid. Der Körper wendet sich gegen das eigene Gewebe. Es kommt zu lästigen, juckenden, manchmal bedrohlichen Erscheinungen.

Wer die C-Parteien nur als die ewig Gestrigen kennt, bekämpft länger als nötig ihre guten Ideen. Wer in allen Sozialdemokraten Transferjunkies sieht, meint, jedes Konjunkturprogramm sei vom Teufel. Wer sich die Grünen nur als pulloverstrickende Naturapostel gemerkt hat, braucht Jahre, um Umweltschutz nützlich zu finden. Und wer einem Linken nicht in seinen kühnsten Alpträumen begegnen will, der muss das parasitäre Finanzsystem offenbar heftiger als nötig liebkosen.

Nichts gegen politischen Diskurs, aber warum verkämpfen sich so viele in längst verlorenen Schlachten? Warum misstrauen sie ihrer eigenen Einsicht, nur weil sich ihr liebster Feind als einsichtig erweist? Warum musste es zehn Jahre dauern, bis die Sozialdemokratie die Westverträge akzeptieren konnte? Warum rannten die Unionsparteien 20 Jahre gegen die Ostverträge an? Wie schwer hatten es Reagan und Kohl, Gorbatschows ausgestreckte Hand zu ergreifen.

Zumindest die beiden großen Parteien unseres Landes überlappen sich inhaltlich weitgehend. Die Mitten sind einander viel näher als ihren eigenen Flügeln. Beim Allergiker versucht der Arzt, die körpereigene Abwehr zu desensibilisieren. Vielleicht funktioniert das auch in der Politik? Es gibt verschiedene Wege zum gleichen Ziel. Das Gegenteil der Wahrheit ist auch nicht ganz falsch. „Es geht auch anders, aber so geht es auch.“ (Brecht) Oder Adenauer: „Was geht mich mein Mist von gestern an!“ Ein Traum? - Vielleicht. Mir sagte mal ein Kluger: „Ich meinesteils wünsche meinen Gegnern den Himmel, damit ich ihnen nicht auch noch in der Hölle begegne.“

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Wenn der Gegner Recht hat"

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  • Meister Bodo ist ja nicht doof.

    Er ist eine oberfette Absahnhaube am System. Ex-Pressesprecher von Schröder! Näher dran am verkommenen Kern der Macht konnte man kaum sein.

    Der Kerl ist kein ehrlicher Makler sondern ein verkommener Propagandist und das aus gutem Grund: er lebt prächtig davon.

    Den zu belehren oder bekehren heißt Steine zum Weinen zu bringen.

    Da lohnt kein Aufwand. Aber sich selber mal etwas Bildung verschaffen, um solche Energieverschwwendung einuzdämmen: das wäre erstrebenswert. Dann kann man die Energie fruchtbar anwenden.

  • Herr Hombach, was Sie eindrücklich schildern und belegen ist, daß wir in Deutschland nur noch Blockparteien haben. Es ist die CDUSPDGRÜNEFDP, die mittlerweile nur noch eine verkommene politische Klasse darstellen. Es gibt keine Alternativen im Parlament! Die lehrerhaften Parlamentarier sind in ihrem Denken flach, daß es geradezu unerträglich ist.

    Insofern haben Sie Recht: Neue Parteien braucht das Land. Die Freien Wähler sind zwar nicht neu, aber eine Alternative. Die Partei der Vernunft ist inhaltlich wohl richtig aufgestellt, aber leider abgehoben und den Mainstream überfordernd, da sie nur von solchen Personen wahrgenommen wird, die das selbständige Denken noch nicht verlernt haben!

    Dieser deutsche Parlamentarismus wird am "politischen Projekt" Euro scheitern! Denn mit ideologischen, wunsch- und wutverzerrtem Willensfanatismus läßt sich nicht gestalten, sondern nur zerstören.

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