Der Werber-Rat
Wir werben immer und überall

Aufmerksamkeit ist alles in unserer Welt. Dass das schon immer galt, zeigt das „älteste Gewerbe der Welt“. Heut wissen wir: Menschen haben schon immer geworben und werden es immer tun.
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Entgegen anderslautenden Vermutungen ist nicht die Prostitution, sondern die Werbung das älteste Gewerbe der Welt. Denn bevor es überhaupt zu einem bezahlten Akt zwischen Menschen kommen kann, muss mindestens einer der beiden auf sich aufmerksam machen - also schlicht und einfach Werbung betreiben. In der Regel ist das der weibliche Part, und klassische Werbemittel sind hier oft High Heels und Hot Pants, vor allem aber das „fleischliche Kapital“. Insbesondere dieses soll den in der Regel männlichen Part in der Weise manipulieren, dass gekauft wird. Gott sei Dank nicht die Frau im Ganzen, aber doch den an die Dienstleistung geknüpften Körper für einen begrenzten Zeitraum.

Die Werbung steht also am Anfang von so ziemlich allem. Ohne Werbung geht eigentlich nichts. Das Liebeswerben und damit letztlich den Fortbestand der Menschheit gab es schon, bevor wir kommerzielle Werbung in heutiger Form kannten. Und auch in jedem „Ge-werbe“ steckt unabhängig vom Alter des jeweiligen immer schon die Aufforderung: „Wirb!“

Und wir alle werben quasi täglich, stündlich, minütlich - immer und überall. Wir werben um unsere Partner, unsere Mitarbeiter und Freunde. Nicht nur um sie zu akquirieren als Lebensgefährte oder Kollegen, sondern auch um ein lebenslanges Zusammensein, um jedes freundliche Wort, um kleinere und größere Unterstützungen. Für unsere Meinungen, Positionen, Werte und Weltanschauungen werben wir in jedem Gespräch und mit jedem Satz und sogar mit jeder Geste, jedem Lächeln. Sogar das fehlende Lächeln, der zornige Blick kann Werbung sein - auch negative Werbung ist Werbung. Unsere Kinder versuchen wir geschickt und nicht selten manipulativ davon zu überzeugen, sich die Zähne zu putzen. Gesunde Zähne als Anreiz wirken dabei oft viel weniger als die Drohung, nicht Pilot werden zu können, wenn das Gebiss frühzeitig herausfällt.

Auch unser Haus auf dem Land, unsere Wohnungseinrichtung und der Kleidungsstil - alles Werbung für unsere Art zu leben. Gleichzeitig werben wir dafür, auf eine bestimmte Art wahrgenommen zu werden. Wir möchten, dass andere uns in einem bestimmten Licht sehen, etwas Bestimmtes von uns denken - und das ist echte Imagewerbung. Wir sind alle Werber und betreiben damit genau die Art der Manipulation, die wir der kommerziellen Werbung so oft vorwerfen.

Und wenn wir uns anschweigen? Nun, dann gilt: Man kann nicht nicht kommunizieren. Diese Erkenntnis von Paul Watzlawick lässt sich mühelos auf die Werbung übertragen: Man kann nicht nicht werben - und damit das vermeintlich älteste Gewerbe uns erhalten bleibt, uns die ganze Menschheit überhaupt erhalten bleibt, ist das auch wirklich gut so.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Wir werben immer und überall"

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  • Kritik am Artikel: Er verharmlost die kommerzielle Werbung.

    Gegendarstellung zur kommerziellen Werbung:
    Bei der kommerziellen Werbung bzw. Manipulation geht es nicht um das Wohl eines Menschen, wie das Wohl des Kindes das seine Zähne nicht putzen will, sondern um Profitmaximierung der Werber. Ob die Werber nun Medikamente herstellen, die Krebs heilen könnten oder Sexspielzeug ist den Werbern völlig egal. Sie werben für beides mit vollem Elan, solange es einen Absatzmarkt gibt. Und hierbei gilt: Je mehr Kapital dahinter steckt, desto lauter und leuchtender und größer ist die Werbung bzw. umso wirkungsvoller ist die Manipulationskraft auf die Massen. So sind an jeder Straßenbahnhaltestelle riesige Werbeplakate von Bekleidungsketten, welche ihre Produkte in den ärmsten Ländern der Welt produzieren lassen. Dies tun sie nicht, um den Menschen dort zu helfen, sondern um die schlechten Bedingungen dort für billige Preise auszunutzen. Und billig bieten sie hier nicht an, um uns etwas Gutes zu tun, sondern weil in der Tat hier die Menschen auch kaum noch Geld in der Tasche haben und sich Kleidung, die unter anständigen Bedingungen produziert wurde, kaum leisten können. Solch fragliche Ge-werbe sehen wir an jeder Staßenecke mit leuchtenden Werbeplakaten, anstatt die Werbeplakate von kleinen Hilfsorganisationen wie den Ingenieuren-ohne-Grenzen, die auch in Entwicklungsländer gehen. Aber um deren Situation zu verbessern. Sie können sich die Werbefläche jedoch nicht leisten. Schöne neue Konsum- und Werbewelt. Na, da hoffe ich doch auch, dass uns die Werbung lange erhalten bleibt, um uns abzulenken, uns zu verblöden und zum Konsum von Dingen anzustacheln, die wir überhaupt nicht brauchen.

    Thorsten

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