Der Werber-Rat
Zeitarbeit - zu Unrecht verschrien

Oft wird vergessen, dass auch das Gute und Richtige ohne Werbung in Verruf kommen kann. So ergeht es der Zeitarbeit, dem Schreckgespenst der Arbeitswelt. Das System mag nicht glanzvoll sein, aber es funktioniert.
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Das Image von Zeitarbeitsfirmen steht in grobem Missverhältnis zu Bedeutung und Erfolg. Man assoziiert sofort eine Reihe hässlicher Eigenschaften: Lohndrückerei, befristete Arbeitsverhältnisse, statistische Verschönerung der Arbeitslosigkeit, Prekariat. Dagegen steht, dass Zeitarbeitsfirmen in der Dynamik der heutigen Arbeitswelt eine wichtige Rolle spielen. Wäre ich ein PR-Mann, fände ich gute Gründe, Sein und Schein anzunähern.

Viele Unternehmen stellen zusätzliche Leute trotz Engpässen nicht ein. Sie fürchten in Krisensituationen und bei Absatzschwächen um ihre Flexibilität.

Jeder Sozialarbeiter weiß, dass Langzeitarbeitslose nicht nur Job und Einkommen verlieren. Nach rund drei Monaten sind zu viele auch aus dem Takt. Sie verlieren Fähigkeiten und Interessen, sie fühlen sich gedemütigt und resignieren. Der wichtigste Motor aller Aktivitäten und Abenteuer ihres Lebens war ein intaktes Selbstwertgefühl. Jetzt sitzen sie auf der langen Bank in der Agentur für Arbeit und werden oft "bedarfsfern" nachqualifiziert. Auf der anderen Seite steht ihr alter Betrieb im scharfen Wind des Marktes. Er muss Segel reffen, um nicht unterzugehen. Vielleicht hat er auch - wie weiland die Titanic - einen selbstgefälligen Kapitän, der lieber mit Eisbergen pokerte, als ruhiges Wasser zu wählen.

Zeitarbeit mit fairen Löhnen puffert Probleme ab. Den Betrieben hilft sie, die schwankende Auftragslage auszugleichen. Den Arbeitnehmern ermöglicht sie, neue Kontakte aufzubauen. Sie trainiert die Sprunggelenke innerhalb des Erwerbsprozesses, auch wenn der große Sprung noch nicht möglich ist. Sie kommt denen entgegen, die nebenbei auch noch Väter oder Mütter sind oder deren Kräfte nachlassen. Und vor allem: Sie behindert den Absturz ganzer Familien in die soziale Randlage. Wunschziel ist natürlich, ihn dauerhaft zu verhindern.

Solange das Angebot an Vollzeitarbeit schneller schrumpft als die Bevölkerung, muss man teilen. Die Natur macht es uns vor. Sie setzt nicht auf starres, sondern auf dynamisches Gleichgewicht. Solche Systeme funktionieren, nicht immer glanzvoll und heroisch, aber Millionen Jahre lang.

"Alles oder nichts" ist eine deutsche Versuchung. Die Geschichte gab oft die Antwort: "Dann eben nichts!" - "Jeder ist seines Glückes Schmied", das ist Poesie-Album. Wo das große Glück - noch - nicht geht, ist Überleben ja auch schon was. Wir wissen längst: Auch das Gute und Richtige kann in Verruf kommen, wenn man nicht argumentiert und dafür wirbt.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Zeitarbeit - zu Unrecht verschrien"

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  • Jeder, der mal als sogenannter Projektmitarbeiter (m/w) für diePersonaldienstleisterbranche /Zeit- und Leiharbeit arbeiten musste, wird mir bestätigen können, dass dort nur die Kundensicht des Unternehmens zählt und der Projektmitarbeiter spuren muss. Tut er dies nicht, oder hinterfragt die Praktiken dieser Branche, dann werden Gründe gefunden, den Vertrag zu beenden. Flexibilität ja, aber bitte nicht auf Kosten derer, die als Projektmitarbeiter flexibel für alles herhalten müssen und keine Planbarkeit oder Sicherheiten/Perspektiven haben. Interessanterweise werden dort Hochschulabsolventen und erfahrene Akademiker der Geisteswissenschaften auf primtive Assistenten der Geschäftsführung, des Marketings, Vertriebs oder Personals und auf Sekretärinnenjobs (Office Management) verheitzt. Die Personaldienstleister verdienden daran sehr gut und die Industrie freut sich, weil sie keine Verantwortung mehr übernehmen muss. Hinterher gibt es nicht mal ein qualifiziertes Zeugnis vom Unternehmen, für das ich gearbeitet habe (bekannte Unternehmensberatung aus Frankfurt), weil man ja kein richtiger Mitarbeiter ist. Man hat ja nicht die gleichen Rechte, aber Überstunden machen ist gerne gesehen. Da verdient diese Branche mit ihren Taktiken der Verschleierung mit der Auszahlung bzw. Guthabenkontos auch nochmals kräftig dran. Eine verlogene Industrie und Dienstleistungsbranche ist das!

  • Ein Test gefällig:

    Bewerben sie sich doch bei einer Zeitarbeitsfirma und bei einer Großbank.

    Sie werden zur Vorstellung eingeladen:

    Ich wette, die Zeitarbeitsfirma wird keine Vorstellungskosten zahlen und die Großbank organisiert ihnen die - absolut kostenfreie - Anreise mit einem "Wohlfühlprogramm".

    Was glauben sie, wie das bei der Gehaltsverhandlung und später weitergeht?

  • @ Martina Jacobs

    Die von Ihnen als "wenige" bezeichneten "Ausnahmen" wären keine solchen, wenn unsere urdeutsche Mentalität uns nicht das stärkere Zugehörigkeitsgefühl zur Gesellschaft geben würde, wenn wir uns in die (freiwillig gewählte) Opferrolle begeben.

    Mit anderen Worten: würden wir genauso häufig und emotional überschwänglich über all die Glücksmomente und -erfahrungen unseres Lebens berichten, wie wir es immer wieder mit den sog. "Negativerfahrungen" tun, hätte selbst die Zeitarbeit - neben ganz, ganz vielen anderen Themenbereichen - eine positive Lobby.

    Das allerdings setzt voraus, dass jeder Einzelne sich seinen positiven Erlebnissen bewusst ist/wird bzw. sich mit seiner angelernten Eigenart, die Dinge argwöhnisch und ängstlich zu bewerten, auseinandersetzt.

    Alle Dinge sind zunächst neutral. Erst unser Urteil macht sie zu dem, als was wir sie dann (für)wahr-nehmen. Und da die meisten von uns von klein auf geprägt sind, immer irgendwelchen äußeren Begebenheiten jedwede Art von Schuld zuzusprechen und selbst in der machtlosen Opferrolle zu verharren, werden aus vielen neutralen Dingen eben negativ empfundene.

    Ganz ursächlich verantwortlich dafür ist unsere selbstgewählte Rolle des "Opfers", da hierin in der Regel die größte Anerkennung in der "Gruppe Mensch" zu erzielen ist.
    Leiden erzeugt Mitleid und somit schließt sich der Kreis der gegenseitigen Anerkennung und Zusammengehörigkeit und unser Ur-Instinkt ist befriedigt. Nämlich, nicht aus der Gruppe ausgestoßen zu werden und dem bösen Säbelzahntiger zum Opfer zu fallen.

    Leider hinterfragen die allermeisten unserer Zeitgenossen nicht, ob es denn überhaupt noch diesen Tiger gibt. Sie verhalten sich aber noch genau so, Stammhirn sei Dank.

    In unserer dualen Welt gibt es das Eine nicht ohne das Andere. Oder andersrum: Das Eine bedingt immer das Andere.
    Das heißt: Einen Täter (die böse Zeitarbeit) kann es nur geben, wenn es auch bereitwillige Opfer (die armen Sklaven) gibt.

    MFG D.Roth

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