Der Werber-Rat Zeitarbeit - zu Unrecht verschrien

Oft wird vergessen, dass auch das Gute und Richtige ohne Werbung in Verruf kommen kann. So ergeht es der Zeitarbeit, dem Schreckgespenst der Arbeitswelt. Das System mag nicht glanzvoll sein, aber es funktioniert.
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Zeitarbeit: Schlechtes Image, aber wichtige Rolle. Quelle: dapd

Zeitarbeit: Schlechtes Image, aber wichtige Rolle.

(Foto: dapd)

Das Image von Zeitarbeitsfirmen steht in grobem Missverhältnis zu Bedeutung und Erfolg. Man assoziiert sofort eine Reihe hässlicher Eigenschaften: Lohndrückerei, befristete Arbeitsverhältnisse, statistische Verschönerung der Arbeitslosigkeit, Prekariat. Dagegen steht, dass Zeitarbeitsfirmen in der Dynamik der heutigen Arbeitswelt eine wichtige Rolle spielen. Wäre ich ein PR-Mann, fände ich gute Gründe, Sein und Schein anzunähern.

Viele Unternehmen stellen zusätzliche Leute trotz Engpässen nicht ein. Sie fürchten in Krisensituationen und bei Absatzschwächen um ihre Flexibilität.

Jeder Sozialarbeiter weiß, dass Langzeitarbeitslose nicht nur Job und Einkommen verlieren. Nach rund drei Monaten sind zu viele auch aus dem Takt. Sie verlieren Fähigkeiten und Interessen, sie fühlen sich gedemütigt und resignieren. Der wichtigste Motor aller Aktivitäten und Abenteuer ihres Lebens war ein intaktes Selbstwertgefühl. Jetzt sitzen sie auf der langen Bank in der Agentur für Arbeit und werden oft "bedarfsfern" nachqualifiziert. Auf der anderen Seite steht ihr alter Betrieb im scharfen Wind des Marktes. Er muss Segel reffen, um nicht unterzugehen. Vielleicht hat er auch - wie weiland die Titanic - einen selbstgefälligen Kapitän, der lieber mit Eisbergen pokerte, als ruhiges Wasser zu wählen.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Zeitarbeit mit fairen Löhnen puffert Probleme ab. Den Betrieben hilft sie, die schwankende Auftragslage auszugleichen. Den Arbeitnehmern ermöglicht sie, neue Kontakte aufzubauen. Sie trainiert die Sprunggelenke innerhalb des Erwerbsprozesses, auch wenn der große Sprung noch nicht möglich ist. Sie kommt denen entgegen, die nebenbei auch noch Väter oder Mütter sind oder deren Kräfte nachlassen. Und vor allem: Sie behindert den Absturz ganzer Familien in die soziale Randlage. Wunschziel ist natürlich, ihn dauerhaft zu verhindern.

Solange das Angebot an Vollzeitarbeit schneller schrumpft als die Bevölkerung, muss man teilen. Die Natur macht es uns vor. Sie setzt nicht auf starres, sondern auf dynamisches Gleichgewicht. Solche Systeme funktionieren, nicht immer glanzvoll und heroisch, aber Millionen Jahre lang.

"Alles oder nichts" ist eine deutsche Versuchung. Die Geschichte gab oft die Antwort: "Dann eben nichts!" - "Jeder ist seines Glückes Schmied", das ist Poesie-Album. Wo das große Glück - noch - nicht geht, ist Überleben ja auch schon was. Wir wissen längst: Auch das Gute und Richtige kann in Verruf kommen, wenn man nicht argumentiert und dafür wirbt.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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15 Kommentare zu "Der Werber-Rat: Zeitarbeit - zu Unrecht verschrien"

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  • Jeder, der mal als sogenannter Projektmitarbeiter (m/w) für diePersonaldienstleisterbranche /Zeit- und Leiharbeit arbeiten musste, wird mir bestätigen können, dass dort nur die Kundensicht des Unternehmens zählt und der Projektmitarbeiter spuren muss. Tut er dies nicht, oder hinterfragt die Praktiken dieser Branche, dann werden Gründe gefunden, den Vertrag zu beenden. Flexibilität ja, aber bitte nicht auf Kosten derer, die als Projektmitarbeiter flexibel für alles herhalten müssen und keine Planbarkeit oder Sicherheiten/Perspektiven haben. Interessanterweise werden dort Hochschulabsolventen und erfahrene Akademiker der Geisteswissenschaften auf primtive Assistenten der Geschäftsführung, des Marketings, Vertriebs oder Personals und auf Sekretärinnenjobs (Office Management) verheitzt. Die Personaldienstleister verdienden daran sehr gut und die Industrie freut sich, weil sie keine Verantwortung mehr übernehmen muss. Hinterher gibt es nicht mal ein qualifiziertes Zeugnis vom Unternehmen, für das ich gearbeitet habe (bekannte Unternehmensberatung aus Frankfurt), weil man ja kein richtiger Mitarbeiter ist. Man hat ja nicht die gleichen Rechte, aber Überstunden machen ist gerne gesehen. Da verdient diese Branche mit ihren Taktiken der Verschleierung mit der Auszahlung bzw. Guthabenkontos auch nochmals kräftig dran. Eine verlogene Industrie und Dienstleistungsbranche ist das!

  • Ein Test gefällig:

    Bewerben sie sich doch bei einer Zeitarbeitsfirma und bei einer Großbank.

    Sie werden zur Vorstellung eingeladen:

    Ich wette, die Zeitarbeitsfirma wird keine Vorstellungskosten zahlen und die Großbank organisiert ihnen die - absolut kostenfreie - Anreise mit einem "Wohlfühlprogramm".

    Was glauben sie, wie das bei der Gehaltsverhandlung und später weitergeht?

  • @ Martina Jacobs

    Die von Ihnen als "wenige" bezeichneten "Ausnahmen" wären keine solchen, wenn unsere urdeutsche Mentalität uns nicht das stärkere Zugehörigkeitsgefühl zur Gesellschaft geben würde, wenn wir uns in die (freiwillig gewählte) Opferrolle begeben.

    Mit anderen Worten: würden wir genauso häufig und emotional überschwänglich über all die Glücksmomente und -erfahrungen unseres Lebens berichten, wie wir es immer wieder mit den sog. "Negativerfahrungen" tun, hätte selbst die Zeitarbeit - neben ganz, ganz vielen anderen Themenbereichen - eine positive Lobby.

    Das allerdings setzt voraus, dass jeder Einzelne sich seinen positiven Erlebnissen bewusst ist/wird bzw. sich mit seiner angelernten Eigenart, die Dinge argwöhnisch und ängstlich zu bewerten, auseinandersetzt.

    Alle Dinge sind zunächst neutral. Erst unser Urteil macht sie zu dem, als was wir sie dann (für)wahr-nehmen. Und da die meisten von uns von klein auf geprägt sind, immer irgendwelchen äußeren Begebenheiten jedwede Art von Schuld zuzusprechen und selbst in der machtlosen Opferrolle zu verharren, werden aus vielen neutralen Dingen eben negativ empfundene.

    Ganz ursächlich verantwortlich dafür ist unsere selbstgewählte Rolle des "Opfers", da hierin in der Regel die größte Anerkennung in der "Gruppe Mensch" zu erzielen ist.
    Leiden erzeugt Mitleid und somit schließt sich der Kreis der gegenseitigen Anerkennung und Zusammengehörigkeit und unser Ur-Instinkt ist befriedigt. Nämlich, nicht aus der Gruppe ausgestoßen zu werden und dem bösen Säbelzahntiger zum Opfer zu fallen.

    Leider hinterfragen die allermeisten unserer Zeitgenossen nicht, ob es denn überhaupt noch diesen Tiger gibt. Sie verhalten sich aber noch genau so, Stammhirn sei Dank.

    In unserer dualen Welt gibt es das Eine nicht ohne das Andere. Oder andersrum: Das Eine bedingt immer das Andere.
    Das heißt: Einen Täter (die böse Zeitarbeit) kann es nur geben, wenn es auch bereitwillige Opfer (die armen Sklaven) gibt.

    MFG D.Roth

  • So kann nur einer schreiben, der nie auf Jobsuche gewesen ist und sich nie mit der Arroganz und teilweise erschreckenden Inkompetenz von Zeitarbeitsfirmen herumschlagen musste.

  • Hombach, wieder einer derjenigen, welcher selbst nie in seinem Leben von Leiharbeitszuhältern abhängig sein wird, maßt sich an zu wissen, was man den Betroffenen noch alles so zumuten kann.
    Verlogene Lobbyisten-Babage, dass!
    Hombach auch einer derjenigen, der große Teile seiner beruflichen Laufbahn als Beamter im Staatsdienst und bei der EU als Sonderkoordinator verbrachte. Hombach hochbezahlt durch deutsches und europisches Steuergeld, welches jeden Monat sicher und pünktlich auf dessen Konto floss. Solche Typen kann ich nicht Ernst nehmen, vor allem nicht in Bezug auf ihre Meinung zur Leiharbeit.
    Widerlich sowas!

  • Herr Hombach - Politikdarsteller. Anders kann man ihren Kommentar nicht werten.

  • Bodo Hombach, gelernter Fernmeldehandwerker, Ex-Preussag-Geschäftsführer, Ex-Landesgeschaftsführer der NRW-SPD, Ex-Wirtschaftsminister in NRW, Ex-Bundesminister für besondere Aufgaben unter Schröder, Ex-Kanzleramtschef unter Schröder, Ex-Geschäftsführer der WAZ-Medien-Gruppe, die sich seinerzeit vehement für den Verbleib von Leiharbeit-Clement in der SPD einsetzte, preist die Zeitarbeit!
    Wen wundert`s
    Das ist ungefähr so, als würde die Zigarettenindustrie das gesunde rauchen anpreisen…
    Hombach war es auch, der damals das Papier für Kanzler Schröder schrieb, das der SPD einen »dritten Weg« empfahl, mit wirtschaftsfreundlichen Ideen, die später auch in der Agenda 2010 auftauchten und bei Hartz IV, der großen deutschen Zäsur.
    Bereits 2008 erschien ein interessanter Artikel mit dem Titel “Bodo Hombach, Medialer Strippenzieher für Clement“.
    Einfach mal danach googln, ist interessant!

  • gehn sie mal n paar monate... als lagerist oder sowas...

    und dann schreibn sie nochmal

  • Sehr geehrter Herr Hombach,

    einen netten Beitrag fürs Poesialbum haben Sie da verfasst. Nur leider reden Sie Meilen weit an der Realität der Menschen vorbei. Von Zeitarbeit mit fairen Löhnen, die Probleme abpuffern sollen, sprechen Sie. Fair für wen? Fair kann aus Sicht der Zeitarbeiter/innen nur gleiches Geld für gleiche Arbeit sein.

    In Ihrer Prosa fehlt im Übrigen ein Absatz zum Thema, was einer Volkswirschaft blüht, wenn ein wachsender Prozentsatz der Leistungsträger nur noch überlebt.

    In der aktuellen Arbeitswelt sind zunehmend qualifizierte Facharbeiter, bis hinauf zum Ingenieur von Zeitarbeit betroffen. Und oft verbringen die Leute nicht nur wenige Monate, sondern mehrere Jahre beim selben Entleiher; bei deutlich niedrigeren Bezügen als Mitarbeiter des Entleihers mit vergleichbaren Arbeitsaufgaben (-30% und darunter). Seit geraumer Zeit werden Stammbelegschaften sukzessive gegen Leiharbeiter ausgetauscht, um so Personalkosten einzusparen. Nicht selten werden nach einer Restrukturierung ehemalige Mitarbeiter als Zeitarbeiter in Betriebe zurückgeholt, wo sie fortan ihre bisherigen Aufagaben für weniger Geld unter dem Damokles Schwert prekärer Beschäftigung ausüben "dürfen".

    Die Idee Zeitarbeit ist vom Grundsatz her in der Tat kein Teufelszeug. Doch bundesdeutsche Regierungen haben daraus inzwischen leider moderne Sklaverei werden lassen, indem sie dem ursprünglichen AÜG alle Regularien zum Schutz gegen Missbrauch entzogen haben. Damit hat Deutschlands Wirtschaftslobbyismus in der EU ein trauriges Alleinstellungsmerkmal erreicht. Denn in anderen EU-Ländern gilt für Zeitarbeit nach wie vor Equal Pay ab dem ersten Tag und seltsamer Weise funktioniert es z. B. in den Niederlanden trotzdem hervorragend.

    MfG,
    Martina Jacobs

  • Zeitarbeit? Gerne, ich bin flexibel, liebe neue Herausforderungen, lerne gerne neue Leute kennen und kann mich schnell in neue Abläufe einarbeiten.

    Aber nicht für einen Hungerlohn. Wenn Flexibilität so wichtig ist muss ein Zeitarbeiter einen Zuschlag statt eines Abschlags bekommen. Ich helfe einem Unternehmer oder einer Behörde, einen kurzzeitigen Personalmangel auszugleichen, dafür möchte ich eine Zulage, die mir erlaubt, die Zeit, in der mich keiner braucht, auszugleichen.

    Aber seien wir realistisch, der kurzzeitige Mangel ist nur selten der Grund für Zeitarbeit. Tatsächlich werden regelmässig feste Stellen durch billigere und jederzeit kündbare Zeitarbeiter ersetzt. Nebenbei übt man noch Leistungsdruck auf die verbliebenen Festangestellten aus. Die Übernahmemöglichkeit ist ein Köder, den kaum einer zu beissen bekommt.

    Unterm Strich ist Zeitarbeit nichts anderes als eine weitere Form der Ausbeutung.

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