Der Werber-Rat
Zelten für einen guten Zweck

In Hamburg kann man gegen eine Spende in so genannten Domos schlafen, nachgebauten Zelten aus Flüchtlingslagern. Neugierige sollen sich so fühlen wie in Krisengebieten. Ob die allerdings auch Sushi bestellen?
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Es ist ja hin und wieder wirklich erstaunlich, worüber sich die Leute hierzulande so aufregen. Der Zug hatte Verspätung, die Wassertemperatur war nicht kommod, das Federbett nicht standesgemäß aufgedeckt. Schlimm.

Am anderen Ende der Welt, manchmal sogar nur am anderen Ende des Kontinents, geht es derweil ums nackte Überleben. Es gibt inzwischen mehr Krisengebiete auf unserem Planeten, als es den meisten Leuten bewusst ist.

Beinahe überall, wo der Unfrieden regiert und Menschen in permanentem Ausnahmezustand leben müssen, entstehen Flüchtlingslager. Ich dachte bis vor kurzem, dass jene, die in einem Flüchtlingslager unterkommen, dies nach wenigen Wochen oder Monaten wieder verlassen können. Leider Quatsch.

Die meisten Bewohner von Flüchtlingslagern verbringen oft zehn Jahre in menschenunwürdigen Verhältnissen. Und in Zelten, die nach einem halben Jahr auseinanderfallen, weil sie eigentlich gar nicht für diesen Einsatz konstruiert sind.

Dieser Umstand rief junge Entrepreneure auf den Plan, die sich anschickten, das Monopol dieser „Zeltmafia“ zu brechen. Und selbst ein Zelt entwickelten, das nicht nur lange hält, sondern Familien die Möglichkeit gibt, aus einem Überlebensraum einen Lebensraum zu machen. Das Sozialunternehmen heißt „More than shelters“, der kreative Kopf dahinter ist der Künstler Daniel Kerber. Gemeinsam mit seinem Team engagiert er sich in Nepal und im jordanischen Zaatari, dem zweitgrößten Flüchtlingscamp der Welt.

Vergangene Woche konnten neugierige Hamburger gegen eine Spende in einem Flüchtlingszelt („Domo-Hotel“) in der Hamburger Hafencity übernachten. Mir kam tatsächlich zu Ohren, dass es „Probleme für Sushi-Bringdienste gab, die Zelte zu finden“. Ich wünschte mir sehr, dass niemand in Nepal oder Zaatari etwas von diesen Problemen gehört hat.

Der Autor: Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk. Er ist einer von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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