Der Werber-Rat
Zivilcourage üben

Verantwortungsdiffusion nennt sich das Phänomen, wenn eine Menschenmenge beim Anblick einer Tat lieber wegsieht als einschreitet. Je mehr Menschen anwesend sind, desto feiger verhalten sie sich.
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Es gibt namenlose Helden, die selbstlos eingreifen, wenn ein Verbrechen geschieht. Häufiger liest man von vielen anderen, die hinsehen, aber als Voyeure einer Gewalttat, die sie nicht betrifft. Der Einzelne ist leichter bereit, einzuschreiten und sich sogar selbst zu gefährden. Das Kollektiv, das die Tat am ehesten verhindern könnte, hält sich feige zurück.

Sozialpsychologen versuchen, dieses Verhalten zu enträtseln. Sie nennen es Verantwortungsdiffusion. Je mehr Personen anwesend sind, desto mehr verdünnt sich das Gefühl, man müsste was tun, um dem Opfer beizustehen. Der potenzielle „Held“, als den sich mancher empfindet, seitdem er Superman gesehen hat, verwandelt sich in den „Zuschauer“, der sich nicht zuständig fühlt.

Vermutlich verstärkt unser Medienkonsum diesen Effekt. Als die Gladbecker Geiselnehmer mit ihrem Pkw einen Tag lang in der Kölner Fußgängerzone standen, die Pistole am Kopf ihres Opfers, bildete sich um sie herum eine Menschentraube, die das Geschehen beglotzte, frei nach Loriot: „Lasst doch das Kind mal heran!“ Journalisten eilten herbei, unterhielten sich mit den Gangstern. Jeden Moment konnten Schüsse fallen, offenbar erfasste niemand die Gefährlichkeit der Situation. Es war der totale Wirklichkeitsverlust. Man fühlte sich als Zuschauer eines Fernsehprogramms. Wenn es ungemütlich wurde, konnte man ja umschalten.

Zivilcourage. Kann man ein defektes Gen im Humanum der Gesellschaft und des Einzelnen reparieren? Kann man richtiges Verhalten durch Training lernen?

Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr und der Sicherheits- und Gebäudedienstleister Kötter Services haben die Stiftung „muTiger“ gegründet. Teilnehmer ihrer kostenlosen Kurse lernen, bewusst hin- statt wegzusehen. Sie üben, kritische Situationen richtig einzuschätzen und Handlungsspielraum zu erkennen. Zugleich entsteht ein Netzwerk für Zivilcourage. Aus „gemeinsam sind wir schwach“ soll „gemeinsam sind wir stark“ werden. Eine sinnvolle Initiative, die Aufmerksamkeit verdient.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Zivilcourage üben"

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  • Ich kann Ihre Argumentation verstehen! Sie ist, denke ich von jedem gesunden Menschenverstand nachzuvollziehen.

    Jedoch würden wesentlich mehr Menschen in solch einer Situation eingreifen, müsste sich ein einzelner nicht einem Kampf stellen der möglicherweise zu schweren Verletzungen führt, somit auch keiner Haftstrafe beugen.

    Mal ganz abgesehen davon, falls Sie ein braver Bürger sind, bekommen Sie Bewährung ;-)
    Es kommt ja nicht sofort zu einer Haftstrafe.

    Ich zähle auf den gesunden Verstand unserer Richter!

    Daniel Zwecker
    Simply different ...!

  • @Germanenhengst- Großartiger Beitrag

    Diesem Beitrag stimme ich vollumfänglich zu. Ich teile ihre in diesem Kommentar geäußerten Ansichten. Ich selbst habe in meinen vielen Kommentar sehr ähnliches geäußert, wenn auch in anderen Worten.

    Ich selbst habe es einmal so formuliert,
    Der sogenannte "Kampf gegen rechts" ist ein Kampf gegen gegen die Kultur, Gruppensolidarität und Gruppen-Interessen von Deutschen und sonstigen indigenen Europäern, sowie gegen alle, die sich dafür engagieren wollen

  • Herrn Hombach zeichnet aus, dass er zu wissen scheint wovon er da schreibt: dass er davon allerdings auch keine Ahnung zu haben scheint: wen interessieren soignierte Einsichten eines Politikers, der es zum Buch bringen möchte?

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