Der Werber-Rat Zu teure Praktikanten

Das vom Bundestag verabschiedete Gesetz zum Mindestlohn hat etliche große Fehler. Es könnte dazu führen, dass viele Werbeagenturen künftig keine Praktikanten mehr beschäftigen wollen.
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Den Mindestlohn hält Kolumnistin Marianne Heiß für volkswirtschaftlich schädlich. Besonders Praktikumsstellen seien gefährdet, wenn diese vergütet werden müssten. Quelle: dpa

Den Mindestlohn hält Kolumnistin Marianne Heiß für volkswirtschaftlich schädlich. Besonders Praktikumsstellen seien gefährdet, wenn diese vergütet werden müssten.

(Foto: dpa)

Vielleicht liegt es einfach nur daran, dass ich die Fußballweltmeisterschaft mit weniger Leidenschaft verfolge. Trotzdem verwundert es mich, wie heftig ganz Deutschland darüber streitet, ob Philipp Lahm besser als Außenverteidiger spielen sollte und ob André Schürrle in die Startelf gehört oder nicht. Alle möglichen Vor- und Nachteile werden da nahezu episch ausgebreitet. Dabei gibt es ein Thema, das solch ausgiebige Diskussionen weit mehr verdient hat: der staatlich festgesetzte Mindestlohn.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ich halte den Mindestlohn, der vergangenen Donnerstag vom Bundestag verabschiedet wurde, für volkswirtschaftlich fraglich und arbeitsmarktpolitisch schädlich. Der Staat mischt sich außerdem zu sehr in die Tarifautonomie ein - mit einem Gesetz, das große Fehler aufweist.

Marianne Heiß ist Finanzchefin der Agentur BBDO Germany.

Marianne Heiß ist Finanzchefin der Agentur BBDO Germany.

Einer dieser Fehler richtet sich gegen Praktikanten, die in einen Kreativberuf einsteigen wollen. Für sie könnte sich die Mindestlohnregelung als kontraproduktiv erweisen. Ein Beispiel aus unserer Agentur: Wir bieten jungen Kreativen während ihres Praktikums eine erste Orientierung und zeigen ihnen Perspektiven auf für einen Einstieg in die Werbe- und Kommunikationswelt. Der Nachwuchs erhält, ergänzend zum Studium, die Praxisnähe: Die jungen Talente haben die Chance, bei Werbekampagnen mitzuarbeiten. Das Praktikum ist für sie also wichtiger Teil der Ausbildung und damit eine Zukunftsinvestition.

Auch wir investieren in unsere Praktikanten, weil wir junge Talente entdecken und an uns binden wollen. Wir nehmen uns Zeit für den Nachwuchs, stellen ihm die besten Mitarbeiter zur Seite, bilden in der modernsten Technik aus und schulen auf neue Entwicklungen. Unsere Praktikanten genießen ein ebenso umfangreiches Trainings- und Ausbildungsprogramm wie unsere Auszubildenden. Aber warum sollen Praktikanten künftig dreimal so viel verdienen wie Auszubildende?

Der Mindestlohn, der bereits nach drei Monaten Praktikum greifen soll, ignoriert diese Ausbildungskomponenten. Die Folgen: Wegen der Mehrbelastungen werden viele Agenturen weniger Praktikumsplätze bereitstellen können oder die Ausbildung während des Praktikums deutlich abspecken. Darüber sollten wir diskutieren, gleich nach der WM.

Die Autorin:
Marianne Heiß ist Finanzchefin der Agentur BBDO Germany. Sie ist eine von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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8 Kommentare zu "Der Werber-Rat: Zu teure Praktikanten "

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  • Wenn ich Frau Heiß richtig verstehe, geht es bei ihren Praktikanten um Leute die schon mindestens ein BA oder auch einen Master in der Tasche habe, zu mindestens wird ein Bwl-Studium für eine aktuelle Praktikantenstelle im Account-Manafement voraus gesetzt.
    Wie dreist und unsozial muss man denn sein, dass man sich beschwert das man Jung-Akademiker nur noch 3 Monate ausbeuten kann?
    Jeder ausbeutete Praktikant muss schließlich von der Gesellschaft finanziert werden. Wieviel indirekte Subventitionen braucht denn BBDO um Geschäftsmodell am Leben zu halten?
    Wie wenig vertrauen muss man denn in seine Personalauswahl haben, dass ein normales Bewerbungsverfahren wie in allen Branchen üblich nicht ausreicht?
    Und unfähig wie man anscheinend ist, kann man die Qualität von Mitarbeitern nach 3 Monaten noch nicht einschätzen.
    Und jetzt kommt es ganz schlimm für das Unternehmen, denn nun muss man den Jung-Akademikern nach 3 Monaten auch Mindestlohn zahlen, 170 h × 8,50 = 1445 Euro pro Monat. Echt schlimm, nicht der Mindestlohn, sondern diese Art von Unternehmen.

    Ich bin selber Versandhandels-Unternehmer und zahle mein Lager- und Versand Mitarbeiter schon mehr, ganz ohne Praktikum,ab dem 1. Monat und ohne akademischen Grad.
    Und nach meinen BWL-Studium habe ich schon vor 20 Jahren schon sofort mehr als 3000€ brutto/Monat als Einstiegsgehalt bekommen.

    Mitarbeiter wie Frau Heiß sollte gleich wegen geschäftsschädigen Verhalten gekündigt werden oder wie soll man eine so negative PR für BBDO sonst bezeichnen.

    Oder lebt man bei BBDO so weltfremd, dass die Ausbeutung von Berufseinsteiger schon als Normalität betrachtet?

    Und bitte liebe Jung-Akademiker macht um diesen und ähnliche Jobeinstiege einen großen Bogen.
    Und BITTE wenn ihr später Aufträge zu vergeben habt, erinnert euch und streicht sie als erstes von der Lieferantenliste!

    Christian Petersen

  • Blickwinkel 1: Die Agentur BBDO Germany hat ein so prekäres Geschäftsmodell, dass sie schon den potentiellen Nachwuchs ausbeuten muss.

    Blickwinkel 2: Der Mindestlohn sorgt dafür, dass weniger Leute in solchen Ausbeuterbranchen landen.

    Blickwinkel 3: Es wird höchste Zeit, dass der Mindestlohn die Branche zu akzeptabler Bezahlung zwingt. Natürlich führt das dann zu einer Marktbereinigung, die aber (nicht nur) dieser Markt dringend braucht.

    Blickwinkel 4: Wer bislang für weniger als den Mindestlohn arbeitet, ist auf staatliche Transferleistungen angewiesen. Diese Transferleistungen sind, genau genommen, Subventionen für die Arbeitgeber. Denn ohne die Transferleistungen könnten die prekär Beschäftigten diese Jobs überhaupt nicht annehmen. Diese Transferleistungen führen später zu weiteren Transferleistungen, weil diese Leute später zwangsweise in der Grundsicherung landen.

  • Herrlich, es hat sich nichts geändert! Wenn auf etwas Verlass ist, dann auf die Selbstherrlich- und Erbärmlichkeit der deutschen Werberszene. Vielleicht sollte die Autorin zu Springer und Jacoby wechseln. Da zahlte man zumindest vor 20 Jahren für ein halbjährliches Praktikum Null komma Null. Das dürfte dem Gusto der Frau Finanzchefin näher kommen. Ich kann nur jedem jungen Menschen raten, der nicht in den ersten 5 Berufsjahren für nen Appel und nen Ei bis zur Besinnungslosigkeit ausgesaugt werden möchte, einen weiten Bogen um Werbeagenturen zu machen.

  • "Aber warum sollen Praktikanten künftig dreimal so viel verdienen wie Auszubildende?"

    8,50€ Brutto ist 3 mal so viel wie bei euch Azubis verdienen?! Nettes Eigentor....

  • Nun. Dem kann ich leider überhaupt nicht zustimmen. Die Klientelpolitik der CDU/CSU geht mir schon seit jeher auf den Keks. Immer nur zugunsten der Unternehmen und Konzerne. Bei uns werden vollwertige Arbeitsplätze durch Praktikanten besetzt. Das hat System. Denn wenn der Praktikant für 830€ im September fertig ist, wird bereits für September der nächste Praktikant eingestellt. Nun potenzieren sie das auf 5000 Teams. (Pro Team gibt es ca. 1 x Werkstudenten und 1 x Praktikanten), ergo spart sich der Konzern min. 5000 vollwertige Arbeitsplätze, die andernfalls definitiv besetzt werden müssten. Alleine aus Kapazitätsgründen. In diesem Land läuft gehörig etwas schief. Zeitarbeit, Werkarbeit, Praktikum usw. Alles Erfindungen von und für Unternehmer! Armes Deutschland!

  • Ich halte diese Aussage von Frau Marianne Heiß für fraglich. So wie Sie es beschreiben Frau Heiß klingt ein Praktikum bei BBDO Germany nach dem, was in anderen Unternehmen eine Trainee-Stelle ist. Mit einem Unterschied: Ein Trainee wird besser bezahlt. Sie gehören Ihrer Aussage zu den Unternehmen die Hochschulabsolventen möglichst lange billig beschäftigen wollen. Darüber sollten Sie diskutieren, am Besten noch vor Ende der WM.

  • Zitat aus dem Artikel:
    " Aber warum sollen Praktikanten künftig dreimal so viel verdienen wie Auszubildende? "

    8,50€ soll drei mal soviel Geld sein wie Auszubildende pro Stunde bekommen? Dann, Frau Heiß, würde ich wirklich mal überdenken wer hier wen ausbeutet...

  • Nirgendwo herrscht so viel Ausbeutung wie in der Kreativbra(n)che.

    Wenn damit jetzt Schluss ist, dann kann das nur gut sein. Viellicht bewegt es junge Menschen auch dazu was anständiges zu lernen, anstatt "irgendwas mit Medien" zu machen ....

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