Der Werber-Rat: Zum Denken in den Container

Der Werber-Rat
Zum Denken in den Container

Unternehmen sind auf Querdenker angewiesen, um innovativ zu bleiben. Doch viele Entscheider scheuen sich, solche Querdenker einzustellen. Sie sehen in ihnen vielmehr tickende Zeitbomben.
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Tim Renner, Musikunternehmer und Autor ohne politische Erfahrung und mit nur geringem Wissen über Theater und Oper, soll Kulturdezernent in Berlin werden. „Dit ist mal wieder typisch Balien“, dachte man. Arm, aber sexy und „denn holn wa uns ma so’n Varrückten in de Politik“. In den sozialen Netzwerken wurde gemutmaßt, dass für das Heer der armen aber sexy Kreativen in Berlin jetzt goldene Zeiten anbrechen.

Diese halb hämischen Reaktionen sind bezeichnend. Nicht für Berlin, sondern für unsere Haltung gegenüber unkonventionellen Menschen auf konventionellen Posten: Das wollen wir nicht so gern. In der Politik nicht und in Unternehmen erst recht nicht.

Aus Sicht des in Rastern denkenden Managers ist das sogar verständlich: Der kreative Spinner ist eine tickende Zeitbombe im stromlinienförmigen Unternehmen. Er bringt definierte Abläufe durcheinander und hinterfragt das Bestehende.

Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die bestätigen die Regel. So gilt Googles Mut zu verrückten Projekten und die kreativen Freiräume, die das Unternehmen seinen Mitarbeitern lässt, auch in deutschen Dickschiff-Unternehmen als Vorzeigebeispiel — doch über die Anschaffung von ein paar bunten Sitzwürfeln kommen sie selbst nicht hinaus.

Ein großes Mobilfunkunternehmen hat sich vor ein paar Jahren einen Thinktank geleistet — einen Container vorm Unternehmenssitz, in den man sich zum Ausdenken zurückziehen konnte. Die Nutzungshäufigkeit entsprach etwa der kreativen Aura, die so ein Bürocontainer ausstrahlt.

Mittlerweile tobt sich ein Großteil der Querdenker in der Start-up-Szene aus. Dort entstehen viele der Innovationen, die eigentlich in Unternehmen entstehen müssten. Immer mehr Unternehmen verlegen sich darauf, den Querdenkern ihre Ideen abzukaufen, statt sich selbst Querdenker in den eigenen Reihen zuzumuten. Aus wirtschaftlicher Sicht mag das sinnvoll sein. Der Kultur unserer Unternehmen täte mehr Spinnertum aber ganz gut. Mal sehen, wie lange der designierte Kulturdezernent es in Berlin aushält. Auch wenn die Stadt nicht als wirtschaftliches Vorbild für Unternehmen taugt — in Sachen Personalentscheidungen könnte sie ein Zeichen gesetzt haben.

Der Autor:

Stefan Kolle ist Geschäftsführer Kreation der Agentur Kolle Rebbe in Hamburg. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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