Werber-Rat
„Die Liste der Jakobiner ist nach oben offen“

In Demokratien wird teilweise recht hitzig debattiert. Doch hetzt jeder gegen jeden, dann ist das ein Zeichen gesellschaftlicher Orientierungslosigkeit. Dabei lebt diese Staatsform von Zusammenführen und vom Ausgleich.
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Demokratie: Man darf sich streiten, nach Herzenslust und – je nach Geschmack – mit dem Florett oder wie die Kesselflicker. Am Ende steht der zähneknirschende Kompromiss. Er glänzt nicht als Heldentat, aber er hat immerhin eine Fülle von Meinungen und Möglichkeiten und eine Legitimation produziert. Der politische Gegner steht an der Peripherie der Nächstenliebe.

Sogar der Wahlkampf ist eine Form der Kommunikation. Es gibt Beulen und Schrammen, aber keine tödlichen Wunden. Worum uns alle anderen Staatsformen beneiden: Der Regierungswechsel zündet nicht das Theater an. Er verteilt nur die Rollen neu.

Johannes Rau forderte "Versöhnen statt spalten". Er hatte einen Seismographen für gesellschaftliche Beben. Ein Zeichen für gesellschaftspolitischen Orientierungsverlust: Jeder hetzt gegen jeden. Gierige, Sozialschmarotzer, Reiche, Asoziale, Banker, aber auch Raucher, Schwaben, die in Berlin Brötchen kaufen oder Bäcker, die an Pfingsten arbeiten. Die Liste der neuen Jakobiner ist nach oben offen. Der mit der Spalt-Axt durch den Wahlkampf gekommene François Hollande macht erfreulich schnell die historische Erfahrung neu: Die Revolution frisst mit Vorliebe ihre eigenen Kinder.

Man hat nicht die Kraft, das eigene Projekt durchzusetzen, aber es reicht gerade, die anderen zu verhindern.

Beispiel "Europa". Die größte Erfolgsgeschichte des Kontinents wurde allzu lange nur mit Wirtschaftserfolg identifiziert. Wenn die Kohle stimmt, werde sich irgendwann auch die Seelenverwandtschaft einstellen. Freundschaft nur, wenn auch die Kohle rüberkommt? Da genügt eine Flaute, und das Schmiermittel wird zum Sand im Getriebe.

Höchste Zeit, das Rau’sche Motto wiederzubeleben. Eine verantwortliche Führung müsste es vielfach in die Welt setzen und beispielhaft vorleben. Der erste Redner, der im Bundestag in Richtung Opposition sagt: "Verdammt noch mal, ihr habt recht", der verdient kein Parteiausschlussverfahren. Im Gegenteil: Er soll in die Geschichtsbücher, und er bekommt meine Stimme.

Pilze liegen schwer im Magen. Die Demokratie lebt eben nicht von Spaltpilzen. Zusammenführung und Ausgleich ist die politische Kulturleistung und muss als solche anerkannt werden.

Der Autor ist einer von fünf Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben. Bodo Hombach ist Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Kommentare zu " Werber-Rat: „Die Liste der Jakobiner ist nach oben offen“"

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  • Ein guter Artikel, Danke.

  • Ich möchte eigentlich nicht so platt sein und mit "Endlich sagts mal einer" kommentieren, aber unterm Strich trifft es das. Wenn es so bleibt wie jetzt, wo das agressive Herausplärren von Partikularinteressen, das Dagegensein ohne Sinn und Verstand, ohne eigentlichen Gestaltungs- und Lösungswillen zum gefeierten Selbstzweck wird, sind wir in fünf Jahren erledigt.

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