Werber-Rat
Kunst ist, wenn man trotzdem lacht

Kunst in Unternehmen ist Kommunikation. Kunst finden alle toll und ist ein Megatrend. Sie sieht schön aus und hat eine Botschaft. Aber was ist eigentlich Kunst in einem Hotelzimmer? Dekoration oder Körperverletzung?
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Kunst ist Kommunikation. Kunst finden alle toll. Kunst ist ein Megatrend. In den Fluren eines meiner ehemaligen Kunden aus dem Finanzbereich hing eine beeindruckende Sammlung abstrakter Werke. Bei einem Modekunden großartige, zeitgenössische Fotografie. Bei meinem Ex-Arbeitgeber schmückte sogar die Kantine ein Baselitz. Im Chefbüro prangte ein riesiger Jonathan Meese, der immer lecker nach Ölfarbe roch. Ich liebe Kunst und verstehe nichts davon. Manchmal hat sie einen großen Einfluss auf mein Befinden.

Berufsbedingt nächtige ich oft in Hotels. Das sind nicht die ersten Häuser dieser Zunft. Wenn ich dann erschöpft vom langen Arbeitstag das Plastikkärtchen in das Schloss schiebe, das Lämpchen blinkt und die Tür sich mit einem Klick öffnet, steigt auch in mir die Spannung. Was hängt über dem Bett? Wenn noch ein Fünkchen Resthumor in mir glimmt, fange ich an zu lachen. Ist das Energielevel zu niedrig, bekomme ich einen Anfall von schlimmem „Hotelzimmerblues“.

Ausgelöst durch die Zimmereinrichtung und vor allem durch das, was sich dort Kunst nennt. Eine kleine Auswahl aus den letzten Wochen. Heidelberg: toskanische Landschaft, gedruckt, tut so als sei sie ein Ölbild. Der Clou: Die Landschaft ist auch über den Rahmen „gepinselt“. München: wildes Airbrush-Geschwurbel in Rosa. Sieht aus als wäre ein Schmetterling mit etwas Fossilem kollidiert. Frankfurt: ein nachgemachter Rothko. Schief aufgehängt. Oxford: Im Copyshop hochgeblasene orange und gelbe Farbstreifen. Ein Sonnenuntergang? Als hätte ein Häftling seine Zelle mit einem Ausblick versehen wollen. Passt zum trüben Knastlook des Zimmers.

Kunst in einer Bank sagt etwas über Macht, Geld und Hochkultur. Kunst in einer Werbeagentur sagt auch etwas über den Erfolg des Unternehmens, und dass man sich hier nicht nur der profanen Werbung widmet. Kunst in einem Hotelzimmer sagt nur etwas über schlechten Geschmack.

Manchmal ist das aber so rührend und unfreiwillig komisch, dass ich daraus jetzt ein Thema gemacht und eine Betroffenengruppe auf Facebook gegründet habe. Wir müssen schließlich unter diesen Dingern schlafen. Da kann man jetzt die schönsten Werke sehen. Und lachen.

Die Autorin: Britta Poetzsch ist Global Creative Director der Agentur Ogilvy. Sie ist eine von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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