Werber-Rat
Selfie vor der Fankurve

Der italienische Fußballstar Francesco Totti schoss das ultimative Fußball-Selfie: von der Reservebank, während der Spielzeit. Social Media hält Einzug in den Profifußball – und bietet dabei viele neue Chancen.
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Vor einer Woche ereignete sich im ehrwürdigen Olympiastadion zu Rom Epochales. Der Kapitän und Volksheld des AS Rom, Francesco Totti, erzielte im Derby gegen Lazio nicht nur zwei Tore, sondern nahm an der Auswechselbank ein Smartphone in Empfang und posierte vor der Fankurve – das ultimative Fußballer-Selfie.

Auf dem Platz blieb Tottis Verhalten unbestraft, Traditionalisten und Fußballromantiker geben ihm für die Aktion sicherlich die rote Karte. Da nun bereits die Kabinen der berühmtesten Stadien nicht mehr die sagenumwobenen Orte voller Mythen und geheimer Ansprachen sind, hat es der Selfie-Trend nun sogar in die heiligen 90 Minuten geschafft.

Aber: Mehr als 200.000 Roma-Fans gefällt das, sämtliche Sport- und Social-Media-Portale berichten über den #tottiselfie. Ein neues Level im Social-Media-Einsatz.

Dass nicht ein Spieler der „Generation Facebook“ diesen Schritt wagte, sondern der 38-jährige „Imperator von Rom“, hat einen strategischen Hintergrund. Bereits 2013 verkündete der neue Roma-Präsident James Pallotta, dass Social Media künftig die Fans und Spieler noch enger verbinden muss. Ein sofortiger Upload des Selfies scheiterte vermutlich am fehlenden WLAN im baufälligen Stadio Olympico – dies wird 2015 in deutschen Stadien indes kein Problem mehr sein.

In Leverkusen, Dortmund, auf Schalke und in Bremen ist WLAN bereits integriert – oder zumindest fest geplant. 90 Minuten pures Fußballerlebnis bekommt Konkurrenz durch Echtzeitinformationen und individualisierte Angebote: Wiederholungen können sofort auf dem Smartphone abgespielt werden, das Trikot des Torschützen ist zehn Prozent günstiger im Onlineshop, und Push-Mitteilungen zum nächsten Kartenvorverkauf treffen mit dem Abpfiff ein. Das Stadionerlebnis wird revolutioniert. Vereine können die Fanbeziehung mit echtem Mehrwert über die Integration von Technologien steigern.

Aber: Wer auf sein Handy schaut, blickt nicht mehr auf den Platz. Damit schreitet die Individualisierung auf den Tribünen voran: Ich erlebe das Spiel alleine, nicht mehr als stimmgewaltige Gruppe. Man kann gespannt sein, wer diesen Balanceakt aus Marketing und Stadionatmosphäre am besten meistern wird.

Der Autor: Christoph Metzelder ist Mitinhaber der Agentur Jung von Matt/Sports. Er ist einer von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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