Energie

Baumgarten in Österreich Gefährliches Nadelöhr für russisches Gas

Die Explosion im österreichischen Knotenpunkt Baumgarten hat gezeigt, wie verwundbar die Gasversorgung in Europa ist. Italien will eine neue Pipeline durch die Adria forcieren. Experten empfehlen eine andere Lösung.
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Nach der Pipeline-Explosion hat sich die Gasversorgung in Österreich und Italien wieder normalisiert. Quelle: AFP
Gasknotenpunkt Baumgarten

Nach der Pipeline-Explosion hat sich die Gasversorgung in Österreich und Italien wieder normalisiert.

(Foto: AFP)

Wien, DüsseldorfKeine 200 Einwohner besitzt Baumgarten an der March. Der österreichische Weiler im Osten von Wien, nur wenige Kilometer von der Grenze zur Slowakei, ist dennoch in der europäischen Gaswirtschaft ein Gigant. Denn Baumgarten ist der größte Knotenpunkt für den Gastransport in Mitteleuropa.

Ein Drittel des russischen Gases für Europa wird über das Dorf in der trostlosen Grenzregion umgeschlagen. Pro Jahr fließen über 40 Milliarden Kubikmeter Gas durch die Rohre der Anlage. Das entspricht rund zehn Prozent des europäischen Gasbedarfs.

Wie labil dieser Umschlagplatz für die Gasversorgung im Fall eines Unglücks sein kann, hat Österreich und vor allem sein Nachbarland Italien gerade erlebt. Bei einer Explosion wurden am Dienstag die Gasleitungen nach Italien, Deutschland und Ungarn lahm gelegt. Italien rief den Gasnotstand aus.

Am Mittwoch gab es schließlich Entwarnung. „Seit Mitternacht sind die Gasleitungen nach Deutschland, Italien und Ungarn wieder im Normalbetrieb“, sagte ein Sprecher des Öl- und Gaskonzerns OMV. Zu diesem Energieriesen gehört mehrheitlich die Gas Connect Austria, die den Gas-Knotenpunkt in Baumgarten betreibt. „Eine Fläche von 100 mal 100 Meter wurden isoliert“, bestätigte der Sprecher. Das ermöglichte die Wiederaufnahme des restlichen Betriebs auf dem 17 Hektar großen Gelände. „Der Notstand in Italien hat sich damit erledigt“, hieß es bei der OMV.

Wie Beteiligte bestätigen wurde das Unglück mit einem Toten und 21 Verletzten durch einen Fehler im Bereich des Filterseparators ausgelöst. Bei einem Filterseparator wird das Gas vor Verunreinigungen gefiltert. Die Schadenhöhe konnte am Mittwoch vom Unternehmen noch nicht beziffert werden. Es nach Angaben von Insidern noch unklar, ob auch Teile der Anlage unter der Erde beschädigt. Für die genaue Erhebung sind Erdarbeiten vor Ort notwendig.

Das Unglück in Baumgarten hatte für starke Preisturbulenzen am Markt gesorgt. „Die Tagespreise für Gas werden sich normalisieren“, erwartet ein Sprecher der OMV. Am Tag des Unglücks stieg der kurzfristige Gaspreis um fast 70 Prozent. Am Mittwoch legt er allerdings nichts mehr so stark zu. „Die Preisausschläge für Erdgas in einzelnen europäischen Märkten waren schon sehr deutlich. Es gab enorm viel Nervosität im Markt. Mittlerweile hat sich die Situation wieder entspannt und die Preise dürften sich weiter stabilisieren“, sagte Kirsten Westphal von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin dem Handelsblatt.

OMV-Chef Rainer Seele besuchte am Mittwoch die Unglücksstelle in Baumgarten, um sich einen Eindruck vor Ort zu verschaffen und den Mitarbeitern für ihren Einsatz zu danken. Für den Öl- und Gaskonzern ist das Unglück ein Imageschaden. Die Aktie gab am Dienstag über zwei Prozent nach. Am Mittwoch gab die Aktie um weitere 1,5 Prozent nach.

In Italien nutzt die Regierung das Unglück von Baumgarten, um die umstrittene Trans-Adria-Pipeline durchsetzen. Diese Gasversorgung, die von Italien durch die Adria nach Albanien bis nach Aserbaidschan führt, soll das EU-Land sicher mit Gas versorgen. „Der Bau der Trans Adriatic Pipeline ist sehr wichtig als Kernstück des südlichen Korridors aus dem Kaspischen Raum in die EU“, sagt Expertin Westphal. „Je mehr Pipelines desto besser für die Versorgungssicherheit. Das hat aber seinen Preis. Deswegen müsste die EU sich auch klar werden, welche Rolle Erdgas und die Gasinfrastruktur in einem künftigen nachhaltigeren Energiemix spielen kann und soll.“

Doch zuletzt musste Italien bei der geplanten Trans Adriatic Pipeline eine Niederlage einstecken. Die Europäische Investitionsbank in Luxemburg hatte am Dienstag eine Entscheidung über einen Milliarden Euro schweren Kredit vertagt. 

Eine Entscheidung soll es erst nächstes Jahr geben. Nicht nur Umweltschützer, sondern auch Experten stehen der Trans-Adria-Pipeline skeptisch gegenüber. „Politiker neigen dazu in Krisensituationen Entscheidungen zu treffen. So würde ich nicht überrascht sein, wenn die italienische Regierung als Reaktion auf die Explosion in Baumgarten, schnelle Versuche unternimmt, ihre Gasversorgung zu diversifizieren.“, sagte John Feddersen, Chef des britischen Analysehauses Aurora Energy Reserach, dem Handelsblatt.

Statt auf neue Pipeline zu setzen, empfiehlt der Analyst größte Speicherkapazitäten. „Wenn man in Energiesicherheit investieren will, sind Gasspeicher die beste Möglichkeit.“ Im Gegensatz zu Italien verfügt beispielsweise Deutschland über Gasspeicher, die für 70 Tage die Versorgung sicherstellen. „Der Unfall in Baumgarten hat allen noch einmal eindrücklich vor Augen geführt, wie wichtig ausreichende Speicherkapazitäten für die Versorgungssicherheit sind. Gerade wenn zentrale Knotenpunkte kurzfristig ausfallen, bieten Gasspeicher wichtige Flexibilität nahe am Kunden, um mit Versorgungspässen umzugehen“, sagte Experte Westphal von der Stiftung Wissenschaft und Politik am Mittwoch.

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