Energie

Braunkohlebergbau
Apocalypse Now

Garzweiler steht für Braunkohleabbau im ganz großen Stil. Straßen, Dörfer und ihre Bewohner müssen weichen. Wie lange geht dieses Konzept in Zeiten der Energiewende noch auf? Eine Ortsbesichtigung.
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Immerath„Sie kommen 20 Jahre zu spät.“ Hans-Walter Corsten spricht diese Worte ohne Bitterkeit, aber mit ernüchternder Endgültigkeit aus. Corsten lebt in Neu-Immerath, nur wenige Kilometer von Alt-Immerath entfernt. Er hat vor wenigen Jahren dort gebaut, ist Mitglied im Bürgerbeirat des Orts.

Unter normalen Umständen gäbe es weder neu noch alt, sondern einfach Immerath. Erst der Braunkohletagebau vom Energieriesen RWE und seiner Tochter Rheinbraun machten diese Unterscheidung notwendig: Alt-Immerath wird wahrscheinlich im Laufe des Jahres 2016 von den riesigen Schaufeln der Bagger verschluckt. Schon jetzt gleicht der Ort einer Geisterstadt. Die Straßen sind leergefegt, gefangen in einer gespenstischen Stille. 1970 gab es hier 1537 Einwohner. 2010 waren es noch 401. Jetzt sind es zwischen 40 und 100.

Schon die Anfahrt über die A61 hat etwas Beunruhigendes. Nicht wegen des Verkehrs, es ist die Gewissheit, dass der Asphalt unter den Rädern in wenigen Jahren nicht mehr da sein wird – und dass es dann nichts mehr geben wird, wohin eine Autobahn führen könnte. Wer nicht schon einmal an einem der Aussichtspunkte am Rande der gigantischen Kohlelöcher gestanden hat, kann sich die Dimensionen nur schwerlich vorstellen.

Die hausgroßen Bagger wirken fast wie Spielzeug, fräsen sich durch zahllose Tonnen Erdreich und Gestein. Im Gegensatz zur Steinkohleförderung hat der Braunkohletagebau in Deutschland überlebt, weil der weite Transport bei Braunkohle nicht wirtschaftlich wäre. Der Energieträger wird direkt vor Ort in Strom umgewandelt. Meist geht es per Zug oder Förderband direkt in die Kraftwerke entlang der Außenränder der Fördergebiete. „Irgendwo muss der Strom doch herkommen“, erklärt Corsten. Der Mann, der wegen der Bagger in Diensten von RWE sein Heimatdorf verloren hat.

Es ist ein gespaltenes Verhältnis, das die Menschen in der Region zum Energiekonzern haben. Die Essener machen faktisch gesehen nur ihren Job: Sie erzeugen Strom. Und das sichert Zehntausende Arbeitsplätze. Der Widerstand gegen die Erweiterung der Abbaugebiete hält sich dennoch seit Jahrzehnten – und ist völlig verständlich. Immer wieder lodern die Diskussionen um den Tagebergbau auf.

Das Hauptargument: Es ist ökologischer Wahnsinn, in vielerlei Hinsicht. Zum einen der Kohlendioxid-Ausstoß der Kraftwerke selbst, dem auch moderne Filter und der Handel mit Emissionszertifikaten kaum beikommen. Aber auch die bloße Zerstörung der Landschaft ist ein gravierendes Problem. So werden aus den Gruben jährlich etwa 100 Millionen Kubikmeter Grundwasser in den Rhein gepumpt.

Gleichzeitig wird wieder Wasser in die umgebenden Ökosysteme geleitet, damit Seen, Teiche und Moorlandschaften nicht austrocknen. Bis zum geplanten Förderstopp im Jahr 2045 soll der Ausstoß auf bis zu 145 Millionen Kubikmeter pro Jahr ansteigen, sagt der Naturschutzbund BUND. Nach Ende der Förderzeit wiederum werden über vier Jahrzehnte Jahr für Jahr etwa 60 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Rhein zum Verfüllen der Löcher eingeleitet.

Mammutprojekte, Jahrhundertprojekte, mit großem Nutzen, aber unübersehbaren Konsequenzen. Und jetzt, nachdem fortwährender Widerstand die Bagger nicht stoppen konnte, macht ein Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ die Runde, demnach RWE den Ausbau unter dem Projektnamen Garzweiler II stoppt, da Preisdruck und Öko-Alternativen die Braunkohle unrentabel gemacht haben. Das Dementi des Konzerns ließ nicht lange auf sich warten. Es bleibt, wie so oft, die Unsicherheit, wie es wirklich im Revier weitergeht.

Kommentare zu " Braunkohlebergbau: Apocalypse Now"

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  • Wie bekannt gibt es das magische Dreieck der Energiewirtschaft: Umweltverträglichkeit, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit, das ist die fundamentale Prämisse des EnWG und die Meßlatte für Diskussionen. Andererseits gibt es gewollte CO2 Minderungsziele, die zwangsläufig dazu führen werden, dass die Verbrennung von Kohlenwasserstoffen immer mehr abgelöst werden muß, ergo werden sich konventionelle Kraftwerke nicht mehr rechnen, das ist ja der Sinn der Energiewende. Was aber fehlt ist ein im Sinne des EnWG gesamtheitliches volkswirtschaftliches Konzept, wie diese Ziele auf welcher Zeitschiene in Übereinstimmung gebracht werden können. Ist auch nicht trivial, zumal das nicht von Europa losgelöst gemacht werden kann. Ich würde mir wünschen, daß diese Generationenaufgabe, die zu einem fundamentalen Strukturwandel führen wird, sachgerecht auf die Bahn gebracht wird. In wenigen Monaten ist das nicht zu machen, sondern erfordert einen gesellschaftlichen Konsens. Immer wieder nur auf eigene Interessen zu verweisen, wird auf Dauer keine Lösung bringen.

  • @HofmannM
    Da können wir ja von Glück reden das die "umweltfreundliche" Kernkraft zur Verfügung steht ... ups ... Tschernobyl und Fukushima und die dutzenden beinahe Katastrophen habe ich meinem Eifer jetzt noch glatt vollkommen verdrängt, aber na ja, dies passiert ja so einigen hier, oder vandale?

  • sie werden in rente gehen!!! gestern ist eine vorruhestandsregelung bis einschliesslich bj60 verabschiedet worden, mit der eindringlichen bitte um schnelle umsetzung. das nächste konzept des (sozialverträglichen) stellenabbaus liegt bereits griffbereit in der schublade und betrifft die jahrgänge 61-63. doch dafür wird man erst die kommenden tarifverhandlungen abwarten!!! wer also weiterhin gewissen dementis glauben schenkt, tja, dem kann man nicht mehr helfen. die braunkohle ist ein totes kind!!!

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