Energie

Buch zum „Kampf um Strom“
Eine Lanze für die Energiewende

Die Energieexpertin Claudia Kemfert will in ihrem Buch „Kampf um Strom“ mit einigen Mythen aufräumen. Besonders ärgert sie sich über den Begriff „Kostentsunami“ – der sei Panikmache.
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Düsseldorf „Es ist erschütternd, mit anzusehen, wie sich Missverständnisse, Irrtümer und Fehlinformationen über den Strompreis in den Köpfen der Bevölkerung festgesetzt haben“, findet Claudia Kemfert. Die Energieexpertin hat deswegen das Buch „Kampf um Strom“ geschrieben, um mit einigen „Öko-Mythen und Energie-Irrtümern“ aufzuräumen. Das gelingt ihr auch oft – mit überraschend einfachen Rechnungen.

Kemfert ist eine ausgewiesene Expertin: Sie leitet seit 2004 die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Bei den Wahlen in Nordrhein Westfalen war sie als Ministerin für Energie und Klima im Gespräch.

Die Ökonomin warnt zum Beispiel vor Panikmache vor steigenden Strompreisen. Eine der „verbalen Keulen, die im Kampf gegen den Strom aus erneuerbaren Energien häufig zum Einsatz kommt“, sei die Wortneuschöpfung „Kostentsunami“, schreibt sie. „Sie soll eine Riesenwelle monetärer Belastungen beschreiben, die angeblich infolge des Erneuerbare-Energien-Gesetz auf uns zurollt und sich anschickt, unsere wirtschaftliche Existenz fortzuspülen.“ Auch im Zuge der Berichterstattung über den Anstieg der EEG-Umlage zum Jahreswechsel wurde stets die Betonung auf die damit verbundene, angeblich horrende Mehrbelastung der Verbraucher gelegt.

Aber ist die Belastung tatsächlich so hoch? Kemfert hat nachgerechnet. Das Ergebnis: Der Anteil der Stromkosten macht derzeit 2,3 Prozent der Konsumausgaben eines Durchschnittshaushaltes aus, er steigt auf 2,5 Prozent(Kemfert bezieht sich hier wohl auf die Stromkosten nach Anhebung der EEG-Umlage Anfang 2013). „Die meisten Menschen wissen weder, wie viel Strom sie verbrauchen, noch, was sie bezahlen. Existenzielle Angst sieht anders aus“, schreibt sie.

Doch auch Kemfert muss zugeben, dass das EEG in seiner aktuellen Ausgestaltung Privathaushalte sowie kleine und mittlere Unternehmen belastet. Das bringe die erneuerbaren Energien in Misskredit. Wenn sich die Regierung jedoch tatsächlich Sorgen um die einkommensschwächeren Haushalte machen würde, könne sie an einer anderen Preisschraube drehen: der Mehrwertsteuer. Denn auf alle Komponenten, aus denen sich der Strompreis zusammen setzt, zahlt der Verbraucher zusätzlich 19 Prozent Steuern.

Und ein weiteres – in diesem Zusammenhang allerdings oft vorgetragenes – Argument führt die Energieexpertin an. Auch „in den Ausbau der Atomenergie flossen staatliche Mittel“, auch die Stromgewinnung aus Kohle sei stets indirekt durch die Förderung des Kohlebergbaus subventioniert worden. Für den grünen Strom zahle dagegen der Stromkunde direkt.

Und Kemfert will noch ein weiteres Argument der Energiewende-Kritiker widerlegen. Die hohen Strompreise sorgen dafür, dass die Unternehmen ihre Standorte ins Ausland verlagern, so das Argument einiger Politiker und Industrievertreter. Kemferts Gegenargument: Bei der Entscheidung zu einer Produktionsverlagerung ins Ausland spielten die Energiekosten „meist nur eine untergeordnete Rolle, da sie bei der Mehrheit der Betriebe nur einen kleinen Teil der Gesamtkosten ausmachen – der Durchschnitt liegt bei 3 Prozent.“

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  • Der "Kampf um Strom" ist der Kampf um Macht, geführt vom Staat, um die Bürger völlig unter seine Kontrolle zu bringen. Wer Energie kontrolliert, der kontrolliert so ziemlich jeden Aspekt des modernen Lebens, insbesondere die Lebensqualität und den Aktionsradius (sowohl bildlich als auch wörtlich) der Bürger.
    Zuerst waren die Kraftstoffe dran (200% Steuern auf die Herstellungskosten), damals noch mit dem Waldsterben begründet, doch seit der Jahrtausendwende kam mit dem Klimaschutz begründet dann das trojanischen EEG, und damit ging es jetzt auch an den Strom. Nächste Stufe dieses "Krieges" wird der Smart Grid, der den Behörden die direkte Einsicht in unsere Elektrogeräte geben wird.

  • Frau Energieexpertin Claudia Kemfert hat noch schnell ein Buch zur Energiewende geschrieben - bevor diese Kostengründen in sich zusammenfällt. Dann kauft dieses Buch nämlich niemand mehr. Ich kann mir gut vorstellen, hätte sie ein Studium der elektrischen Energie- und Versorgungstechnik absolviert, würde sie das zunehmende EEG-bedingte Chaos bei der Stromerzeugung und -verteilung im Netz erkennen und nicht zusätzlich die einfältigen Streitereien und gegenseitigen Schuldzuweisungen der Politiker über den richtigen Strompreis unterstützen.
    Alina Alanka

  • Da muß ich der Autorin dieser Kritik aber sehr widersprechen. Wenn dieses Buch insbesondere von Politikern gelesen würde, wäre der ZickZack-Kurs, den insbesondere Altmaier und Rösler fahren, schnell vorbei. Und die Bürger, die mitreden wollen, für die ist dieses Buch ein Muß. In der Kürze liegt die Würze, das hat Fr.Kemfert hervorragend hingekriegt.

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