Energie

Eon-Chef Teyssen provoziert

„Hat der Staat nicht selbst die AKWs gebaut?“

Die Politik stört den Eon-Umbau mit Plänen für eine neue Haftung für die Atomkraftwerk-Risiken. Konzernchef Johannes Teyssen hält mit einer provokanten Frage dagegen: Hat der Staat nicht selbst die AKWs gebaut?
19 Kommentare
Der Eon-Chef ist um direkte Worte nie verlegen. Quelle: dpa
Johannes Teyssen

Der Eon-Chef ist um direkte Worte nie verlegen.

(Foto: dpa)

DüsseldorfKeine Frage, Johannes Teyssen ist keiner dieser aalglatten Manager, die sich jedes Wort zweimal überlegen, um es dann doch nicht auszusprechen. Wenn ihn etwas stört, spricht er es offen an. Häufig wird er emotional, manchmal sogar richtig provokant.

Aktuell verfolgt die Politik mal wieder Pläne, die Teyssen in Rage bringen. Das Bundeswirtschaftsministerium arbeitet an einem Gesetz, das die Haftung für die Risiken aus der Kernenergie verlängern würde. Für Eon könnte das dramatische Folgen haben: Der Konzern müsste auch nach der geplanten Abspaltung der Kernkraftwerke in die neue Gesellschaft Uniper faktisch unbegrenzt für Rückbau und Entsorgung haften. Von einer „Ewigkeitshaftung“ ist schon die Rede. Aktuell beträgt die Nachhaftung nur wenige Jahre.

Teyssen konterte den Angriff jetzt mit einer provokanten These: „Ist es denn richtig, dass derjenige für alle Ewigkeit haftet, der die Kernkraftwerke derzeit besitzt, oder derjenige, der sie gebaut hat?“, fragte er am Donnerstag bei einem Auftritt vor der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung Düsseldorf. Letzteres wäre in manchen Fällen nämlich der Staat selbst. Wer habe denn die Kraftwerke bei Hamburg gebaut? Die damalige HEW. Und wem habe der Versorger damals gehört? Der Freien und Hansestadt Hamburg. Und wer habe die Reaktoren in Bayern gebaut? Das Bayernwerk. Und wem habe das damals gehört? Dem Freistaat Bayern. Vor einem guten Jahrzehnt habe Hamburg HEW an Vattenfall verkauft und gutes Geld dafür bekommen. „Ist es seriös, dass die Schweden jetzt für immer haften sollen?“

Vattenfall steht genauso wie Eon im Fokus des geplanten Gesetzes. Die Schweden hatten vor Jahren die deutschen Kernkraftwerke in eine GmbH ausgegliedert und sind in Deutschland auf dem Rückzug. Teyssen hatte Ende 2014 mit einem radikalen Strategiewechsel überrascht. Deutschlands größter Energiekonzern will sich in zwei Teile aufspalten. Während sich die Eon SE komplett dem Geschäft mit der Energiewende verschreiben will, sich um Vertrieb, Netze und erneuerbare kümmern will, soll das bisherige Kerngeschäft, der Betrieb von großen Kraftwerken, an Uniper gehen. Kritiker sehen darin vor allem den Versuch, die Risiken für die Atomkraft abzugeben. Sie fürchten, dass die 36 Milliarden Euro, die die deutschen Konzerne für Rückbau und Entsorgung zurück gestellt haben, nicht reichen.

Teyssen hält den Vorschlag weder für „fachlich fundiert“, noch sei er „verfassungsrechtlich machbar“. „Solch ein Sonderrecht gibt es für kein anderes Risiko – nicht in Deutschland und nirgendwo auf der Welt“, schimpfte Teyssen. Es wäre ein unzulässiger Eingriff in das Kapitalrecht. Warum würden dann nicht auch Chemiekonzerne und Banken in die Haftung genommen.? „Es gibt Banken, die haben einen höheren Schaden angerichtet – und das innerhalb weniger Tage.“ Und überhaupt: „In der Geschichte der Bundesregierung ist kein Atomkraftwerk gebaut worden, das nicht vom Staat bestellt wurde.“

Auch die Bedenken an der Höhe der Rückstellungen  kann er nicht nachvollziehen. „Früher hieß es immer, die seien überhöht“, sagte Teyssen. Bei allen Betriebsprüfungen, die er in den 25 Jahren, die er in der Branche arbeitet, erlebt habe, hätten die Finanzbehörden eher gedrängt, sie aufzulösen. Und überhaupt: Neben der Schweiz gebe es kein Land in der Welt, in dem die Rückstellungen für die Kernenergie so hoch seien. „Da gehört viel dazu, um zu glauben, das reicht nicht.“ Das hieße ja, dass alle anderen noch mehr irren.

„Man darf nicht wie ein nervöses Hemd rumflattern“
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19 Kommentare zu "Eon-Chef Teyssen provoziert: „Hat der Staat nicht selbst die AKWs gebaut?“"

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  • Wo wird E.on in 10 Jahren stehen, wenn Herr Teyssen so weiter macht? Dann muss der Staat wohl E.on übernehmen.

  • Schon vergessen ? Wer macht die geltenden Gesetze ? Die Politik !!!!

    Die gilt ebenso für die seinerzeitige Subventionslage für Bioenergie, die dann staatlicherseits einkassiert wurde als bereits investiert war.
    Politik ist kein verlässlicher Partner hat aber die Macht der Gesetzgebung.liegt in den Händen.

  • @Herr Dillig

    " VW ist ja auch nicht veranwortlich für die Entsorgung für den von mir gekauften Golf.
    Rechtlich gibt es hier überhaupt keine Option."

    Sie sind nicht aktuell informiert:

    http://www.spiegel.de/auto/aktuell/neue-altfahrzeugverordnung-wie-verschrotte-ich-mein-auto-a-454569.html

    Man kann ein Auto aber auch nicht mit einem AKW vergleichen. Es bleibt aber festzuhalten, dass die Betreiber ja eine gültige Betriebserlaubnis hatten und die politisch einkassiert wurde. Rechtlich schon ein bemerkenswerter Vorgang.

  • @Herr Meier
    Sie haben scheinbar meinen Kommentar missverstanden. Ich halte diese komische Energiewende schon lange für eine Schnapsidee, bei der es schwerpunktmässig um Wählerstimmen und Steuereinnahmen geht. Zudem schaden hohe Energiepreise der Industrie im internationalen Wettbewerb.

    Es ist mit zudem schleierhaft, mit welcher Begründung denn laufend weitere Zufallskraftwerke in die Landschaft gesetzt werden. Bei einem mittäglichen Spitzelbedarf an die 80 GW müsste doch mal irgendwann Schluss sein, mit einem weiteren Zubau. Trotz der mittlerweilen "europäischen" Probleme bei der Verwertung des Zufallsstroms, gehts aber munter weiter, als gäbs kein Morgen.Wieso ist das so?

    Die "privaten" Eigentümer von Stadtwerken und Versorgern sind doch in vielen Fällen kommnale Eigentümer, also der Staat! Insofern ist diese Diskussion ziemlicjh müssig. Zudem hat doch der Wähler die Verschrottung der AKW beschlossen, trotz bestehender Betriebserlaubnis wurden die sichersten AKWs Europas stillgelegt und wir beziehen den Atomstrom dann lieber aus Frankreich oder Tschechien. Als ob die sicherer wären. Und wir fördern sogar noch britische AKW-Neubauten über die EU, ohne dass sich da einer aufregt.
    Trotz des kommunalen Eigentümerhintergrunds sind viele Kommunen hingegangen und haben lustig dem Zubau er eigenen Region mit Landschaftsspargeln zugestimmt, in der Annahme, sie könnten damit- neben der Dividende des Stadtwerkes oder des Versorgers- noch mal abkassieren. Dabei wird die KWh nur ein mal verbraucht.... Der Fall Essen macht deutlich, dass dieses Modell wohl so langsam an Grenzen stösst. :-) Naja, die Kommunen, die vielleicht Pachteinnahmen aus WKA haben, die könnenja dann noch wenigstens diese Einnahmen benutzen, um die Versorgerbeteiligung abzuschreiben.

    Wo ich wohne: im mit derzeit rd. 300 Windkraftanlagen, teilweise über 200 hoch, verschandelten Hunsrück.

    LG

  • @Herr John Harris
    Dann müssten unsere französischen Nachbarn ja alles Hassardeure sein

    Fliegen wird auch als äußerst sicher eingestuft und dennoch kommt es immer wieder zu schwerwiegenden Unfällen. Allein das Spannungsfeld zwischen höchstmöglicher Sicherheit einerseits und den hierfür aufzuwenden Kosten lassen eine Garantie für einen unfallfreien Betrieb eines AKWs doch schon ins Land der Träume abgleiten. Ganz zu schweigen von menschlichen Fehlern aber auch Sachzwängen bei Konstruktion, Standortwahl, Bau und Betrieb solcher Anlagen. Eine lange Liste von schweren Störfällen in kerntechnischen Anlagen unterstreicht diese Aussage überaus eindrucksvoll. Es ist nicht eine Frage ob es einen weiteren schweren AKW Störfall geben wird, sondern nur wann und wo. Sollte es Frankreich sein, z.B. in Cattenom, dann werden sich bei den vorherrschenden Westwinden alle weitere Diskussionen zum Thema Sicherheit der AKWs, zumindest in Deutschland, erübrigt haben.

  • Interessant wie hier von einigen Seiten die schützende Hand über Herrn Teyssen und seine Kumpane gehalten wird.
    Er geht auf Dummenfang und stellt eine ganz einfache Frage:
    "Ist es denn richtig, dass derjenige für alle Ewigkeit haftet, der die Kernkraftwerke derzeit besitzt, oder derjenige, der sie gebaut hat?"

    Die Frage kann er sich selber beantworten: Ja natürlich sind die Besitzer verantwortlich für die betreibenen Anlagen. VW ist ja auch nicht veranwortlich für die Entsorgung für den von mir gekauften Golf.
    Rechtlich gibt es hier überhaupt keine Option.

    Frech ist allerdings von Herrn Teysen zu versuchen seine Verantwortung weiterzugeben, nachdem jahrzehntelang riesige Gewinne über die nahzu kostenlose Stromerzeugung in die Taschen der Konzerne und Vorstände inkl. Kommunen geflossen sind.
    Das wiederum war nur möglich, dass Kosten für Grund und Boden, Kraftwerksbau und Betreibung von den staatlichen Stellen seinerzeit übernommen wurde.
    Es gab allerding damals die Verpflichtung, dass jedes Unternehmen Rücklagen für den Rückbau bilden sollte. Dies wurde definitiv nicht gemacht, obwohl im Verlauf der Zeitachse gügend Geld zusammengekommen wäre.

    Mit der Liberalisierung wurden die damals staatlichen Unternehmen privatisiert, respektive verkauft.

    Von dem Moment an ist es in der Verantwortung der Betreiber mit dem Investment umzugehen...... also nicht nur zu verdienen.
    Übrigens steht sogar im Grundgesetz : " Eigentum verpflichtet ".

    Herr Teyssen, in jeder Volkshochschule gibt es Lesekurse. Kostet nicht viel und ist auch für Sie geeignet.

  • @Herr Guenther Meier
    An der Zuverlässigkeit und Sicherheit hatte sich nichts geändert …

    Eine interessante Bewertung, genau diese Aussage hat der Betreiber von Fukushima Daiichi, Tepco, nach der Tschernobyl Katastrophe ebenfalls zum Besten gegeben, mit dem allseits bekannten Ergebnis.

    „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Zitat Einstein.

  • @ Herr Reiner Feiden: Ich weiß nicht, wo Sie leben. Die Welt um RWE ist anders als Sie beschreiben bzw. vermuten. Bekanntlich sind an RWE viele Kommunen und kommunale Organisationen beteiligt. Heißt: Macht RWE hohe Gewinne, gibt es auch hohe Ausschüttungen an die Kommunen. Und nun: Macht RWE keine Gewinne, gibt es solche Ausschüttungen nicht. Was glauben Sie, wie die Kommunen nun die Defizite ausgleichen werden? Sie können gerne meckern und hohe Gewinne angreifen, Gewinne haben in unserem System nu mal eine wichtige Funktion: Daraus werden Steuern und Ausschüttungen (bei Kapitalgesellschaften) generiert. Jetzt könne Sie wählen: Hohe Gewinne, geringe kommunale Abgaben, geringe Gewinne, höher kommunale Abgaben. Verstanden?

  • Mit dem letzten Abschnitt treffen Sie den Nagel auf den Kopf: Da unsere Politiker immer ihre Nase nach dem Wind drehen, der Abschreibungszeitraum eines Kraftwerkes aber deutlich länger als eine Legislaturperiode ist, kann man schwerlich langfristige Konzepte durchziehen.

    Solange es keine langfristigen Anreize für Politiker gibt ist alles verloren, es sei denn Vertragsbrüche würden wirklich zu Lasten der Geldbörse desjenigen gehen, der sie verursacht. Wir hatten die Nicht-Beistandsklausel im Euro, diese wurde nicht eingehalten. Wir hatten die Schuldenobergrenze und auch diese wurde nicht eingehalten.

    Ist die Kernkraft wirklich so gefährlich? Dann müssten unsere französischen Nachbarn ja alles Hassardeure sein.

  • Mal sehen, was Sie dazu sagen, wenn man Ihnen morgen die Betriebsgenehmigung für Ihren Reiseomnibus entziehen, der letzten Monat über den TÜV gekommen ist? Sie haben dann sicherlich auch noch Lust für die Verschrottung zu bezahlen.

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