Energie

Eon-Chef Teyssen

„Wir haben kein zweites Boot“

Der angeschlagene Energieriese Eon ist zum weltweit zweitgrößten Betreiber von Windparks auf hoher See avanciert. Konzernchef Teyssen setzt voll auf die neue Energiewelt. Eine Hochrisikostrategie ohne Alternative.
Der Eon-Chef setzt auf neue Energiequellen. Quelle: dpa
Johannes Teyssen

Der Eon-Chef setzt auf neue Energiequellen.

(Foto: dpa)

HamburgJohannes Teyssen hat sich offenbar ein digitales Double angeschafft. Seine Gäste im Hamburger Hafenmuseum begrüßte der Eon-Chef jedenfalls auf reichlich unkonventionelle Weise. Statt leibhaftig auf die Bühne zu springen, schickte er zunächst einen Telepräsenzroboter vor – eine zweirädrige Plattform, an der ein iPad an einem langen Stiel montiert ist.

Über das Tablet ließ sich Teyssen virtuell zuschalten. „Ich gehöre vielleicht nicht zu den Digital Natives“, scherzte er. „Aber eben auch nicht zu den Digital Homeless“. Dann zeigte sich Teyssen doch noch in voller Pracht: blauer Anzug, gestreifte Krawatte und nach einer Diät um gut 30 Kilogramm leichter als noch vor einem Jahr.

Es war ein besonderer Tag für den Vorstandsvorsitzenden von Deutschlands größtem Energieversorger. Nicht nur, dass er mit „Amrumbank West“, den mittlerweile achten Windpark seines Konzerns auf hoher See offiziell einweihen konnte. Es war auch der erste öffentliche Auftritt von Teyssen als Chef der neuen, grünen Eon.

Seit Jahresanfang hat Teyssen nicht nur ganz persönlich reichlich Ballast verloren – auch sein Unternehmen. Das bisherige Kerngeschäft des Versorgers, die konventionelle Stromerzeugung, hat Teyssen in eine neue Gesellschaft abgespalten. Bei Uniper kümmern sich nun andere um Kohle- und Gaskraftwerke. Teyssen fokussiert sich mit Eon auf die neue Energiewelt: Netze, Kundenlösungen, erneuerbare Energien.

Insbesondere die Stromerzeugung aus regenerativen Energien wie Solar- oder Windkraft sieht Teyssen als „zwingenden Bestandteil“ im Überlebenskampf. Der Konzern ist von der Energiewende arg gebeutelt; musste erst im November 8,3 Milliarden Euro abschreiben und wird 2015 einen Rekordverlust verbuchen. Durch die Aufspaltung soll nun der Befreiungsschlag gelingen.

Wer übernimmt die Zukunft, wer den Ballast?
Vertrieb
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Eon übernimmt 33 Millionen Kunden – in Deutschland, Großbritannien, Skandinavien, Osteuropa oder der Türkei. Das Geschäft ist solide, die Margen sind aber dünn. Neue Produkte und Dienstleistungen müssen her. Das Problem: Eon wird sich mit neuen, schlagkräftigen Konkurrenten messen. Die heißen, Google, Apple oder Samsung. Fazit: Hoffnungswert.

Konventionelle Stromproduktion
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Jahrzehntelang produzierten Kohle- und Gaskraftwerke nicht nur Strom, sondern auch Unmengen an Geld. Strom wurde eben in großen, zentralen Anlagen produziert. Jetzt hat per Gesetz grüner Strom Vorrang im Netz und drängt die großen Kraftwerke aus dem Markt. Allein in den ersten neun Monaten brach das Ebitda der Sparte um 32 Prozent ein. Uniper muss retten was noch zu retten ist. Fazit: Sanierungsfall.

Erneuerbare Energien
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Eon stieg spät in das Geschäft mit erneuerbaren Energien ein. Inzwischen hat das Unternehmen aber schon Windanlagen mit mehr als vier Gigawatt Leistung installiert – das entspricht rund vier Kernkraftwerken. Bei Offshore-Wind sieht sich Eon weltweit an Nummer zwei, bei Onshore auf Position zwölf. Bald schon wird beim Ebitda die Milliardenmarke geknackt – kein Wunder das Eon die Sparte behält. Fazit: Zukunftsgeschäft.

Netze
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Eons Stromleitungen reichen theoretisch 25 Mal um die Erde. Eine Million Kilometer hat der Konzern verlegt. Das Netz will Eon auch behalten und hat gute Gründe: Die Renditen werden zwar von Regulierungsbehörden gedeckelt, aber lieber kleine Renditen als gar keine Renditen wie bald in der Stromproduktion. Fazit: Solides Geschäft.

Großhandel
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Den Großhandel gibt Eon ab, damit Uniper den Strom aus den Kraftwerken wenigstens selbst vermarkten kann. Die Tochter bewegt Milliarden, kauft Kohle zum Verfeuern ein und bringt russisches Gas in Europa unter. Das war früher einmal ein einträgliches Geschäft, aber auch die Zeiten sind längst vorbei. Fazit: Spekulationsobjekt.

Exploration und Produktion
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Jahrelang hat Eon gekämpft, um einen eigenen Zugang zu den russischen Gasfeldern zu bekommen, jetzt übernimmt Uniper das Geschäft. Die neue Gesellschaft ist an einem lukrativen Feld in Westsibirien beteiligt, Juschno Russkoje, fördert dort pro Jahr knapp sechs Milliarden Kubikmeter Gas und fährt solide Gewinne ein. Dumm nur, dass neben dem Strompreis auch der Ölpreis im Keller ist, aber das muss ja nicht so bleiben. Fazit: Dauerbrenner.

Kernenergie
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Jahrzehntelang haben die Atomkonzerne mit ihren Reaktoren unverschämt viel Geld verdient, jetzt sind die Anlagen nur noch eine einzige Last. Die Reaktoren müssen teuer abgebaut und die Brennelemente noch teurer entsorgt werden. Kein Wunder, dass Eon die Aufgabe gerne Uniper überlassen hätte. Daraus wird aber nichts: Mit einem neuen Gesetz schob die Bundesregierung dem einen Riegel vor, Eon muss sich um die drei noch aktiven und fünf bereits im Rückbau befindlichen Reaktoren kümmern. Fazit: Ballast.

„Wir werden in der neuen Energiewelt erfolgreich sein oder keine Zukunft haben“, erklärte Teyssen. Er habe keinen Plan B, kein „zweites Boot“, in das er notfalls springen könnte, um sich zu retten. Eon stelle sich „kompromisslos“ den Herausforderungen.

Alle Hoffnungen von Teyssen ruhen auf Projekten wie dem Offshore-Windpark Amrumbank West. Das sei „Technik und Ingenieurskunst vom Feinsten“. Eon hat rund eine Milliarde Euro investiert. Der Park rund 90 Kilometer vor der Küste besteht aus 80 Windkraftanlagen mit einer Leistung von 302 Megawatt. Er liefert bereits seit Oktober vergangenen Jahres Strom, mit dem rechnerisch rund 300.000 Haushalte versorgt werden können.

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