Energie

Gazprom fühlt sich unschuldig
Weniger russisches Gas für Deutschland

An dem Tag, an dem die EU über schärfere Sanktionen gegen Russland berät, kommt weniger russisches Gas in Europa an. Auch Deutschland ist von den Lieferungen abhängig. Dreht Moskau jetzt am Gashahn?
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WarschauKurz vor der Entscheidung der EU-Spitzen darüber, ob die verschärften Sanktionen gegen Russland umgesetzt werden sollen, melden sowohl Polen als auch der deutsche Energieversorger Eon, dass sie deutlich weniger Gas aus Russland bekommen haben. Es gebe „verringerte Liefermengen“, erklärte ein Eon-Sprecher. Die Gründe dafür ließ das Unternehmen offen.

Um knapp ein Viertel hat nach Angaben Polens der russische Versorger Gazprom auch seine Gaslieferungen an das deutsche Nachbarland gekürzt. Wie der polnische Versorger PGNiG am Mittwoch mitteilte, wurden am Vortag um 24 Prozent reduzierte Lieferungen im Vergleich zur bestellten Menge aus Russland registriert.

Das Gas erreicht Polen über die Transitländer Ukraine und Weißrussland. Es wird laut PGNiG nun geprüft, ob die Reduzierung der Lieferungen technische oder handelsbezogene Gründe habe. Polen steht dem russischen Vorgehen im Ukraine-Konflikt kritisch gegenüber. RWE Tschechien dagegen meldete keine Lieferreduzierungen.

Gazprom hat Vorwürfe einer gedrosselten Lieferung an Polen zurückgewiesen. „Diese Mitteilungen sind unkorrekt. Zurzeit wird nach Polen genauso viel gepumpt wie an den vergangenen Tagen: 23 Millionen Kubikmeter“, sagte Firmensprecher Sergej Kuprijanow der Agentur Interfax in Moskau. Gazprom würden zahlreiche Anfragen aus dem Westen vorliegen, die Mengen zu erhöhen. „Wir liefern, soviel wir können. Allerdings müssen wir auch die Speicher in Russland füllen“, sagte er.

Mit der Reduzierung der Gaslieferungen an Polen wächst auch die Sorge in den baltischen Staaten, die zu 100 Prozent von russischem Gas abhängen. Der Ukraine hatte Russland schon mehrfach den Gashahn zugedreht und drohte jüngst, die Lieferungen nach Europa so weit herunterzufahren, dass kein Gas mehr für den üblichen Reexport der Europäer (etwa RWE) in die Ukraine übrig wäre. Dabei wird erstmals nach Deutschland geliefertes Gas zurückgeschickt in die Ukraine.

Michael Murphy, ein Sprecher von RWE in Essen, lehnte es gegenüber der Agentur Bloomberg ab, mögliche Auswirkungen auf den Reexport in die Ukraine nach Polen zu kommentieren. RWE kommt bei den Rücklieferungen eine Schlüsselrolle zu. 2013 hatten das Unternehmen 2,1 Milliarden. Kubikmeter Gas über Polen und Ungarn zurück an die Ukraine geliefert. Eon teilte mit, wegen gut gefüllter Gasspeicher sei die aktuelle Drosselung aber nicht besorgniserregend.

Im Juni hatte Russland bereits seine Gaslieferungen in die Ukraine gekappt, weil sich die beiden Länder nicht auf einen Preis dafür geeinigt hatten. Die EU versucht seitdem, zu vermitteln. Sollte das nicht gelingen, droht der Ukraine eine ernste Unterversorgung im Winter.

Gazprom-Chef Alexij Miller hatte die Reexporte jüngst einen „halb betrügerischen Mechanismus“ genannt. Putin hatte Europa Anfang Juli ebenfalls gewarnt, solche Reexporte dürfe es nicht geben. Man könne nicht einfach „Gas durch die gleiche Röhre in die andere Richtung leiten“. Die Ukraine hat 2013 50,3 Milliarden Kubikmeter Gas verbraucht, etwa die Hälfte davon kam aus Russland.

Deutschland hat Russland im Gegensatz zur Ukraine selbst während des Kalten Krieges stets beliefert. Die Bundesrepublik müsse trotz wachsender Spannungen keine Lieferstopps befürchten, sagte jüngst der Chef des russischen Energieriesen Rosneft, Igor Setschin, dem „Spiegel“ und fügte hinzu: „Rosneft und andere russische Unternehmen werden sich streng an ihre Lieferverträge halten, die mit Krediten und Vertragsstrafen abgesichert sind.“

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Sanktionen verzögern laut Moskau Ausbeutung der Ölvorkommen

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  • ..
    GAZPROM-LIEFERUNGEN
    ...................
    WER SELBST SANKTIONEN DURCHFÜHRT -
    MUSS AUCH DEREN REAKTIONEN EINKALKULIEREN.!!
    ..
    gazprom-aktionär
    ..

  • @ C. Falk

    "Gorbatschow war in der Tat ncht der klassische Geopolitiker sondern eher ein Visionär, deshalb ist er auch gescheitert und eine Episode in der russischen und internationalen Politik geblieben, was ich persönlich bedauere."

    Das sehe ich leicht anders. Gorbatschow ist nicht gescheitert, weil er ein Visionär war. Er ist gescheitert, weil der bedeutende zivilisatorische Impuls, den er aus Russland/Ex-Sowjetunion in die Welt sendete, überhaupt nicht verstanden wurde. Er ist sozusagen eine (wenn auch aus der Not einer untergehenenden Supermacht geborene) Erfindung die zu früh kam. Hier kann ich die Amerikaner (und die EU-Vasallen in ihrer Schleimspur!) die diesen Impuls durch ihr borniert-überhebliches Festhalten an mittelalterlicher Machtpolitik nicht aus der Verantwortung entlassen! Letztlich ist dieser zivilisatorische Impuls so bedeutend wie seinerzeit die französische oder amerikanische Verfassung und die Zeit für diesen Impuls wird kommen, einfach weil es in dieser kleine gewordenen Welt sonst nur die Alternative Barbaraei gäbe, deren erste Ansätze gerade in der Ukraine ihr hässliches Haupt wieder erheben.

  • Also die Yamal-Pipeline get von Russland über Weißrussland nach Polen und dann weiter nach Deutschland.
    Die Ukraine kann da nichts abzwacken, weil Sie einfach keinen Zugriff hat. Entwerder die Russen schicken weniger oder die Weißrussen lasser weniger durch.

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