Energie

Gummi Arabicum

Abhängig vom Krisenkleber

In Süßigkeiten, Softdrinks oder Tabletten – Gummi Arabicum ist ein wichtiger Bestandteil vieler Produkte. Um den Import nicht zu gefährden, änderten die USA sogar ihre Gesetze. Die Weltwirtschaft ist abhängig vom Harz.
Kommentieren
Funkelt wie Bernstein - für die Industrie ist Gummi Arabicum aber noch wichtiger. Quelle: Imago
Gummi Arabicum

Funkelt wie Bernstein - für die Industrie ist Gummi Arabicum aber noch wichtiger.

(Foto: Imago)

DüsseldorfDie Legenden um das Gummi Arabicum sind zahlreich. Eine steht sogar in der Bibel. Sie besagt, dass das Volk Israels nach der Vertreibung aus Ägypten nur nicht verhungerte, weil sich die Geflüchteten unterwegs von dem Saft der Wüstenbäume ernähren konnten. Auch die Menschen im alten Ägypten benutzten das unscheinbare Harz zum Verkleben und Stabilisieren ihrer Mumien. Und heute noch – rund viereinhalb Jahrtausende später – hält Gummi Arabicum von Produkten der Pharmaindustrie, über Kosmetik bis hin zu Nahrungsmitteln vieles zusammen, stabilisiert, emulgiert oder beeinflusst die Konsistenz von Nahrungsmitteln und Getränken.

Halbtransparente Blasengebilde, die im Sonnenlicht bernsteinfarben glitzern - so sieht der Baumsaft bestimmter afrikanischer Akazienarten aus, der oft unbemerkt, da geschmack- und geruchlos, zur Produktion vieler Produkte beiträgt. In manchem Wein mildert der Naturgummi die Gerbstoffe ab und sorgt für ein gutes Mundgefühl, in Pillen kann der Baumsaft als Überzug und in Wimperntusche als Feuchthaltemittel dienen. Das sind nur einige Beispiele, von denen es unzählige gibt. Branchen wie die Pharmaindustrie, einige Hersteller von Kosmetik oder Nahrungsmitteln sind von dem Mehrfachzucker abhängig.

Diese große Bandbreite an Verwendungsmöglichkeiten erklärt, warum einige Händler noch immer menschliches und auch finanzielles Risiko auf sich nehmen und das Akazienharz nach Europa, in die USA oder nach Asien importieren.

Denn der natürliche Kleber wächst nur in den Krisenländern Afrikas. An diesen Umstand müssen sich die Händler anpassen, wenn sie die Nachfrage nach Gummi Arabicum, die sich in den vergangenen 30 Jahren weltweit etwa verdoppelt hat, weiterhin bedienen wollen. „Natürlich beeinflusst uns die Situation im Sudan und wir haben momentan Probleme dort einzukaufen“, sagt Sven-Ulrich Gehricke, der als Abteilungsleiter beim Hamburger Handelsunternehmen Norevo für den internationalen Vertrieb des vielseitigen Baumsaftes zuständig ist.

Die zehn größten Lügen der Lebensmittelindustrie
Lebensmittel-Preise
1 von 10

Der Name kann über Erfolg oder Misserfolg eines neuen Produktes entscheiden. Deshalb verpflichten Unternehmen zum Teil extra Namenserfinder: Das hilft aber nicht immer - manchmal sind die Namen irreführend und es versteckt sich nicht das dahinter, was man auf den ersten Blick erwartet. „Crispy Chicken“ ist schlichtweg paniertes Hähnchenbrustfilet und in einem Frischkäse mit Ziegenmilch wird nicht nur Ziegenmilch drin sein, sondern auch andere Milchbestandteil. Ein Blick auf die Rückseite hilft den „richtigen“ Bestandteilen auf die Spur zu kommen.

Der Ratgeber „Lebensmittel-Lügen – wie die Food-Branche trickst und tarnt“ deckt diese und andere 'Lügen' auf. Er ist für 9,90 Euro bei allen Verbraucherzentralen oder im Internet unter www.vz-ratgeber.de erhältlich.

Alkohol
2 von 10

Man vermutet es nicht, aber nicht selten versteckt sich Alkohol in der Zutatenliste - das ist vor allem für Alkoholiker gefährlich, die schon bei kleinsten Mengen rückfällig werden können. Achtung: Sollte sich nur eine sehr geringe Menge Alkohol in den Lebensmitteln verstecken, kann das häufig auch als Trägerstoffe oder Lösungsmittel getarnt sein und taucht dann nur als Aroma auf.

Verbraucherpreise
3 von 10

Immer mehr Verbraucher achten bei ihrem Einkauf auf regionale Produkte - das kann sich aber schnell als Lüge entpuppen. Denn ein einheitliches Gesetz gibt es dafür nicht, sondern es liegt im Ermessen der Anbieter, ob die Produkte wirklich regional sind, also dort hergestellt wurden oder nur dort verkauft werden. Man sollte sich also ganz genau die Verpackung anschauen.

SCHWARTAU MARMELADE
4 von 10

Für Zutaten, die - meist verführerisch - auf Gläsern, Verpackungen oder Dosen abgebildet sind, besteht eine „Mengenkennzeichnungspflicht“, die anzeigt, wie viel davon tatsächlich im Produkt steckt. Vorsicht ist noch an anderer Stelle geboten: Steht auf der Verpackung der Hinweis „Serviervorschlag“, dann entfällt eine Kennzeichnungspflicht. Zutaten, die dann auf dem Glas gezeigt werden, sind oft gar nicht enthalten, kritisiert die Verbraucherzentrale.

Betreuungsgeld
5 von 10

Noch eine Lüge kann sich hinter dem Terminus „Hausfrauenart“ verstecken. Denn neben der Regionalität der Produkte liegen auch solche im Trend, die auf Geschmacksverstärker und Konservierungsstoffe verzichten. Es erklärt sich allerdings beinahe von selbst, dass die Produkte aus dem Supermarkt, vor allem in der Vielzahl, wie sie dort stehen, direkt aus dem Kochtopf von Oma in das Glas hüpfen.

Jahres-PK Landesverband Milchwirtschaft
6 von 10

Lecker und gesund schließt sich leider in der Mehrzahl der Fälle aus: Die Wahrheit zeigt dann ein Blick auf die Nährwerttabelle - und hilft dabei die Lebensmittel, die zwar mit einer "Extraportion Milch" werben, aber verschweigen, dass da auch mehr Zucker und mehr Fett drin ist, zu entlarven.

Lebensmittelsiegel
7 von 10

Immer mehr Hersteller ersetzten Originalzutaten durch Billigstoffe und deklarierten das nicht deutlich genug auf der Verpackung, kritisieren Verbraucherschützer. Ein weiteres Problem: Oft fehlt das Zutatenverzeichnis ganz oder ist nur schwer lesbar. Ausnahmen darf es etwa bei Käse oder Getränken mit Alkoholgehalt von mehr als 1,2 Prozent geben, sonst aber nicht. Der Verbraucherschutz empfiehlt deshalb, sich beim Hersteller zu beschweren, wenn das Verzeichnis fehlt.

Der sogenannte „Gum Belt“, der Gummi-Arabicum-Gürtel, erstreckt sich von Senegal über Nigeria bis nach Somalia. Die Hauptexportländer sind Nigeria, Tschad und Sudan. Je nach Statistik stammen 40 bis 80 Prozent des weltweit gehandelten Gummi Arabicums von den im Sudan wild wachsenden Senegal-Akazien. Noch heute ernten dort zumeist Frauen, per Hand oder nur mit den einfachsten Hilfsmitteln, jährlich rund 80 000 Tonnen der sudanesischen Gummiart „Haschab“, die als die hochwertigste und vielseitigste gilt. Laut aktuellen Studien der UN-Handelsorganisation UNCTAD exportieren die  Produzentenländer jährlich rund 150 000 Tonnen des Harzes. Die weltweit größten Abnehmer sind die USA, Großbritannien und Frankreich. Gemäß seinen Außenhandelsstatistiken bezog Deutschland 2014 rund 7000 Tonnen Gummi Arabicum, größtenteils aus dem Sudan.

Der Handel mit dem Naturgummi kam in der Vergangenheit nie zum Erliegen, obwohl das Land  seit Jahrzehnten unter politischen und ethnischen Konflikten, Armut und einer schlechten Infrastruktur leidet. Die Nichtregierungsorganisation Transparency International listet den Sudan auf Platz drei der korruptesten Länder. Nur Nordkorea und Somalia stuft die Organisation als noch problematischer ein. Das ausgeprägte Korruptionsniveau beeinflusst alle Wirtschaftsprozesse in dem Land, auch den Handel mit Gummi Arabicum. Dass dieser dennoch weiterläuft, werten Experten als Indikator für die Wichtigkeit des Baumharzes für die globale Wirtschaft.

Naturharz aus dem Krisengebiet
Seite 12345Alles auf einer Seite anzeigen

0 Kommentare zu "Gummi Arabicum: Abhängig vom Krisenkleber"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%