Energie

Heizkosten
Die Entzauberung der Fernwärme

Die Botschaft hat sich in den Köpfen vieler Politiker festgesetzt: Über Fernwärmenetze lassen sich Häuser und Wohnungen kostengünstig und klimafreundlich beheizen. Eine jetzt vorgelegte Studie zieht ein ganz anderes Fazit. Der Studie zufolge ist der Heizkessel im eigenen Keller in vielen Fällen die kostengünstigere und energetisch sinnvollere Alternative.

BerlinFernwärmenetze gehören zu den Lieblingskindern der Politik. Viele Länder, Kommunen und Stadtwerke treiben ihren Bau voran. Nicht selten wird der Bau mit öffentlichen Mitteln bezuschusst. Die von sechs Verbänden – darunter der Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie (BDH), der Zentralverband Sanitär Heizung Klima (ZVSHK) und das Institut für Wärme und Oeltechnik (IWO) – in Auftrag gegebene Studie „Dezentrale versus zentrale Wärmeversorgung im deutschen Wärmemarkt“ kommt jedoch zu ernüchternden Ergebnissen.

„Die netzgebundene Wärmeversorgung aller Bestandsgebäude wäre im hier betrachteten Zeitraum von 20 Jahren um 250 Milliarden Euro teurer als die Erneuerung durch dezentrale Wärmesysteme“, heißt es in der Zusammenfassung der Studie. Eine Kilowattstunde Primärenergie im Jahr einzusparen, sei durch eine Modernisierung mit dezentralen Systemen günstiger als bei einem Anschluss an eine zentrale Versorgung durch Wärmenetze, heißt es in der Studie weiter. Das durchschnittliche dezentrale Wärmesystem ist der Studie zufolge im Fall eines unsanierten Einfamilienhauses über einen 20-Jahres-Zeitraum um 14.757 Euro günstiger als die Fernwärme-Variante, schreiben die Autoren.

Entsprechend kritisch sehen die Autoren die bisherige Förderung von Wärmenetzen mit öffentlichen Mitteln, die sie als „vergleichsweise unwirtschaftlich“ bezeichnen. Autoren der Studie sind die wissenschaftlichen Teams um Bert Oschatz vom Institut für Technische Gebäudeausrüstung Dresden sowie um Andreas Pfnür von der TU Darmstadt.

Mit der Studie wird die Entzauberung der Wärmenetze fortgesetzt. Anfang 2016 hatte auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen ein kritisches Papier zur Fernwärme vorgelegt. Die Verbraucherschützer kritisieren darin die starke Stellung der Fernwärmeanbieter gegenüber den Verbrauchern. „Jedes Fernwärmenetz stellt ein natürliches Monopol dar. Ein Anbieterwechsel zu einem anderen Fernwärmeversorger ist nicht möglich“, heißt es in dem Papier.

Die oftmals langen Vertragslaufzeiten hinderten die Verbraucher, ihre wirtschaftliche Selbstbestimmung auszuüben und sich für einen anderen Energieträger zu entscheiden. „Einmal an die Fernwärme angeschlossen, ist die Umstellung auf ein anderes Heizsystem zudem mit hohen Kosten und hohem Aufwand verbunden und damit eher theoretischer Natur“, schreiben die Verbraucherschützer weiter. Das Bundeskartellamt spricht in diesem Zusammenhang von „gefangenen Kunden“.

In dem Papier der Verbraucherschützer heißt es außerdem, es bestünden „erhebliche Bedenken, ob sich die Fernwärmepreise in den regionalen Monopolmärkten für die Verbraucher fair und nach kostenorientierten Parametern bilden“. Tatsächlich mussten die Kartellbehörden in den vergangenen Jahren immer wieder einschreiten. „In Einzelfällen liegen Fernwärmepreise bei rund 20 Cent je Kilowattstunde. Der Preis beträgt dann etwa das Dreifache von den Brennstoffkosten einer Ölheizung“, schreiben die Verbraucherschützer.

Die Befürworter der Fernwärme sehen das freilich anders. Sie verweisen auf die hohe Effizienz moderner Blockheizkraftwerke, die Strom und Wärme gleichzeitig produzieren. Außerdem gelten auch solche Anlagen als effizient, bei denen ohnehin anfallende Abwärme – etwa aus Industrieanlagen – für Wärmenetze genutzt wird.

Die Autoren der Studie bestätigen zwar für bestimmte Fallkonstellationen die Stärken einer zentralen Wärmeversorgung. Sie warnen jedoch vor Verallgemeinerungen.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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