Energie

Jeremy Rifkin
„Wir müssen von der Kohle weg“

Sein Mantra ist die „dritte industrielle Revolution“: Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt Bestsellerautor Jeremy Rifkin seine Thesen zur Energiewende. Vor allem sein Heimatland USA kommt dabei schlecht weg.
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Es ist ein weiter Weg zum Ziel. Ein Fahrstuhl über zehn Stockwerke und zusätzlich fünf Treppen führen zu einem der höchsten Punkte Berlins: der Lounge im Turm am Frankfurter Tor in Friedrichshain, da wo die Karl-Marx-Allee in die Frankfurter Allee übergeht. Jeremy Rifkin, renommierter US-Autor und Berater sowie Gewinner des am Donnerstag verliehenen Energy Awards, redete dort mit Handelsblatt-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs und Gästen über die neue Herausforderung der Wirtschaft: Die Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare Quellen.

Herr Rifkin, Sie haben bisher 19 Bücher geschrieben. Zuletzt eines über die Energiewende...
...gerade habe ich das 20. vollendet...

Vor neun Jahren haben Sie Europa als neue Supermacht beschrieben. Wenn Sie heute nach Deutschland kommen - denken Sie immer noch so?
Ich amüsiere mich immer, wenn meine Freunde aus den Vereinigten Staaten sagen, ja, Europa, da fahre ich gerne in den Ferien hin, es ist wie in einem Museum dort. Dann erinnere ich sie daran, dass das Bruttoinlandsprodukt der 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union höher ist, und immer war, als das der 50 Staaten meiner Heimat.

Was läuft anders in Europa?
Wenn Sie junge Menschen fragen, was der amerikanische Traum ist, sagen sie: Wachstum. Und für den Einzelnen heißt das: viel Geld verdienen. Wenn Sie sie fragen, was der europäische Traum ist, sagen sie: eine nachhaltige Entwicklung. Hier geht es um individuelle Chancengleichheit, aber dies im Rahmen einer hohen Lebensqualität. Das ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Diese Einstellungen spiegeln sich in der Wirtschaftspolitik wider: Amerika hat einen komplett unregulierten Markt - the winner takes it all. In Europa glaubt man an das Modell der sozialen Marktwirtschaft.

Die Frage ist, was sich durchsetzt.
Der europäische Traum orientiert sich viel stärker an den Problemen und den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Wenn Sie sich mein Land anschauen - ausgenommen die Westküste, den Staat New York und Teile von Texas - dann fällt auf, dass es in vielen Dingen noch im 20. Jahrhundert steckt.

Sie sehen Europa in der Führungsrolle bei der von Ihnen propagierten „Third Industrial Revolution“, einer radikalen Energiewende?
Absolut. Es gab die erste industrielle Revolution im 19. Jahrhundert, dazu gehörte die Erfindung der Dampfdruckmaschinen. Im 20. Jahrhundert spielten Öl und Gas die große Rolle, wir erfanden Telefon und Fernsehen, die elektrische Versorgung wurde zentralisiert. Nun sind wir am Scheideweg zu einer dritten industriellen Revolution. Jeder produziert seine eigene Energie. Jedes Haus wird zum Mikrokraftwerk, mit Solar- und Windenergie, die gespeichert und online vertrieben wird. Deutschland, aber auch Dänemark sind den anderen dabei weit voraus.

Kommentare zu " Jeremy Rifkin: „Wir müssen von der Kohle weg“"

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  • Schön, und wie stellen wir Grundlastfähigkeit und Versorgungssicherheit sicher?
    Wann beginnt der Bau der gigantischen Stromspeicher um Kohle- und Kernkraftwerke verschrotten zu können?
    Oder kaufen wir dann den Strom aus dem Ausland zu, wenn die Sonne nicht scheint und von wem? Von Frankreichs "sicheren" Atomkraftwerken?
    Allein die Herstellung "sauberer" KWh ohne Rücksicht auf die aktuelle Stromnachfrage genügt meines Erachtens nicht, vielmehr müssen die Erneuerbaren auch Versorgungssicherheit gewährleisten - und das tun sie derzeit nicht. Die Volatilität der Erzeugung ist eher ein Gefährdungsfaktor.
    Die Franzosen (EDF) beginnen jetzt auch mit "Green Energy". Damit wird der Verkauf deutschen Überschußstroms ins Ausland noch schwieriger.

  • Fakten zu Stromkosten?
    http://www.eex.com/de/
    Spot
    D: 49,53 / MWh
    F: 57,04 / MWh
    Termin Q1
    D: 41,55
    F: 54,03
    Nur nicht von den Fakten irritieren lassen.
    Bei aktuellen Dünnschichtmodulpreisen übrigens ca. 25 Jahre Amortisation bei 70 Euro / MWh und dann Stromkosten = lim->0!

  • @Leser-A
    Zitat: "Jeder Ökonom weiss, dass gilt: Jede Nachfrage schafft sich sein Angebot. UND: Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage."
    Ja, Leser-A, nur dass Ihr "Angebot" an erneuerbarem Strom zu wind- und sonnenreichen Zeiten ins Ausland verschenkt werden muss, bzw. immer häufiger negative Preise erzielt, es muss also noch Geld dazugegeben werden, damit dieses "Angebot" entsorgt ist. Und das halten Sie als "gebildeter Ökonom" für wirtschaftlich sinnvoll? Ich, als ungebildeter Schreiberling mit Note 5, der sich nach Ihren Angaben hier im Forum ein paar Euro dazuverdienen muss, halte das für wirtschaftlich sinnlos. Sowas kann nur Kommunisten einfallen. Ich wehre mich dagagen, so einen Quatsch auch noch mit ZWANGSBEITRÄGEN alimentieren zu dürfen. An einem MARKT dürfte man sich nicht nur den Anbieter sondern auch die ERZEUGUNGSART aussuchen, dann dürfen Sie gerne Wind und Solar und das Verschenken alimentieren. Ich würde das nicht tun, bzw. erst dann, wenn die Politik ein in sich geschlossenes System mit Speichern implementiert hätte, was die nächsten 15 - 20 Jahre nicht in Sicht ist.
    Ich habe hier auch kein Atom- oder Kohle -Plädoyer abgegeben sondern kritisiere die Art und Weise wie hier ohne Sinn und Verstand eine "Energiewende" durchgeführt wird, die keine ist. Ich jedenfalls kann darauf verzichten, dieses "Angebot" welches sich eine "Nachfrage" suchen muss ( die offensichtlich zu immer mehr Zeiten nicht vorhanden ist)zwangsweise mitzufinanzieren, weil es imgrunde eine sozialistische Ideologie ist. Und wenn diese Ideologie der Ökojünger IN DIESER FORM weiter durchgeführt wird, ist dieser Irrsinn doch der Anfang. Netzprobleme, keine Speicher aber der Ausbau geht lustig weiter...
    Und das nennen Sie dann sinnvolle Marktwirtschaft? Ich lach mich weg.

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