Energie

Kosten für Energiewende
Strompreise geraten außer Kontrolle

Die Zahlen sind alarmierend: Bis 2025 wird die Energiewende Kosten von 520 Milliarden Euro verursacht haben, so neueste Berechnungen. In der Wirtschaft wachsen die Sorgen. Die Erneuerbare-Energien-Branche wehrt sich.
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BerlinDer Bundeshaushalt 2016 hat ein Volumen von 316,9 Milliarden Euro. Eine beeindruckende Zahl. Doch der Betrag nimmt sich im Vergleich zu den Kosten der Energiewende bescheiden aus. Sie summieren sich in den Jahren von 2000 bis 2025 auf 520 Milliarden Euro. Zu diesem Ergebnis kommt Justus Haucap, Leiter des Düsseldorfer Instituts für Wettbewerbsökonomik (DICE), in einem am Montag vorgestellten Gutachten.

Angesichts dieser Berechnungen erscheinen frühere Aussagen zu den Kosten weit verfehlt. So hatte der einstige Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) versprochen, die Kosten für die Förderung erneuerbarer Energien würden einen durchschnittlichen Haushalt monatlich gerade einmal so viel kosten „wie eine Kugel Eis“. Das ist zwölf Jahre her. Seitdem hat sich viel getan. Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), macht daher heute eine ganz andere Rechnung auf als Jürgen Trittin: Eine vierköpfige Familie bezahle rechnerisch bis 2025 insgesamt „über 25.000 Euro“ für die Energiewende. Die INSM, die von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektro-Industrie finanziert wird, hatte die DICE-Studie in Auftrag gegeben.

Die Kosten für die Energiewende schlagen sich auch in den deutschen Industriestrompreisen nieder. Sie gehören zu den höchsten in Europa. Zwar ist der Strom im Großhandel europaweit überwiegend sehr günstig, doch in Deutschland kommen zahlreiche Umlagen hinzu, etwa die Umlage für die Förderung der Stromproduktion aus regenerativen Quellen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Darum ist der Strom in Deutschland teurer als anderswo. Allein die EEG-Umlage beläuft sich Jahr für Jahr auf Beträge jenseits der 20-Milliarden-Euro-Grenze, Tendenz steigend.

Zu tragen ist die Umlage von allen Stromverbrauchern. Ausnahmen gelten nur für gut 2000 Industriebetriebe. Sie profitieren von einer stark reduzierten EEG-Umlage. Diese Industrieprivilegien haben ein Volumen von rund fünf Milliarden Euro pro Jahr. Um diesen Betrag erhöht sich die Umlage für die nicht privilegierten Verbraucher, also private Haushalte, Gewerbe, Handel, Dienstleistungen und die nicht privilegierten Industriebetriebe.

Für Unternehmen, für die die EEG-Ausnahmen nicht gelten, sind die hohen Strompreise zur Belastung geworden. „Wenn ein US-Unternehmen sechs Cent je Kilowattstunde Strom zahlt, wir aber fast sieben Cent allein für die EEG-Umlage, dann wird schnell klar, dass wir ein echtes Problem haben“, heißt es etwa beim Gesamtverband der Textil- und Modeindustrie. Die Mitgliedsunternehmen, die beispielsweise technische Gewebe für den Fahrzeugbau herstellen, haben mitunter Stromkostenanteile an der Bruttowertschöpfung von zwölf oder 13 Prozent. Die EEG-Ausnahmen greifen aber erst bei einem höheren Stromkostenanteil.

Doch die EEG-Umlage ist nicht der einzige Kostentreiber. DICE-Chef Haucap macht folgende Rechnung auf: Die Kosten der EEG-Förderung von Strom aus erneuerbaren Quellen beziffert der Hochschullehrer auf 408 Milliarden Euro von 2000 bis 2025. Hinzu kommen die Kosten für den Ausbau der Netze, Haucap setzt 56 Milliarden Euro für den gesamten Zeitraum an. Neben weiteren kleineren Posten – etwa für das Bereithalten von Kohlekraftwerken in Engpasssituationen – kommen die Kosten für zinsgünstige Darlehen der KfW sowie Kosten der Forschungsförderung im Bereich der erneuerbaren Energien hinzu. Macht unterm Strich 520 Milliarden Euro, wovon zwischen 2000 und 2016 erst 150 Milliarden angefallen sind. Weitere 370 Milliarden Euro liegen bis 2025 also noch vor uns. Die Kosten werden nach Haucaps Berechnungen in den kommenden Jahren also noch deutlich steigen.

Diese Prognose wird von niemandem ernsthaft bestritten. Einen Beleg für den Anstieg wird es voraussichtlich noch in dieser Woche geben: Am Freitag wird die EEG-Umlage für 2017 bekannt gegeben. Schätzungen zufolge wird sie von derzeit 6,354 Cent je Kilowattstunde Strom auf rund sieben Cent steigen. Damit hätte sich die Umlage seit 2003 versiebzehnfacht.

„Man müsste auch ohne EEG in neue Anlagen investieren“

Erst vor wenigen Tagen hatte das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) eine Studie vorgelegt, der zufolge die EEG-Umlage von zuletzt 22 Milliarden Euro 2017 im ungünstigsten Fall auf 25,8 Milliarden Euro steigt. 2025 könnte sie dann bereits mit 32,9 Milliarden Euro zu Buche schlagen. Auch die Kosten für den Netzausbau dürften eher noch steigen. Auslöser ist die Entscheidung der Politik, die geplanten „Stromautobahnen“ von Nord- nach Süddeutschland überwiegend unterirdisch zu verlegen.

Summa summarum könnte sich eine Warnung des damaligen Bundesumweltministers Peter Altmaier (CDU) bewahrheiten. Er hatte Anfang 2013 gesagt, die Kosten der Energiewende und des Umbaus unserer Energieversorgung könnten sich „bis Ende der 30er-Jahre dieses Jahrhunderts auf rund eine Billion Euro summieren“. Dafür war er damals stark kritisiert worden.

Aus Sicht der Erneuerbare-Energien-Branche sind die aktuellen Berechnungen von Justus Haucap nicht zutreffend. So enthalte die Studie kein einziges Kapitel, das die Nutzenseite darstellen würde, kritisierte Herman Falk, Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbare Energie. Gleichzeitig setze sie aber teilweise Investition mit Kosten gleich. Ähnlich argumentiert Felix Matthes vom Öko-Institut. „Man müsste ja auch ohne EEG in neue Anlagen investieren“, sagte Matthes dem Handelsblatt. Die Kosten für Strom aus neuen Gas- oder Kohlekraftwerken lägen in etwa auf dem Niveau von Wind- und Sonnenstrom. Das sei also ein „Nullsummenspiel“, man dürfe sich nicht von hohen Beträgen blenden lassen. „Die Systemkosten für die Stromversorgung liegen nun einmal bei rund 60 bis 70 Milliarden Euro pro Jahr“, sagte Matthes, „natürlich waren die Anlaufkosten anfangs hoch und zu einem Teil auch vermeidbar.“

Gleichwohl entfachen die Berechnungen die Debatte um die Finanzierung der Energiewende neu. Und auch der „Klimaschutzplan 2050“, den die Bundesregierung im November verabschieden will, sieht vor, „die Anreiz- und Lenkungswirkung derzeit bestehender, hoheitlich veranlasster Energiepreisbestandteile in Form von Abgaben, Umlagen und Steuern bis Mitte 2017 zu überprüfen“. Die Debatte über die Finanzierung der Energiewende hat also gerade erst begonnen.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent

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