Energie

Kraftwerk Datteln

Zweite Chance für Eon

Ein fast fertiges Großkraftwerk in Datteln kann nicht ans Netz. Klagen bremsten den Betreiber Eon aus. Ein neues Genehmigungsverfahren soll dem Kraftwerk nun eine zweite Chance geben. Aus dem Schneider ist Eon noch nicht.
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Das Eon-Steinkohle-Kraftwerk am Dortmund-Ems-Kanal in Datteln (Nordrhein-Westfalen) bekommt eine neue Genehmigungschance. Rechts das alte Kraftwerk mit den Blöcken 1-3. Quelle: dpa

Das Eon-Steinkohle-Kraftwerk am Dortmund-Ems-Kanal in Datteln (Nordrhein-Westfalen) bekommt eine neue Genehmigungschance. Rechts das alte Kraftwerk mit den Blöcken 1-3.

(Foto: dpa)

DattelnEon bekommt eine zweite Chance für sein Kohle-Großkraftwerk in Datteln am Rand des Ruhrgebietes. Nachdem der Konzern die 1100-Megawatt-Anlage kilometerweit vom landesplanerisch genehmigten Bauplatz entfernt errichtet hatte und 2009 vor Gericht damit böse auf den Bauch gefallen war, machte das zuständige Regionalparlament jetzt den Weg frei für eine nachträgliche Genehmigung. Doch von einem Happy End ist Eon weit entfernt: Weitere Klagen werden erwartet. Fachleute rechnen mit drei Jahren, bis das Kraftwerk endlich regulär am Netz ist – wenn überhaupt.

Dabei wird der riesige Steinkohleblock dringend gebraucht. Nicht nur zur Sicherung der Grundlast in Energiewendezeiten. Das Kraftwerk ist speziell für die Erzeugung von Bahnstrom ausgelegt und soll rund ein Viertel des deutschen Bedarfs abdecken. Bahnstrom hat eine besondere Spannung und kann ohne erhebliche technische Vorkehrungen nicht in anderen Kraftwerken erzeugt werden. Eon hätte dank der Sonderverträge mit der Bahn und anderen Industriekunden auch wieder ein Kohlekraftwerk, das dauerhaft und solide schwarze Zahlen schreibt.

Diese Kraftwerke sind nicht mehr rentabel
Gaskraftwerk in Hamm
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Trianel-Gaskraftwerk in Hamm (Nordrhein-Westfalen)

Angesichts des stark gefallenen Strom-Großhandelspreises befürchten Stadtwerke hohe Verluste in der konventionellen Erzeugung. Dies könne zu einem erheblichen Hemmschuh für die Energiewende werden, weil Städte angesichts der Verluste nicht mehr in erneuerbare Energien investierten, sagte der Chef des größten deutschen Stadtwerkeverbundes Trianel, Sven Becker, am Mittwoch.

Becker weiß, wovon er spricht. Das Gaskraftwerk des Stadtwerkeverbundes in Hamm ging 2007 nach zweijähriger Bauphase ans Netz und erzeugt seitdem Strom für 1,8 Millionen Haushalte. Dennoch: „Dieses Kraftwerk rechnet sich nicht mehr. Obwohl wir eines der modernsten Kraftwerke in Deutschland haben mit 58 Prozent Wirkungsgrad, werden wir in 2014 nicht mehr Zins und Tilgung mit diesem Kraftwerk verdienen. Das heißt, wir werden 2014 hier in zweistelliger Millionenhöhe Verluste mit diesem Kraftwerk einfahren“, sagte Martin Buschmeier vom Trianel Gaskraftwerk in Hamm dem WDR.

Grund ist unter anderem der Preis für Strom an der Börse. Aufgrund des hohen Angebots durch den Zuwachs der erneuerbaren Energien ist der in den vergangenen drei Jahren kontinuierlich gesunken.

Energy Award
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Trianel-Chef Becker (im Bild bei der Energy Award Jury-Sitzung des Handelsblatts) appellierte an die Politik, nach der Bundestagswahl dringend den Energiemarkt zu reformieren. Derzeit gebe es keinen Vertrauensschutz für die Milliardeninvestitionen in konventionelle Kraftwerke.

Niemand investiere neu in konventionelle Kraftwerke, die aber noch lange gebraucht würden. „100 Prozent Erneuerbare bis 2030 sind utopisch und nicht finanzierbar.“ Ohne die Investitionen laufe Deutschland in gravierende Energieprobleme hinein, wenn 2018 wie geplant die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet würden: „Der Markt kollabiert.“

Kraftwerk Irsching bleibt in Betrieb
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Gaskraftwerk in Malzenice (Slowakei)

Nur zweieinhalb Jahre nach der Inbetriebnahme legt der Energiekonzern Eon sein Gaskraftwerk im slowakischen Malzenice für unbestimmte Zeit still. Ein wirtschaftlicher Betrieb der Anlage sei wegen der gefallenen Strom-Großhandelspreise und der schwachen Auslastung derzeit nicht möglich, teilte der Versorger am Montag mit. Ab Oktober werde die Anlage nur noch in Reserve gehalten. Die Anlage in Malzenice kam seit der Inbetriebnahme im Januar 2011 dem Energieriesen zufolge gerademal auf 5600 Betriebsstunden. Kalkuliert habe der Konzern ursprünglich mit bis zu 5000 Stunden im Jahr. Die Leistung des Blocks von 430 Megawatt entspricht etwa der Hälfte eines Atomkraftwerks.

Kraftwerk Irsching bleibt in Betrieb
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Eon-Gaskraftwerk Irsching (Bayern)

Mehrfach drohte etwa Eon-Chef Johannes Teyssen (l.) damit, das Gaskraftwerk abzuschalten, im Bild ist er mit dem bayerischen Ministerpräsident Horst Seehofer (Mitte) und Lex Hartman (r.), Vorsitzender des Aufsichtsrats des Netzbetreibers Tennet, vor der Anlage zusehen. „Die Lage der umweltfreundlichen Gaskraftwerke ist dramatisch. Die Rendite ist bei null angelangt“, sagte Teyssen.

Die Lage ist paradox, Gaskraftwerke sind nicht nur die umweltfreundlichsten unter den konventionellen Kraftwerken, sondern auch die flexibelsten. Sie können bei Bedarf innerhalb von Minuten hochgefahren werden und könnten so die Schwankungen der erneuerbaren Energien ausgleichen. Doch sie sind auch die teuersten Kraftwerke, sodass sie als letztes angeschaltet werden, wenn Strom fehlt. Das hat zu teils sehr niedrigen und unwirtschaftlichen Auslastungsquoten geführt.

Kraftwerk Irsching bleibt in Betrieb
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Zumindest für Irsching wurde im April dann doch noch eine Lösung gefunden: Der zuständige Netzbetreiber Tennet beteiligt sich an den Betriebskosten für das Gaskraftwerk – und kann es dafür einsetzen, wenn die Netzstabilität in Gefahr ist. Eon erhält im Gegenzug eine Entschädigung.

Statkraft Hürth-Knapsack Eröffnung 13
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Statkraft-Gaskraftwerk Knapsack II

Der norwegische Energieerzeuger Statkraft hat neben sein Gastkraftwerk Knapsack I in Hürth bei Köln noch das zweite nagelneue, 350 Millionen Euro teure Knapsack II (Bild) dazu gestellt. Das Kraftwerk ist betriebsbereit und zählt mit einem Wirkungsgrad von fast 60 Prozent zu den modernsten der Welt. Es könnte mit rund 430 Megawatt bis zu 500.000 Menschen mit Strom versorgen.

Doch Statkraft fährt das Kraftwerk nicht hoch. Grund seien die niedrigen Börsenstrompreise bei gleichzeitig teurem Gas, sagte Statkraft-Manager Jürgen Tzschoppe. Auch das ältere Modell Statkraft I stand teilweise still.

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Verbund-Gaskraftwerk Mellach

Auch in Österreich hat man mit unrentablen Kraftwerken zu kämpfen. Beim Spatenstich für das Kraftwerk Mellach im Jahr 2008 hatte der damalige Verbund-Chef Michael Pistauer (Mitte) noch gut Lachen. Sein Nachfolger bei dem größten österreichischen Stromanbieter Wolfgang Anzengruber will laut Informationen der Zeitung „Der Standard“ das Gaskraftwerk jetzt einmotten. Die Begründung: Das Pipelinegas zum Betrieb des Kraftwerks ist zu teuer, die erzielbaren Strompreise im Großhandel aber zu niedrig, und so mache der Verbund mit jeder in Mellach produzierten Kilowattstunde Verlust.

Umso unverständlicher aus heutiger Sicht, dass der Konzern ab 2007 im Vertrauen auf den städtischen Bebauungsplan das riesige Bauwerk mit einem 180 Meter hohen Kühlturm direkt an den Dortmund-Ems-Kanal und sehr nah an ein Wohngebiet setzte. Der Landesentwicklungsplan sieht den Bauplatz fünf Kilometer entfernt vor. Es hagelte Einsprüche und Klagen, die Anwohner fürchteten Kohleemissionen, Verschattung und Schäden in einem nahe gelegenen Waldstück.

Ein Bauer aus der Nachbarschaft setzte sich schließlich mit seiner Klage durch. Danach verhängte die Aufsichtsbehörde einen weitgehenden Baustopp. Eine Milliarde Euro hat Eon verbaut, zu 80 Prozent ist die Anlage fertig – und steht seit Jahren ertragslos herum. NRW drohte eine weitere spektakuläre Milliarden-Bauruine von Format des gescheiterten „Schnellen Brüters“ in Kalkar.

Jetzt soll ein kompliziertes Verfahren im Zusammenspiel von Landes-, Regional- und Stadtplanung das Kraftwerk aus der verfahrenen Lage befreien. Der Dattelner Stadtrat hat einen neuen, korrigierten Bebauungsplan erarbeitet. Das rot-grün regierte Land hat der „Zielabweichung“ rechtlich zugestimmt, hält sich mit politischen Stellungnahmen aber ansonsten zurück. Denn die „CO2-Schleuder“, wie es viele Grüne sehen, könnte natürlich den Koalitionsfrieden mit der industriefreundlichen NRW-SPD stören. „Am Ende werden die Gerichte entscheiden“, sagt der Grünen-NRW-Chef Sven Lehmann.

Die schmutzigsten Kohlekraftwerke Deutschlands
Kraftwerk Schkopau - Luftverschmutzung reduziert
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Platz 10: Kohlekraftwerk Schkopau von Eon

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat den Schadstoffausstoß der Kohlekraftwerke in Deutschland ausgewertet und die schlimmsten Luftverschmutzer ermittelt. Auf dem zehnten Platz findet sich das Braunkohlekraftwerk Schkopau in Sachsen-Anhalt. Das Werk, das laut Greenpeace jedes Jahr 4770 Tonnen Schwefeldioxid und 3320 Tonnen Stickoxide ausstößt, gehört dem Energieversorger Eon. Der Kraftwerkspark des Unternehmens ist im Vergleich zu seinen Konkurrenten jedoch insgesamt umweltfreundlicher. Acht der neun gesundheitsschädlichsten Kraftwerke gehören Vattenfall und RWE.

Kraftwerk Schwarze Pumpe
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Das Braunkohle-Geschäft von Vattenfall steht zum Verkauf.

Eon - Bilanz
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Platz 8: Kohlekraftwerk Schloven von Eon

Das Kohlekraftwerk in Gelsenkirchen ist sowohl das einzige Steinkohlekraftwerk unter den Top-10 der größten Luftverschmutzer, als auch nur eines von zwei Kohlekraftwerken unter den größten zehn Dreckschleudern des Eon-Konzerns überhaupt. Konzernchef Johannes Teyssen (Foto) hat in den vergangenen Jahren vielmehr in Gas investiert und verfügt somit nur über einen verhältnismäßig kleinen Kohlekraftwerkspark.

Sonne hinter Kraftwerk
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Platz 7: Kraftwerk Neurath von RWE

Auf dem siebten Platz findet sich wieder ein Kraftwerk von RWE. Es stößt jedes Jahr laut Greenpeace 3190 Tonnen Schwefeldioxid und 11.700 Tonnen Stickoxide aus.

Greenpeace demonstriert gegen Kraftwerksbau Boxberg
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Platz 6: Kraftwerk Boxberg von Vattenfall

Auch das Kraftwerk Boxberg gehört zu den größten Umweltverschmutzern Deutschlands. Es ist das zweitgrößte Braunkohlenkraftwerk Vattenfalls in Deutschland. Es produziert 15.600 Gigawatt Strom im Jahr und versorgt damit 3,1 Millionen Haushalte.

Braunkohlekraftwerke in Nordrhein-Westfalen
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Platz 5: Kraftwerk Frimmersdorf von RWE

Das RWE-Braunkohlekraftwerk Frimmersdorf steht hinter der Gemeinde Gustorf bei Grevenbroich im Kreis Neuss. Jedes Jahr stößt das Kraftwerk 5620 Tonnen Schwefeldioxid, 9070 Tonnen Stickoxide und 257 Tonnen Feinstaub aus.

Linkspartei fordert Strompreis-Begrenzung per Gesetz
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Platz 4: Kraftwerk Weisweiler von RWE

Den vierten Platz belegt das Kraftwerk Weisweiler von RWE. Der erste Strom wurde dort bereits 1955 produziert. Bis 1975 wurden acht Blockanlagen in Betrieb genommen. Jedes Jahr verschmutzt das Werk die Luft mit 3060 Tonnen Schwefeldioxid und 12.700 Tonnen Stickoxiden.

Fachleute erwarten zahlreiche neue Klagen, sobald der neue Bebauungsplan vorliegt. Das Problem des sehr geringen Abstandes von einer Wohnsiedlung bleibt bestehen. Generell ist die Stimmung in der Stadt gespalten. Es gibt lautstarke und gut organisierte Gegner, aber auch viele Befürworter.

Schließlich hatte Eon viele der Bauaufträge auch an regionale Unternehmen vergeben – ein Investitionsprogramm für das nördliche Ruhrgebiet. Wegen des Baustopps mussten am Standort drei Uralt-Kraftwerke mit wesentlich höheren Emissionen jahrelang weiterlaufen, die eigentlich längst abgeschaltet sein sollten. Das Kraftwerk soll nicht nur Industriestrom liefern, sondern zusätzlich rund die Hälfte der Dattelner Haushalte mit Fernwärme versorgen. Der parteilose Dattelner Bürgermeister Wolfgang Werner ist für das Kraftwerk und sieht in seiner Stadt 60 bis 80 Prozent Befürworter. Nicht wenige Dattelner seien auch einfach des jahrelangen Dauerstreits überdrüssig, sagt der Stadtsprecher.

  • dpa
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3 Kommentare zu "Kraftwerk Datteln: Zweite Chance für Eon"

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  • Ein Bauer hat geklagt. Sicherlich hätte er viel lieber 100.000EUR für die Verpachtung seines Ackers an einen Windkraftbetreiber jährlich erhalten.
    Sicher haben ihn ein paar politisch-verquaste Grüne zur Klage überredet.

    Zuschüsse für die Vermaisung seiner Anbauflächen erhält er sowieso schon.

    Das gibr es nur in Deutschland....

  • Nicht böse sein, aber wir Deutschen sind doch echt dämlich, oder?

    Die Stadt ist so doof und genehmigt entsprechend dem städtischen Bebauungsplan das Kraftwerk ohne vernünftige Prüfung. Die "Profis" von E.ON sind so naiv und bauen drauf los, ohne sich über den Landesentwicklungsplan bzw. Bedenken anderer zu informieren. Ein paar Anwohner bringen das Projekt zum Scheitern und freuen sich diebisch, obwohl die Region vom Kraftwerk profitiert. Die Grünen freuen sich, dass die Geschichte immer weiter geht und dass sie das ausschlachten können, vergessen dabei aber, dass die Geschichte umweltschädlich ist, weil die alten Dreckschleudern weiterlaufen.

    Schlimm. Peinlich. Hat denn keiner begriffen, dass wir alle in einem Boot sitzen?? Schon mal was von Professionalität und Zusammenarbeit gehört??





  • "Bahnstrom hat eine besondere Spannung und kann ohne erhebliche technische Vorkehrungen nicht in anderen Kraftwerken erzeugt werden."
    Bahnstrom hat eine Netzfrequenz von 16,7Hz - nicht die sonst üblichen 50Hz. Wechselspannung an sich können relativ simpel auf den geünschten Wert hoch-/heruntertransformiert werden.

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