Energie

Mobilität der Zukunft
Die Öko-Illusion von Greenpeace

Weniger Autos und gar keine Verbrenner mehr: In einer Studie fordert Greenpeace eine radikale Mobilitätswende. Deutschland könne ab 2035 ohne Öl im Verkehr auskommen. Industrie und Experten widersprechen vehement.
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Lärm, Staus, miese Luft: Greenpeace sieht im Verkehrssektor die vielleicht größte Gefahr für unser Wohlbefinden und das Weltklima. So wie bisher könne es jedenfalls nicht weitergehen, meinen die Umweltschützer. Um die Erde vor dem Klimakollaps zu bewahren und die Menschheit vor schwerwiegenden Gesundheitsschäden zu schützen, brauche es eine grundlegende Wende in der Verkehrspolitik.

Die frohe Botschaft von Greenpeace: Es ist noch nicht zu spät – wir können die Kurve kriegen. Deutschland könne ab 2035 völlig auf Erdöl im Verkehr verzichten, heißt es in einer neuen Studie des Wuppertal Instituts im Auftrag des Ökoverbandes. Um dieses „Mobilitäts-Szenario 2035“ verwirklichen zu können, sind aber radikale Schritte notwendig.

So soll etwa die Anzahl der Autos in Deutschland mehr als halbiert werden – von aktuell 548 Pkw auf nur noch 200 Pkw pro 1000 Einwohner. Im Gegenzug müsse der Anteil von Rad- und öffentlichem Verkehr bis zum Jahr 2035 verdoppelt werden. Der Transport von Gütern soll Großteils von der Straße auf die Schiene verlagert werden, der Güterfernverkehr auf der Straße zu 80 Prozent über Oberleitungen elektrisch erfolgen.

Um wirklich eine CO2-neutrale Mobilität sicherstellen zu können, müssten alle Wege ohne klimaschädlichen Verbrennungsmotor zurückgelegt werden. 98 Prozent der Pkw auf deutschen Straßen sollen künftig Elektroautos sein. Nach 2025 dürfe kein Verbrenner mehr zugelassen werden, fordert Greenpeace. Doch wie realistisch ist dieses Szenario? Industrievertreter und Experten sind sich einig: Es ist völlig illusorisch.

„Im Güterverkehr sowie insbesondere in der Luft- und Schifffahrt bleiben fossile Kraftstoffe auf absehbare Zeit unersetzlich“, sagt Wolfgang Langhoff dem Handelsblatt. Der Europa-Chef des britischen Ölmultis BP glaubt zwar, dass Elektroautos in Ballungszentren durchaus eine Ergänzung zum öffentlichen Verkehr darstellen können. Aber gerade im ländlichen Raum – bei den weiten Distanzen, die Pendler und Gewerbetreiben täglich zurücklegen – werde es fossile Brennstoffe weiterhin geben müssen, so Langhoff.

„Die Diskussion über die Mobilität der Zukunft konzentriert sich ausschließlich auf einen Antrieb als Allheilsbringer“, kritisiert der 57-Jährige. Der Top-Manager plädiert für eine differenzierte Debatte und einen Mix aus verschiedenen Antrieben und Kraftstoffen. Diesel und Benziner durch eine Monostruktur aus Elektroantrieben zu ersetzen, wie dies Greenpeace bei Pkw machen wolle, sei „wenig ratsam“, so Langhoff.

Eine Alternative zum Verbrenner müsse ähnlich günstig und verbraucherfreundlich sein. „Das ist aktuell bei der Elektromobilität nicht zu erkennen“, erklärt Langhoff. Bei Reichweite, Ladezeit und Kosten seien Verbrenner ihren elektrischen Pendants nach wie vor überlegen. Und das dürfte sich auch so schnell nicht ändern, meinen unabhängige Autoexperten.

Die Greenpeace-Vision, wonach ab 2035 gut 98 Prozent der Autos elektrisch angetrieben werden sollen, hält Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) der Hochschule Bergisch Gladbach für utopisch. „Das ist völliger Unsinn. Beim besten Willen werden wir das nicht schaffen“, sagte der Autoexperte der „WELT“. Selbst in seinen alleroptimistischsten Szenarien geht Bratzel nur davon aus, dass bis 2035 maximal 20 Prozent aller heimischen Autos elektrisch angetrieben werden können. Und das wäre schon ein großer Erfolg.

Ferdinand Dudenhöffer, Autoexperte an der Universität Duisburg-Essen, hält den ganzen Ansatz von Greenpeace, den Individualverkehr massiv einzuschränken für völlig falsch. „Gesellschaften ohne individuelle Mobilität sind Entwicklungsgesellschaften – und Entwicklungsland zu werden sollte doch wirklich nicht ein Ziel sein“, sagte Dudenhöffer der „WELT“.

Greenpeace-Verkehrsexperte Benjamin Stephan entgegnet: „Wir wollen weniger Autos und weniger Verkehr, aber nicht weniger Mobilität“. Die Politik versage seit Jahrzehnten dabei, den Ausstoß von Schadstoffen im Verkehrsbereich zu senken. Daher müsse die Bundesregierung beispielsweise alsbald ein Datum für den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor beschließen

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