Energie

Müllverbrenner EEW Chinesen machen Müll zu Geld

Deutschlands Industrie weckt bei Chinesen Begehrlichkeiten. Experten warnen im Fall Kuka vor dem Ausverkauf von Spitzentechnologie. Doch es gibt auch positive Beispiele, wie die Übernahme des Müllverbrenners EEW zeigt.
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Ein Kraftwerker transportiert Müll mit einem Kran zum Verbrennen in eine Müllverbrennungsanlage: Vor gut einem Jahr wurde EEW von der chinesischen Holding Beijing Enterprises übernommen. Quelle: dpa
Müllverbrenner EEW

Ein Kraftwerker transportiert Müll mit einem Kran zum Verbrennen in eine Müllverbrennungsanlage: Vor gut einem Jahr wurde EEW von der chinesischen Holding Beijing Enterprises übernommen.

(Foto: dpa)

HelmstedtSorgen? Wieso sollte er sich Sorgen machen? Während Deutschland, Frankreich und Italien strengere EU-Regeln fordern, um den Ausverkauf von Hightech-Firmen nach Fernost zu verhindern, bleibt Bernard Kemper, Chef des Müllverbrenners „EEW Energy from Waste“ aus Helmstedt, gelassen. Vor gut einem Jahr wurde EEW von der chinesischen Holding Beijing Enterprises übernommen – für 1,438 Milliarden Euro. Kempers Fazit: Die Übernahme sei „ausgesprochen positiv, und zwar für alle Beteiligten“. Der EEW bescheinigt er enorme Aussichten, neue Märkte in Asien seien in Reichweite und neue Mitarbeiter würden gebraucht.

Kemper schränkt aber ein: „Wir sind kein Hochtechnologieunternehmen im Sinne eines Roboterherstellers.“ Damit spielt er auf die Übernahme des Roboterbauers Kuka durch den chinesischen Hausgerätehersteller Midea an. Aber die Kritiker sind weitgehend verstummt – jetzt rechnet sich Kuka mit seinem neuen Eigentümer große Wachstumschancen in China aus. „Wir wollen Nummer eins auf dem chinesischen Markt für Robotik werden“, sagte Kuka-Chef Till Reuter erst kürzlich.

Wie passt das zu den Befürchtungen eines Ausverkaufs? Im Fall der EEW-Übernahme gehe es um Markt- oder Techniksynergien, das sei nicht zu vergleichen mit anderen Zukäufen, wo sensibles Know-how abgezogen werden könnte, erklärt Kemper. Und: „Wir haben wieder einen strategischen Investor, strategische Investoren sind immer auf Langfristigkeit bedacht.“ Das sei auch für die Sicherheit der Arbeitsplätze entscheidend.

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Jedes Jahr fallen in der Bundesrepublik 350 Millionen Tonnen Abfall an. 17,8 Millionen davon sind Verpackungsmüll, die Menge ist seit 1996 um mehr als 30 Prozent angewachsen. Rund 8,3 Millionen Tonnen, also fast die Hälfte, kommt aus Privathaushalten. Das macht 103 Kilogramm Verpackungsmüll im Haushalt pro Person und Jahr. Das meiste davon sind dem Umweltbundesamt (UBA) zufolge Verpackungen von Getränken, Nahrungsmitteln und Tierfutter. „Kein Land in Europa produziert pro Einwohner und Jahr mehr Verpackungsabfälle als wir“, sagt Patrick Hasenkamp vom Verband kommunaler Unternehmen.

Was wird schon getan, um die Abfallmenge zu verringern?
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Seit Dezember 2013 gibt es ein „Abfallvermeidungsprogramm“ des Bundes und der Länder. Es besteht aus Empfehlungen und soll 2019 ausgewertet werden. Die Bundesregierung setzt hauptsächlich auf Freiwilligkeit. Etwa, wenn Unternehmen sich selbst verpflichten, Plastiktüten nicht mehr umsonst abzugeben, oder Kaffee in Mehrwegbechern verkauft wird, wie in Freiburg, Tübingen oder Berlin. Gerade läuft die „Europäische Woche der Abfallvermeidung“, an der viele Unternehmen und Kommunen teilnehmen. Schwerpunkt dieses Jahr: Verpackungsmüll.

Warum fällt trotzdem immer mehr Verpackungsmüll an?
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Ein Grund sei der demografische Wandel, sagt UBA-Präsidentin Maria Krautzberger. Kleine Haushalte kauften kleine Portionen, Singles setzen oft auf Fertiggerichte. Außerdem zähle bei Verpackungen oft der Marketing-Wert statt nur die Funktionalität: „Sie sind oft unnötig, aufwendig und vor allem oft nicht recyclinggerecht.“

Sehen die Hersteller das genauso?
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Der Markenverband weist die Kritik als zu pauschal zurück. „Lediglich in kleinen Bereichen findet man sogenannte Schmuckpackungen“, sagt Hauptgeschäftsführer Christian Köhler. Verpackungen seien nicht nur für den Schutz wichtig, sondern trügen den Kundenbedürfnissen Rechnung wie Portionierbarkeit und Verschließbarkeit.

Reicht es, auf freiwillige Initiativen zu setzen?
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Die Umweltministerin sieht „ermutigende Signale“, dass Menschen und Unternehmen umdenken. Bei den Plastiktüten laufe es auch gut, es seien schon rund 350 Unternehmen dabei, darunter auch große Handelsketten. Hendricks verweist darauf, dass viele Dinge sich rechtlich nur auf EU-Ebene regeln ließen: „Alleingänge“ würden als Wettbewerbshemmnis betrachtet. Das Umweltbundesamt dagegen wünscht sich in manchen Bereichen schärfere rechtliche Vorgaben.

Was will das Umweltbundesamt konkret?
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Erstens sollen Geschäfte im Getränke-Sortiment immer auch Mehrwegflaschen anbieten – Discounter wie Lidl oder Aldi haben oft nur Einweg. Zweitens kritisiert das Bundesamt, dass die Gebühren, die Hersteller von Verpackungen für deren Entsorgung schon im Voraus bezahlen müssen, nicht mehr richtig wirken. „Verpackungen sind einfach zu billig.“ Die Behörde schlägt vor, das Lizenzentgelt von der Recycling-Fähigkeit der Verpackungen abhängig zu machen.

Was hält der Handel von der Mehrweg-Pflicht?
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Wenig. Es bedürfe keiner gesetzlichen Regelung, sagt Kai Falk, Geschäftsführer des Handelsverbands HDE. „Für beide Packungsarten gibt es ein gut etabliertes Pfand- und ein flächendeckendes Rücknahmesystem, die für eine hohe Rücklauf- und Recyclingquote sorgen.“ Eine gesetzliche Regelung würde Importeuren den Zugang zum deutschen Markt verstellen und die Vielfalt im deutschen Lebensmitteleinzelhandel einschränken, argumentiert der Verband.

Der Müllverbrenner beschäftigt mehr als 1.000 Mitarbeiter, in der Zentrale und in den Anlagen seien 40 bis 50 Stellen hinzugekommen, sagt EEW-Betriebsratschef Reinhard Lehniger. Er räumt ein: „Wir hatten am Anfang Sorgen, aber das hat sich jetzt alles in Luft aufgelöst. Die Chinesen mischen sich nicht ins operative Geschäft ein, es herrscht Ruhe.“ Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes habe es sicher gegeben, aber die „ist jetzt weg“. Jörg Liebermann, Leiter des Bezirks Wolfenbüttel der Gewerkschaft IG BCE, bestätigt: „Damit sind die Arbeitsplätze sicher.“

Der Müllverbrenner hat bewegte Jahre hinter sich: Der schwedische Investor EQT übernahm die einstige Tochter des Energieriesen Eon 2012 mit knapper Mehrheit, 2015 dann ganz. Schließlich verkaufte EQT die Firma an die Chinesen. Das ist kein Zufall: Der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungskonzern EY untersucht chinesische Investitionsziele regelmäßig. Demnach war Deutschland im Jahr 2016 mit 68 Unternehmenskäufen für chinesische Investoren das attraktivste Land in Europa – deutlich vor Großbritannien (47). Der spektakulärste Deal war die Kuka-Übernahme für knapp 4,7 Milliarden Euro. EY rechnet mit wachsendem Interesse: Auch Osram geriet ins Visier chinesischer Investoren.

Das treibt auch die Politik um, vor allem in den drei großen Euro-Volkswirtschaften. Die Investoren aus Fernost werden zunehmend skeptisch betrachtet, weil die chinesische Regierung offiziell das Ziel verfolgt, weltweit die technologische Führung zu übernehmen. Und: China verfügt über gigantische Devisenreserven, zudem sind Staat und Wirtschaft eng verbandelt.

Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies betont aber: „Chinesische Investoren sind in Deutschland hoch willkommen und auch die deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen werden immer wichtiger.“ Die EEW-Übernahme habe „sicher aufhorchen lassen“, räumt der SPD-Politiker ein. „Wie von uns erwartet, hat sich dadurch aber keinerlei negative Veränderung ergeben.“ Sondern Chancen, wie EEW-Chef Kemper sagt: „Es gibt einen unendlich großen Bedarf an neuen Müllverbrennungsanlagen in China.“ Neue Märkte will die Firma vor allem in Südostasien erobern.

EEW betreibt 16 Müllverbrennungsanlagen in Deutschland, eine in Luxemburg und eine in den Niederlanden. 2016 erreichte der Umsatz eine Größenordnung von rund 500 Millionen Euro, das Ergebnis sei „zufriedenstellend“, allerdings mussten zwei Anlagen im Rahmen der Transaktion abgegeben werden. 4,7 Millionen Tonnen Abfall wurden zu Energie gemacht und umweltschonend verwertet. Beijing Enterprise wiederum gehört der Stadtregierung Peking. Das Unternehmen betreibt das Müllmanagement der Stadt und ist Wasser- und Gasversorger. Die chinesische Metropole hat massive Umweltprobleme – vor allem Smog.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Chinesen? Die Strategiegespräche hätten im Sommer zu einer Investitionsentscheidung über 70 Millionen Euro geführt – zur Erweiterung einer Müllverbrennungsanlage in Holland. Kemper: „Das ist keine Selbstverständlichkeit, wenn man seit drei Monaten einen neuen Gesellschafter hat.“ Laut Gewerkschafter Liebermann ist die Kooperation mit China beim Bau dortiger neuer Müllverbrennungsanlagen noch etwas hakelig. Betriebsrat Lehniger ist aber sicher: Die Übernahme führt die EEW in ruhigeres Fahrwasser.

  • dpa
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