Energie

Öko-Aktivisten wollen Braunkohle

Wie Greenpeace Vattenfall ärgern will

Ausgerechnet Greenpeace schlägt Vattenfall einen Deal vor: Die Umweltorganisation will das Braunkohle-Geschäft des Energiekonzerns übernehmen und den Tagebau abwickeln. Konkurrent ist der reichste Mann Tschechiens.
Das Braunkohle-Geschäft von Vattenfall steht zum Verkauf. Quelle: dpa

Das Braunkohle-Geschäft von Vattenfall steht zum Verkauf.

(Foto: dpa)

DüsseldorfDer PR-Coup ist schon einmal geglückt. Ob es mit der Übernahme klappt, darf aber bezweifelt werden. Viel wird die Umweltschutzorganisation Greenpeace dem schwedischen Vattenfall-Konzern für dessen Braunkohleaktivitäten in Deutschland jedenfalls nicht bieten. Greenpeace bezifferte heute den Barwert auf weniger als eine halbe Milliarde Euro und berief sich dabei auf Berechnungen des Instituts Energy Brainpool. Ziehe man die hohen Folgekosten mit ein – etwa für die Renaturierung der Tagebaue –, ergebe sich sogar „ein negativer Betrag von mehr als zwei Milliarden Euro“. Im Klartext: Vattenfall müsste eigentlich dem Käufer Geld geben, damit er die Braunkohle übernimmt.

Vattenfall hatte am 22. September den Verkauf der Braunkohlesparte in Deutschland gestartet. Vor wenigen Tagen erklärte Greenpeace überraschend, sich am Verkaufsprozess zu beteiligen. Jetzt macht die Umweltschutzorganisation ernst. Am Dienstag kündigte sie auf einer Pressekonferenz in Berlin an, bei der von Vattenfall beauftragten Investmentbank Citigroup ein „Statement of Interest“ einzureichen.

Folgt der Braunkohle- auf den Atomausstieg?
Braunkohleverstromung kontra erneuerbare Energie
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Welche Anteil hat Braunkohle im deutschen Energie-Mix? Ein Viertel des deutschen Stroms stammt weiter aus Braunkohlekraftwerken - trotz der Milliardeninvestitionen in erneuerbare Energien und aller Klagen von Umweltschützern über die „C02-Schleudern“. Doch seit einigen Monaten rückt die Politik ab von dem schon lange umstrittenen aber verführerisch billigen Energielieferanten.

EU-Kommissar Oettinger besucht Kraftwerksbaustelle
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Nach dem Atom- der Braunkohleausstieg? Im Frühjahr beschloss die NRW-Landesregierung überraschend die Verkleinerung des größten deutschen Braunkohlereviers Garzweiler II am Niederrhein. In der vergangenen Woche kündigte der schwedische Energiekonzern Vattenfall an, einen Verkauf seines Braunkohlereviers in der Lausitz zu prüfen.

Kraftwerk Jänschwalde
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Warum ist Braunkohle so umweltschädlich? Braunkohle hat bis zu 60 Prozent Wasseranteil. Der Heizwert ist deutlich niedriger als bei Steinkohle oder Gas. Deshalb muss für die Energieerzeugung wesentlich mehr Material verbrannt werden – wie im Bild brandenburgischen Jänschwalde. Der CO2-Ausstoß liegt auch bei den modernen Braunkohleanlagen im rheinischen Revier mit rund 900 Gramm CO2 pro Kilowattstunde etwa doppelt so hoch wie bei Gaskraftwerken. Alte Braunkohlekraftwerke emittieren sogar 1000 Gramm und mehr. Hinzu kommt die Landschaftszerstörung beim Braunkohleabbau, für den ganze Dörfer umgesiedelt werden müssen.

huGO-BildID: 10283226 ** ARCHIV ** Die von der Deutschen Steinkohle AG zur Verfuegung gestellte undatierte Aufnahme zeigt Bergleute bei der Arbeit mi
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Was spricht für die Technik? Braunkohle als Energielieferant ist deutlich preiswerter als Steinkohle und Gas. Steinkohle wird in Deutschland aus über 1000 Meter Tiefe gewonnen, Gas muss meist über weite Strecken per Pipeline hergeführt werden. Die Braunkohleressourcen liegen zu 100 Prozent im eigenen Land und reichen noch für viele Jahre - ein wichtiger Punkt angesichts der Ängste um die Gasversorgung wegen des Ukrainekonflikts und der Kämpfe und Unruhen in Erdöl erzeugenden Staaten.

Stromspar Check
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Warum rückt die Politik von Braunkohle ab? Deutschland bekommt zunehmend Probleme mit seinen Klimaschutzzielen. Zwei Jahre hintereinander ist der CO2-Ausstoß gestiegen statt gefallen. Die geplante Reduzierung der Treibhausgase um 40 Prozent bis 2020 wird nach jetzigem Stand deutlich verfehlt. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD, Foto) hat zum Entsetzen der Energiebranche jetzt sogar eine Schließung älterer Kohlekraftwerkskapazitäten ins Gespräch gebracht.

Strombörse EEX baut Handelsvolumen aus
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Was bedeutet das für die Versorger? Der Börsenstrompreis, die unter anderem im Handelsraum der European Energy Exchange (EEX) beobachtet werden, ist unter anderem wegen der zusätzlichen Wind- und Sonnenstrommengen seit Jahren rapide gefallen und liegt nur noch bei etwa 4 Cent pro Kilowattstunde. Das liegt unter den Produktionskosten vieler Gaskraftwerke. Braunkohlekraftwerke, deren Produktionskosten auf rund 3 Cent pro Kilowattstunde geschätzt werden, sind damit - neben der auslaufenden Atomkraft - die letzten verlässlichen Gewinnbringer der Versorger in der Stromerzeugung.

Greenpeace-Aktion gegen Braunkohletagebau
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Ist Klimaschutz nicht wichtiger als alle Berechnungen? Ja, sagen die Umweltschützer – und demonstrieren dafür, wie im Bild die Greenpeace-Aktivisten, die sich an ein Bahngleis von Vattenfall in Welzow (Brandenburg) angekettet haben. Dass RWE noch in jüngster Vergangenheit Milliarden für zwei 2012 eröffnete Braunkohlekraftwerksblöcke in Grevenbroich am Niederrhein investiert hat und am Projekt eines weiteren Blocks festhält, halten sie für völlig verfehlt. Die Kohlebranche verweist dagegen schlicht auf den Anteil von rund 45 Prozent von Stein- und Braunkohle an der Stromerzeugung. So viel Kapazität sei nicht in kurzer Zeit zu ersetzen, wenn gleichzeitig die Atomkraft mit aktuell immer noch gut 15 Prozent abgeschaltet wird.

Greenpeace würde nach eigener Darstellung die Braunkohlesparte in eine gemeinnützige Stiftung überführen. Deren Zweck wäre „der Ausstieg aus der Kohleverstromung bis zum Jahr 2030 und der Umbau des Konzerns zu einem Erneuerbare-Energien-Unternehmen“. „Wir werden die Verantwortung für den Klimaschutz, die Gesundheit der Menschen und einen erfolgreichen Strukturwandel in der Lausitz übernehmen, wenn Vattenfall und die schwedische Regierung dies nicht tun“, sagte Annika Jacobson, Programm-Managerin von Greenpeace in Schweden. „Es ist eine große Chance, aus dem schmutzigen Braunkohlegeschäft eine erneuerbare Zukunft für die Lausitz und die Menschen dort zu machen.“

Vattenfall will zum einen den Tagebau in der Lausitz verkaufen. Zum anderen soll der Käufer die Kraftwerke Jänschwalde und Schwarze Pumpe in Brandenburg, Boxberg und den Block R der Anlage Lippendorf in Sachsen übernehmen. Zudem stehen zehn Wasserkraftwerke nicht weit vom Braunkohlerevier in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt zum Verkauf.

Vattenfall hatte höflich reagiert, als Greenpeace das Angebot angekündigt hatte. Der Prozess sei „offen“. Kritischer verfolgen die rund 8000 Mitarbeiter die Pläne von Greenpeace, die Braunkohleverstromung abzuwickeln. Betriebsräte sprachen von einem „PR-Gag“. Bislang sind nur zwei andere Angebote bekannt. Die beiden tschechischen Energiekonzerne EPH und CEZ haben ihr Interesse offen bekundet.

EPH betreibt schon den zweiten Braunkohletagebau in Ostdeutschland einen Mibrag. Jüngst gewann das Unternehmen auch einen mächtigen Verbündeten. Die Investmentgruppe PPF des reichsten Tschechen, Petr Kellner, will sich an dem Kaufangebot beteiligen.

Im Gegensatz zu Greenpeace hatten Finanzexperten den Wert der zum Verkauf stehenden Aktivitäten mit zwei bis drei Milliarden Euro beziffert. Der Verkauf ist aber schwierig, weil die Braunkohle wegen der hohen CO2-Emissionen auf immer größeren Widerstand trifft. Der Prozess wird sich deshalb bis ins kommende Jahr ziehen.

Nach Darstellung von Greenpeace liegt der „wahre Wert“ der Sparte noch deutlich unter der genannten halben Milliarde. Der Preis werde durch hohe Folgekosten des Kohleabbaus beispielsweise für die Renaturierung der Tagebaue und den Rückbau der Kraftwerke auf einen negativen Betrag von mehr als zwei Milliarden Euro gedrückt. Berücksichtige man darüber hinaus die enormen sozialen und Umweltkosten errechneten sich finanzielle Verpflichtungen in Höhe eines zweistelligen Milliardenbetrags.

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