Energie

Ölpreis steigt wieder
„Big Oil“ träumt vom Ende der Leidenszeit

Der Ölpreis steigt allmählich wieder, BP und Co. atmen auf. Doch selbst höhere Preise garantieren den Konzernen keine Spitzenrenditen mehr. Ihr bestehendes Geschäft ist nur bedingt zukunftsfähig.

Istanbul/DüsseldorfSchmale Brille, weiche Stimme, putziger Schnauzer: Amin H. Nasser ist stets um Zurückhaltung bemüht. Der Chef von Saudi Aramco, dem weltgrößten Ölkonzern, zieht meist ohnehin mehr Aufmerksamkeit auf sich, als ihm lieb ist. So sanft Nasser als Person wirkt, so schonungslos analysiert er die Lage der Branche. „Die Öl- und Gasindustrie wurde von einbrechenden Gewinnen, Stellenabbau und Firmenschließungen erschüttert“, sagt Nasser auf der Weltenergiekonferenz in Istanbul.

Seit mehr als zwei Jahren verharren Großkonzerne, Spezialanbieter und staatliche Rohstoffriesen wie Saudi Aramco wegen des Ölpreisverfalls in der Krise. Als Reaktion auf die Misere hat die ganze Branche ihre geplanten Investitionen um die unvorstellbare Summe von einer Billion Dollar (900 Milliarden Euro) gekürzt. Doch mit dem allmählich anziehenden Ölpreis keimt Hoffnung auf, dass die Zeit des Leidens bald vorbei sein könnte. „Der Markt beginnt zu genesen“, erklärte Nasser. Er ist sogar so zuversichtlich, dass er für 2018 den Börsengang von Aramco in Aussicht stellte. Der saudische Staatskonzern wird von Analysten mit bis zu vier Billionen Dollar bewertet. Die Firma ist größer als die Volkswirtschaften der meisten Länder der Erde.

Nicht nur Nasser versprüht ungewohnt viel Optimismus. Auch Bob Dudley ist hoffnungsfroh. Angebot und Nachfrage im Ölmarkt seien gerade „ziemlich in Balance“, sagte der Boss des britischen Ölmultis BP in Istanbul. Dudley rechnet damit, dass der Ölpreis bis zum Ende des Jahrzehnts zwischen 55 und 70 Dollar je Barrel (159 Liter) hin und her pendeln wird. Die wichtigsten Ölförderländer der Erde hätten endlich erkannt, dass es der Welt schade, wenn der Ölpreis auf 25 Dollar absacke, so Dudley.

An den Börsen sind Öltitel gerade im Aufwind. Die britische Großbank HSBC hat am Montag beispielsweise das Kursziel für BP und Shell deutlich nach oben geschraubt. Der Stoxx Europe 600 Oil & Gas-Index, der die größten europäischen Unternehmen aus dem Öl- und Gassektor abbildet, hat seit Anfang des Jahren um gut zwölf Prozent auf 295 Punkte zugelegt. Davor ist der Index allerdings auf den tiefsten Stand seit der Finanzkrise abgerutscht. Richtig positiv ist die Perspektive für die Ölkonzerne ohnehin nicht. Selbst wenn sich der Preis für den wichtigsten Rohstoff der Welt dauerhaft stabilisieren sollte, dürfte die Rückkehr zu hohen Gewinnen wie einst ein frommer Wunsch bleiben.

„Es ist nicht nur der Ölpreis, der vielen Firmen zu schaffen macht“, so Walter Pfeiffer zum Handelsblatt. Der Energieexperte der Unternehmensberatung Roland Berger hält fest: „Es gab auch gravierende strategische Fehlentscheidungen.“ Die Kosten bei vielen Erdölgewinnungs-Projekten seien in den vergangenen Jahren aus dem Ruder gelaufen. „Im Durchschnitt gab es Kostensteigerungen von circa 60 Prozent“, so Pfeiffer. Gleichzeitig befinden sich viele Ölmultis einem tödlichen Dilemma: Sie sind hoch verschuldet, schreiben Verluste und müssen gleichzeitig ihre Aktionäre mit Dividenden besänftigen.

Niemand kennt die vertrackte Lage besser als Bob Dudley. Der Amerikaner hat nach der Katastrophe mit der Ölplattform „Deepwater Horizon“ im Jahr 2010 den Chefposten bei BP übernommen. Noch immer lastet das Desaster im Golf von Mexiko auf der Bilanz des Konzerns. Hinzu kommen der Vormarsch der erneuerbaren Energien, mehr Wettbewerber durch die Schiefergasindustrie und neue Klimavorgaben. Soll die Erde nicht noch weiter aufgeheizt werden, müssen 80 Prozent der fossilen Brennstoffvorräte im Boden bleiben. Die Antwort von BP und Aramco darauf? Statt auf Öl setzen sie einfach verstärkt auf Erdgas.

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