Energie

Radikaler Führungsumbau

Umbau bei Thyssen-Krupp

Beim Stahlkonzern glauben Aufsichtsratschef Cromme und Vorstandschef Hiesinger (Bild) die Lösung gefunden zu haben: Ein Komplettumbau des Vorstands soll die Negativschlagzeilen über das Unternehmen vergessen machen.
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Thyssen-Krupp-Vorstandschef Heinrich Hiesinger im Vorzeigeprojekt „Ideenpark“, das junge Leute für Ingenieursberufe begeistern soll. Quelle: PR

Thyssen-Krupp-Vorstandschef Heinrich Hiesinger im Vorzeigeprojekt „Ideenpark“, das junge Leute für Ingenieursberufe begeistern soll.

(Foto: PR)

DüsseldorfIn den vergangenen Monaten hatte sich Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger gerne in der Aufmerksamkeit gesonnt, die das Projekt „Ideenpark“ ihm garantierte. Millionen hatte der Stahlkonzern in die Ausstellung in der Messe Essen investiert, die bis Ende August bei jungen Menschen Begeisterung für Technik und Ingenieursberufe wecken sollte. Es war ein Beitrag, um dem Fachkräftemangel langfristig zu bekämpfen.

Doch jetzt ist Hiesinger ganz kurzfristig auf der Suche nach hellen Köpfen. Denn der Personalausschuss des Aufsichtsrats hat in Abstimmung mit Hiesinger am Mittwoch gleich drei von sechs Vorständen des Konzerns vor die Tür gesetzt. Offiziell sollen die Verträge des Trios zwar noch bis zum 31. Dezember 2012 laufen und der gesamte Aufsichtsrat muss dem Vorschlag noch zustimmen. Doch im Wesentlichen ist das Unternehmen von einem auf den anderen Tag die halbe Führungsetage los – ohne Nachfolger zu präsentieren.

Aufsichtsratschef Gehard Cromme, der auch dem Personalgremium vorsteht, hat damit härter durchgegriffen, als er es selbst als Aufräumer nach der Siemens-Korruptionsaffäre getan hatte. Als ehemaligem Vorsitzenden der Regierungskommission für gute Unternehmensführung (Corporate Governance) blieb ihm vielleicht auch gar nichts Anderes übrig. Denn bei dem Stahlkonzern häufen sich die Negativ-Schlagzeilen so sehr, dass ein hartes Durchgreifen als notwendig erscheint.

Hiesinger hatte seit seinem Amtsantritt bereits damit begonnen, die Ausrichtung des Konzerns zu ändern und sich mehr auf Technologie statt den Rohstoff Stahl zu fokussieren. So verkaufte er etwas die Edelstahlsparte. Doch die Unternehmenskultur scheint eine ebenso große Baustelle wie die grundsätzliche Strategie zu sein.

Seit Jahren beschäftigen den Konzern die Fehlinvestitionen in zwei große Werke in Brasilien und den USA. Daneben sieht sich der Konzern „derzeit mit der Aufdeckung einer Reihe von Korruptions- und Kartellfällen konfrontiert. Auch in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach der bisherigen Führungskultur im Konzern“, teilte Thyssen-Krupp am Mittwochabend mit und erntete rasch Applaus.

Korruption und Fehlinvestitionen
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4 Kommentare zu "Radikaler Führungsumbau: Neues aus dem Thyssen-Krupp-Ideenpark"

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  • Ich kann den drei Vorrednern nur zustimmen. Erstaunlich ist aber auch, wie Handzahm das Handelsblatt ist.

    Während der Spiegel nun das Problem beim Namen nennt und auch die FTD die Feder spitzt, stellt das Handelsblatt es so dar, als ob der tolle Herr Hiesinger hier Herr des Verfahrens sei.

    Diese Darstellung könnte auf jeden Fall vom Presseberater Crommes kommen. Stellt sich die Frage, wer noch alles auf Lustreise war ?

  • Meinen Vorrednern kann ich nur vollumfänglich zustimmen. Ich bedaure den Vorstandsvorsitzenden Hiesinger. Eine brilliante Führungspersönlihckeit mit enormem Weit- und Überblick, Mut zur Entscheidung und der Übernahme der Konsequenzen daraus und einer fast beispiellosen Bescheidenheit. Bei seinem früheren Arbeitgeber hat er dieses mehrfach erfolgreich gezeigt. Nun muss er Fehler seiner Vorgänger ausbaden, die zu allem Überfluß noch immer in das Tagesgeschäft selbstherrlich und selbstverliebt hineinregieren... Mit dem jetzt vorgenommen Schnitt ist die wahre Wurzel des ThyssenKrupp-Übels noch lange nicht erreicht.

  • @ Anonym

    Ihre Feststellungen sind völlig korrekt. Es ist geradezu absurd zu glauben, dass sich der machtbesessene Cromme nicht bis ins Detail mit den Engagements in Brasilien und Alabama beschäftigt hat und letztendlich alles mit abgesegnet hat. Dass Cromme aus der Doppelspitze Schulz/Cromme in den AR gelobt wurde stellt sich nunmehr als Fehlentscheidung heraus. Dieser Herr hätte ganz entfernt werden müssen. Die vor Monaten von Cromme angeordnete juristische Überprüfung angeblichen Fehlverhaltens von Schulz und der Zielsetzung neben einer rufschädigenden Demontage Schulz diese auch noch Haftbar zu machen für Entscheidungen die er selbst als AR abgesegnet hat ist schon pervers. Die Flurschäden die dieser Herr seit seinem Einstieg in der deutschen Industrie hinterläßt sind in einem anderen Beitrag bereits beschrieben worden. Aber offenbar muß man besondere charakterliche Defizite aufweisen um als Nachfolger von Beitz die Kruppstiftung übernehmen zu können.
    Bei allem Respekt der Lebensleistung von Herrn Beitz stellt sich aber doch die Frage, ob man im gesegneten Alter von 99 Jahren noch die Energie aufbringen kann um die Aufgaben eines Stiftungsvorsitzenden und dessen Entscheidungspotential auszufüllen.
    Bekanntlich beginnt der Fisch zunächst am Kopf an zu stinken. Übertragen auf ThyssenKrupp wäre eine wirkliche Bereinigung erforderlich die bei Herrn Beitz beginnt und Herrn Cromme nicht ausschließen darf.
    Was die Beschäftigten in diesem Traditionskonzern in den letzten 15 Jahren über sich ergehen lassen mußten trägt mitnichten zu einer Identifikationskultur bei. Dieser Konzern ist durch Cromme, und nur durch Cromme, zu unsteten Konzern mit völlig verunsicherten Mitarbeitern mutiert. Die Gründerväter Thyyen und Krupp würden sich im Grabe wälzen, wüßten Sie was sich in den letzten 15 Jahren abgespielt hat.
    Aber, der Herr Cromme wird geduldig warten bis Herr Beitz seinen letzten Weg antritt um dann in die Villa Hügel einzuziehen.

  • Vorstände müssen in der heutigen Zeit jederzeit damit rechnen, dass ihre Arbeitsverträge nicht verlängert oder vorzeitig aufgehoben werden. Wenn diese Maßnahme in direktem Zusammenhang mit ihrer persönlichen Leistung steht, dann ist dies nicht nur gut, sondern auch notwendig. Manchmal drängt sich jedoch leider der Verdacht auf, dass damit auch andere Ziele verfolgt werden. Aufgrund der - aus heutiger Sicht - katastrophalen Entwicklung der Investitionen in Amerika und Brasilien, musste bereits der halbe Thyssen-Krupp Steel Vorstand und schließlich auch Ekkehard Schulz seinen Hut nehmen. Jetzt sind die nächsten Kandidaten dran.

    Nur: Wie sah denn der Entscheidungsprozess damals tatsächlich aus? Es ist doch anzunehmen, dass bei dem für Thyssen-Krupp erheblichen Investitionsvolumen der seinerzeitige Vorsitzende des Aufsichtsrates, Gerhard Cromme, im Detail informiert und sicher nicht unerheblich bei der Entscheidungsfindung involviert war. An fachlicher Kompetenz mangelt es ihm sicher nicht, war er doch bis Ende 2001 mit Ekkehard Schulz gemeinsamer Vorsitzender des Vorstands von Thyssen-Krupp.

    Bekanntermaßen haben wir es bei Thyssen-Krupp jedoch mit einer ungewöhnlichen Eigentümerstruktur zu tun: Die Stiftung bestimmt den Lauf der Dinge. Und wenn der noch amtierende Vorsitzende des Kuratoriums, Berthold Beitz, sich gedanklich schon auf seinen Nachfolger festgelegt hat, dann wird dem designierten Nachfolger eine Immunität gewährt, die man sonst nur bei Abgeordneten kennt. Schade eigentlich. Denn zur Aufarbeitung der fehlgeleiteten Milliarden hätte ich mir mehr Unvoreingenommenheit gewünscht. Aber dafür fehlt allen Beteiligten wohl der Mut und auch der nötige Anstand!

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