Energie

Raubbau an einem wichtigen Rohstoff

Sand wird zur Schmuggelware

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„Diese großen Maschinen sind regelrechte Killer“
Ein Bulldozer verteilt an einem Strand in Florida Sand: Reiche Städte schütten ihre Ufer auf. Quelle: AFP

Ein Bulldozer verteilt an einem Strand in Florida Sand: Reiche Städte schütten ihre Ufer auf.

(Foto: AFP)

Das Problem wird sich eher noch verschärfen. Früher mieden die Menschen die Küsten, heute aber suchen sie ein besseres Lebensgefühl am Meer. Bis 2025 werden dreiviertel aller Bewohner der Erde an den Küsten der Ozeane leben, wo die großen Metropolen liegen. Das belastet die schmalen Uferstreifen schon heute.

„Rückblickend hätten wir nie so nahe am Wasser bauen dürfen“, räumt etwa Matti Herrera Bower ein, die Bürgermeisterin von Miami Beach. „Ich hoffe, dass wir daraus lernen werden. Aber jetzt müssen wir damit leben und Wege finden, den Strand zu verbreitern, damit die Touristen weiter nach Miami Beach kommen.“ Floridas Wirtschaft lebt von den Sandstreifen. Die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts des Bundesstaats hängt direkt von den Stränden ab. Doch neun von zehn Stränden sind dort auf dem Rückzug. Damit sind alle Menschen, die davon leben, in ihrer Existenz bedroht.

Städte wie Miami Beach, die es sich leisten können, investieren hohe Summen in Aufschüttungskuren für ihre Küsten. Ein Schwimmbagger pumpt Sand vom nahegelegenen Meeresboden an Land, wo die Strände aufgespült werden. Doch Kritiker sehen darin allenfalls eine Behandlung der Symptome. „Das schafft nur ein weiteres Loch“, sagt Dick Holmberg, Experte für Küstenerosion. „Diese großen Maschinen sind regelrechte Killer. Alles was im Meer lebt, wird angesaugt, zerquetscht und an den Strand gepumpt, wo andere Organismen lebendig begraben und erstickt werden.“

Aufschüttungen sind nur ein Heilmittel auf Zeit. Nach durchschnittlich ein bis zwei Jahren hat das Meer die Küsten wieder abgetragen und man muss von vorne beginnen. „Oh Wunder, die Aufschüttungen haben unser Problem nicht gelöst“, sagt Holmberg. Wellenbrecher oder Sperrmauern, die den Sand an der Küste halten sollen, erachten einige Experten für zwecklos, ja eher schädlich. Sie störten den natürlichen Verlauf nur noch mehr. „Jedes unserer Bauwerke hat Folgen, langfristig sind wir auf der Verliererseite. Denn jeder Versuch, das Meer zu beherrschen, ist zum Scheitern verurteilt“, sagt Griggs.

Miami im US-Bundesstaat Florida: Zu nah am Meer gebaut. Quelle: dpa

Miami im US-Bundesstaat Florida: Zu nah am Meer gebaut.

(Foto: dpa)

Doch die Eingriffe des Menschen sind sogar noch schwerwiegender - und haben bereits vor langer Zeit begonnen. Sand entsteht im Gebirge durch Erosion eines Granit- oder Sandsteinfelsens, der durch Regen, Schnee oder Eis verwittert. Die Sandkörner wandern dann über Bäche und Flüsse bis an die Küsten. Hunderte bis Tausende von Jahren dauert es, bis ein Sandkorn das Meer erreicht.

Seit den letzten Jahrzehnten steckt die Reise voller neuer Hindernisse. Allein in den USA blockieren 80.000 Staudämme den Weg zum Meer. Auch in China nimmt die Zahl der Wehre rapide zu. Angesichts des wachsenden Energiehungers des Landes forciert die Regierung den Ausbau von Staudämmen und Wasserkraftwerken. Bis 2020 wird kein Wasserlauf mehr das Meer ungehemmt erreichen.

Neben Dämmen stört auch der Sandabbau in den Flüssen die Reise der Körner. 50 Prozent des Sandes erreicht niemals das Meer, so die Filmemacher. Sand verschwindet also einerseits von den Stränden, es kommt aber auch weniger aus den Flüssen nach. „Die Sandbilanz ist negativ“, fasst Chaumillon von der Universität La Rochelle zusammen.

Die Folgen des Sandschwundes werden von dem steigenden Meeresspiegel noch verschärft. Das zeigt sich etwa an den Malediven im Indischen Ozean. Dort bedrohen der steigende Meeresspiegel sowie Raubbau und Erosion der weißen Strände die palmengesäumten, paradiesischen Inseln. Sandfischer schöpfen die Körner aus den Lagunen und verkaufen sie an Baufirmen.

Fieberhafte Suche nach Alternativen zum Beton
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15 Kommentare zu "Raubbau an einem wichtigen Rohstoff: Sand wird zur Schmuggelware"

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  • ... und was fuer eine schwachsinnige Ueberschrift ist das hier: Indonesischer Kahn-Kapitaen mit Kippe im Mund ? Was hat das mit dem Inhalt zu tun ? "Journalismus neu" ?

  • Ich fürchte, das Sommerloch naht ;–))

    Schönes WE

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Haben wir gerade 1. April? Sand kann man übrigens günstig aus Mauretanien et all nach Europa importieren...

  • Fortsetzung zu Shifty:

    1- Kies bedeutet Korngröße 2 bis 63 mm, ansonsten gelten dieselben Definitionen.

    2- Mangels Kies ist in weiten Gegenden (Küstennähe) die Betonherstellung mit Sand üblich, weil wirtschaftlicher. Nachteilig ist der höhere Zementverbrauch, da die zu umhüllende Kornoberfläche mit kleinerer Korngröße gewaltig zunimmt. Letzten Endes ist dies eine wirtschaftliche Überlegung, was billiger ist, mehr Zement zu verarbeiten oder Kies von weit herbei zu karren.

    3- Im Landesinnern (z.B. Süddeutschland) können sich die Verhältnisse umkehren. Statt Sand wird dann gebrochener Kies verwendet. Nachteil ist die schwierigere Verarbeitbarkeit. Solcher Beton erfordert mehr Verdichtungsarbeit, um die Hohlräume zu minimieren. Es ist also auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit.

    4- Man könnte Abbruchmaterial verwenden. Das gibt es heute reichlich, weil fast überall etwas abgebrochen und auf Deponie gefahren wird, bevor gebaut wird. Problematisch ist, daß man eigentlich nie weiß, was da genau drin ist. mondahu erinnert sich noch gut an das Häuschen, das sein Onkel kurz nach dem Krieg mit aus gemahlenem Bauschutt gefertigten Hohlsteinen gebaut hat. Besseres gab es einfach damals nicht. Nach einigen Jahren mußten alle Wände ausgewechselt werden, da es zu schweren Ausblühungen kam, die die Struktur der Steine zerstörten.

    5- Mit dem Meer ist nicht zu spaßen. Jede Gleichgewichtsstörung rächt sich unmittelbar, langsam zwar aber unerbittlich. Und oft da, wo man es gar nicht vermutet.

    6- Am Ende laufen alle Überlegungen auf daselbe hinaus: Die Erde ist bereits übervölkert. Allein in der Lebensspanne von mondahu hat sich die Weltbevölkerung verdreifacht. Er hat schon längst Platzangst, hat seinen Wohnsitz an Land aufgegeben und lebt auf dem Meer.

  • Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.

  • Jeder Rohstoffabbau sorgt für Zerstörung - schaut euch die Bilder der wunderbaren Apallachen an, die überwiegend wegen Kohle - auch für Deutschland - zu Wüsten gemacht werden. Kupfer findet sich nur noch in Lagerstätten mit Konzentrationen von Zehntelprozenten. Ohne massiven Einsatz von Energie - Erdöl - ebenfalls ein Rohstoff - wäre der Abbau nicht nur unrentabel, sondern unmöglich. Unsere Nachkommen werden wohl mit erheblich weniger Rohstoffen klarkommen müssen. Dauerhafter Wachstum? Lachhafter Ökonomenwahnsinn!

  • Kleiner Kommentar: Der Begriff "Sand" bezeichnet eigentlich nur eine Korngröße von mineralischen Partikeln, nämlich solche die einen Äquivalenzdurchmesser von < 2 mm und > 0,063 mm besitzen. Alternativ wird der Begriff auch für das aus solchen Partikeln aufgebaute Lockergestein verwendet. Es gibt alle möglichen Sande, z.B. Korallensand (aus zermahlenen Korallen), Muschelsand (aus zermahlenen Muscheln), Vulkansand, Sand aus feinkörnigem Gips ... Im Artikel geht es um eine bestimmte vorm von Sand, nämlich Quarzsand (aufgebaut aus Kristallen aus Siliziumdioxid). Indes glaube ich nicht, dass uns auf Dauer wirklich der Quarzsand ausgeht. Wie der Vorredner schon trefflich festgestellt hat ist die Erdkruste zu einem großen Teil aus Siliziumdioxid aufgebaut und durch Verwitterung und Abtragung gibt es ständig (wenn auch begrenzten) Nachschub. Es handelt sich also um einen nachwachsenden Rohstoff. Nur die bequem abbaubaren Vorkommen mit besonders reinem Quarzsand, der darüber hinaus die geforderten Eigenschaften für die Bauindustrie aufweist, werden sicherlich deutlich abnehmen und dafür sorgen, dass ähnlich wie beim Öl immer wahnwitzigere Förderungsmaßnahmen ergriffen werden. Und da hat die Doku dann schon recht.

  • Dank an Delestrac und ARTE dafür, dass sie sich dieses Themas angenommen haben. Der deutschen Bauwirtschaft z. B. war bereits in den sechziger Jahren bewusst, dass die Flusskiesvorkommen in absehbarer Zeit erschöpft sein würden. Es ist ein - großes!- Verdienst des Regisseurs auf den Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Bedeutung von Sand und den damit vebundenen Umweltveränderungen, die zum Teil als Zerstörungen funktionaler Beziehungen in der Natur zu bewerten sind, hingewiesen zu haben. Um so bedauerlicher und erschreckender ist es, die ablehnenden, um nicht zu sagen ignoranten Stellungnahmen zur Kenntnis nehmen zu müssen. Hier wäre auch seitens der Geologen viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

  • Würden Sie sich die Dokumentation einmal zu Gemüte führen, dann würden Sie bemerken, dass nicht nur die chemische Struktur des Sandes für die industrielle Verarbeitung von Bedeutung ist, sondern ebenso die physische. Während Sand aus dem Meer (kantige Strukturen) eine Eignung für die Betonherstellung mitbringt, ist Wüstensand (durch Windeinwirkungen rund geschliffen) komplett ungeeignet. Und jetzt versuchen Sie sich einmal vorzustellen, welche Massen an Beton und somit an "kantigem" Sand weltweit benötigt und verarbeitet werden. Nächstes mal erst informieren, dann klugscheißen. Das hat ihre Grundschulausbildung wohl versäumt Ihnen zu vermitteln. Gruß daheim

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