Energie

Shell-Vorstand Andy Brown
„CO2 muss einen Preis haben“

Der schwache Ölpreis macht Shell das Leben schwer. Der Konzern setzt nun verstärkt auf Gas und schwere Rohöle, berichtet Shell-Vorstand Andy Brown – und fordert eine Abgabe auf den Klimakiller CO2.
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MünchenAndy Brown ist für eine Konferenz in München. Nach Deutschland würde der große Brite gerne häufiger kommen: Er ist beim Energiekonzern Shell Vorstand für Exploration und Produktion – und hierzulande gibt es gute Gaslagerstätten, die sich für Fracking eignen. Nur: Die Förderung ist nicht gewollt.

Herr Brown, wie wird sich der Ölpreis bis zum Ende des Jahres entwickeln?
Wir können den Ölpreis nicht vorhersagen. Zur Zeit besteht ein Überangebot. Normal sind 90 Millionen Barrel pro Tag. Derzeit fließen eine Million Barrel Öl am Tag mehr auf den Markt. Saudi-Arabien hat noch zusätzliche Kapazitäten, aber die anderen Opec-Länder produzieren am Limit. Langfristig betrachtet sinkt die jährliche Fördermenge um vier bis fünf Millionen Barrel pro Tag. Damit wir die Nachfrage in Zukunft trotzdem bedienen können, brauchen wir neue Quellen. Im Jahr 2020 erwarten wir eine zusätzliche Nachfrage von 25 Millionen Barrel am Tag, und die müssen irgendwo herkommen.

Lohnt sich der Ausbau noch bei dem derzeit niedrigen Ölpreis?
Um die erforderlichen Mengen für die steigende Nachfrage auf den Markt zu bringen, braucht es einen Ölpreis von 90 Dollar den Barrel. Wir erwarten, dass der Ölpreis langfristig wieder steigen wird. Aber wann das sein wird, ist schwierig zu sagen. Deswegen treffen wir nun entsprechende Maßnahmen, um laufende Projekte weiterzuführen. Bei neuen sind wir derzeit sehr vorsichtig.

Was heißt vorsichtig?
Wir haben im vergangenen Jahr 35 Milliarden Dollar in organisches Wachstum investiert – dieses Jahr wird es weniger sein. Allerdings ist der kurzfristige Handlungsspielraum begrenzt. So sind im ersten Jahr rund 90 Prozent der Investitionen fixiert, im zweiten Jahr sind es rund 70 Prozent, im dritten rund 50 Prozent. Das müssen wir bei unseren Entscheidungen im Blick haben.

Wollen Sie Projekte stoppen?
Wir sehen uns gerade die Entwicklung des Ölpreises genau an und dann entscheiden wir darüber. Die Präferenz ist, keine Projekte zu stoppen. Unser Geschäft ist langfristig angelegt. Wenn wir jetzt aufhören zu investieren, dann wird dies nicht nur Auswirkungen auf den Cashflow haben. Wir müssen auch Sorge tragen, dass wir das notwendige Wissen und die Expertise erhalten, Projekte professionell umzusetzen.

Leiden Sie unter den Sanktionen gegen Russland?
Unsere wesentlichen Aktivitäten fallen nicht unter die Sanktionen. Allerdings haben wir ein Bohrprojekt eingestellt.

Wie stark schadet die Russland-Ukraine-Krise Ihrem Geschäft?
Bisher hatte sie keine großen Auswirkungen. Natürlich mussten wir unsere Aktivitäten im Osten der Ukraine aufgeben. Wir wollten unweit von Donezk eine unkonventionelle Lagerstätte erschließen. Dieses Projekt haben wir gestoppt und es laufen Gespräche mit der ukrainischen Regierung, was nun geschehen soll. Es war aber ohnehin noch in der Explorationsphase. Und dann ist da Rubelverfall. Wir stehen zudem im kontinuierlichen Kontakt mit der EU, aber auch mit der russischen Regierung, um sicherzustellen, dass wir die Sanktionen einhalten.

2014 war ein gutes Jahr, der Bargeldüberschuss lag bei 25 Milliarden Dollar. Ihre Investitionskasse ist gut gefüllt.
Das stimmt. Und dieses Jahr ist stark gestartet. Aber wir müssen sehr diszipliniert sein bei Investitionen und die operativen Kosten senken. Deswegen haben wir mit den meisten Zulieferern Preissenkungen vereinbart.

Wo wollen Sie die operativen Kosten noch senken?
Wir schauen regelmäßig, wo wir effizienter und fitter werden können. Etwa in der Nordsee mit ihren hohen Betriebskosten. Überhaupt sind die Kosten in der gesamten Branche in den vergangenen Jahren gestiegen.

Welche Projekte sind überhaupt noch profitabel bei einem Ölpreis von 50 Dollar den Barrel?
Das kommt auf die operativen Kosten an. In der Nordsee oder auch in kanadischen Ölsanden sind sie hoch. Aber im traditionellen Öl- und Gasgeschäft lassen sich immer noch Gewinne erwirtschaften. Die operativen Kosten bei uns betragen im Durchschnitt rund zehn Dollar pro Barrel. Das ist nicht das Problem. Die Frage ist, ob die Entwicklungskosten für neue Projekte wirtschaftlich sind.

Wann geht Ihnen das Öl aus, wenn Sie keine neuen Felder erschließen?
Unsere Produktion geht jedes Jahr um fünf bis sechs Prozent zurück. Das müssen wir durch Investitionen wieder auffangen.

Wo wollen Sie investieren?
Shell wächst am stärksten in der Tiefsee - und bei Flüssigerdgas. Letzteres ist bei Weitem der profitabelste Teil unseres Geschäfts. Gas macht mehr als 50 Prozent unserer Produktion und Reserven aus. Öl ist weiterhin wichtig, wir werden aber stärker zu einem Erdgasunternehmen. Die Nachfrage nach Gas wird laut IEA von 2011 bis 2035 um 48 Prozent steigen. Zukunftschancen sehen wir vor allem auch in schweren Rohölen, sogenannten heavy oils, und unkonventionellen Lagerstätten, besonders in Nordamerika.

Wie sieht es mit der Förderung aus unkonventionellen Lagerstätten – sprich Fracking – in Europa aus?
Wir reduzieren unsere Aktivitäten außerhalb Nordamerikas. Das liegt etwa daran, dass die Reservoirs unsere Erwartungen nicht erfüllten, wir strengere Kapitaldisziplin üben oder sich die gesellschaftliche Zustimmung als schwierig erwies. Außerdem ist die Zulieferindustrie in Nordamerika weiter entwickelt. Das macht die Förderung dort attraktiv. Dabei hat Deutschland in Europa wahrscheinlich mit das beste Potenzial - aber auch eine heiß geführte Debatte.

Wie bewerten Sie den deutschen Energiemix?
In Europa ist die Nachfrage nach Gas zwischen 2010 und 2013 um 25 Prozent gefallen. Die Kohlenachfrage stieg um elf Prozent. Das hat die Senkung der CO2 Emissionen durch Erneuerbare Energien fast zunichte gemacht. Die USA haben demgegenüber ihre CO2-Emissionen um 15 Prozent reduziert und zugleich wesentlich günstigere Strompreise – wegen der Schiefergasproduktion.

Was sollte sich ändern?
Wir brauchen gleiche Wettbewerbsvoraussetzungen und einen funktionierenden Emissionshandel. Wir brauchen einen Preis für den Ausstoß von CO2, der die richtigen ökonomischen Anreize setzt. Kohle und Gas sollen auf einer Ebene mit Erneuerbaren im Wettbewerb stehen können.

Sie als Ölfirma fordern einen CO2-Preis?
Ja, es würde die richtigen Marktsignale setzten.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
Die Autorin ist Redakteurin im Ressort Unternehmen & Märkte. Sie erreichen sie unter: karabasz@handelsblatt.com
Ina Karabasz
Handelsblatt / Redakteurin Unternehmen & Märkte

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