Energie

Sonnenstrom direkt vom Hausdach Mieterstrom – grün, günstig, unsolidarisch?

Wer ein Haus besitzt, kann sich mit einer Solaranlage billig mit Ökostrom versorgen. Mieter können das nicht. Das soll sich nun ändern. Doch Kritiker warnen: Nur eine Minderheit profitiert – die Mehrheit zahlt drauf.
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Künftig sollen auch Mieter Solarstrom direkt vom Hausdach beziehen können. Doch maximal 18 Prozent aller Mieter würden von diesem Konzept profitieren, alle anderen müssen mit Mehrbelastungen rechnen. Quelle: dpa
Montage einer Solaranlage

Künftig sollen auch Mieter Solarstrom direkt vom Hausdach beziehen können. Doch maximal 18 Prozent aller Mieter würden von diesem Konzept profitieren, alle anderen müssen mit Mehrbelastungen rechnen.

(Foto: dpa)

DüsseldorfMan musste kein Ökofantast sein, um Anfang des Jahrhunderts plötzlich zum Sonnenanbeter zu werden. Denn der Kauf einer Photovoltaikanlage ist in Deutschland seit dem Jahr 2000 nicht nur gut fürs Klima, sondern auch für die eigene Geldbörse. Solaranlagen fungieren seitdem als so etwas wie Sparkassen auf dem Dach. Sie sind eine solide und nachhaltige Kapitalanlage. Gerade die Solarkapitalisten der ersten Stunde werden für ihren Pioniergeist reich beschenkt.

Für jede Kilowattstunde Sonnenstrom, die sie mit ihren Solaranlagen ins Stromnetz einspeisen, erhalten sie mehr als 50 Cent aufs Konto überwiesen – garantiert über 20 Jahre hinweg. So regelt es das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das die damalige rot-grüne Bundesregierung beschloss. Wer rechtzeitig investierte, verdient mit dem EEG bis heute prächtig – vorausgesetzt, man wohnte im Eigenheim. Mieter kamen nämlich weder in den Genuss der Fördermillionen für Solarenergie, noch konnten sie sich günstig mit Ökostrom selbst versorgen. Und auch von den rasant fallenden Preisen für Photovoltaikmodule profitieren sie kaum. Bis jetzt.

Am Donnerstag verabschiedete der Bundestag ein Gesetz, das es künftig auch Mietern ermöglicht, Sonnenstrom direkt vom Hausdach zu beziehen. Konkret vorgesehen ist eine direkte Förderung für lokal erzeugten Solarstrom in der Höhe von bis zu 3,8 Cent pro Kilowattstunde, wenn der Strom im Hausnetz an Mieter geliefert wird – zu einem Preis, der mindestens zehn Prozent günstiger sein muss als der örtliche Grundversorgertarif.

Mieter sind aber nicht dazu verpflichtet, den Strom vom Dach des Wohnhauseigentümers zu beziehen. Überschüssiger Strom kann genauso gut ins Netz eingespeist und vergütet werden.

Die Grünstromlobby jubelt über den Beschluss. Die Energiewende erreiche nun endlich auch die Innenstädte. Viele Politiker und der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) sehen das Mieterstromgesetz gar als „Gebot der sozialen Gerechtigkeit“. Doch was wie eine überfällige Gleichberechtigungsmaßnahme daherkommt, könnte in Wahrheit die ohnehin ungleich verteilte Kostenlast im Zuge der Energiewende weiter verschärfen. Profitiert wieder nur eine Minderheit, während für die Mehrheit der Verbraucher die Kosten steigen?

Tim Meyer will davon nichts wissen. Der Leiter für den Geschäftsbereich Dezentrale Energieversorgung beim Düsseldorfer Ökostromanbieter Naturstrom sieht nur Profiteure des neuen Gesetzes. Mieter könnten durch dieses Modell Stromkosten von „30 bis 100 Euro pro Jahr einsparen im Vergleich zum örtlichen Grundversorgungstarif“, sagte Meyer dem Handelsblatt. Wohnhauseigentümer würden ihre Immobilie mit dem Mieterstromkonzept „aufwerten“ und ihre Nebenkosten „reduzieren“. Und am Ende mache sich das Konzept ohnehin für alle bezahlt. Warum?

Die (Schein)-Riesen der Solarindustrie
Platz 15: Solarworld (Deutschland)
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Zu Glanzzeiten wurde Solarworld als grüner Börsenstar gefeiert, heute kämpft Deutschlands letzter großer Solarmodulhersteller ums Überleben. Die Bonner meldeten im Frühjahr 2017 Insolvenz an. In den drei konzerneigenen Fabriken produzierte Solarworld 2016 Module mit einer Kapazität von fast 1.400 Megawatt. Nach Berechnungen des Analysehauses IHS landete der einst zweitgrößte Photovoltaikkonzern damit aber aktuell nur noch auf Rang 15.
Jahresproduktion: 1.357 Megawatt

Platz 10: Longi Green Energy (China)
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Vom Zulieferer zum Konkurrenten: Früher belieferte das chinesische Unternehmen Longi ausschließlich andere Photovoltaikkonzerne mit Vorprodukten für die Herstellung von Solarmodulen. Seit 2016 produziert der chinesische Konzern aber neben dem Rohstoff Silizium, aus dem jede Solarzelle besteht, auch selbst komplette Module. Longi ist dabei durchaus erfolgreich. Laut eigenen Angaben erwirtschaftete der Konzern 2016 einen Umsatz von umgerechnet 1,5 Milliarden Euro und einen Gewinn von etwa 210 Millionen Euro.
Jahresproduktion: 1.853 Megawatt

Platz 9: Suntech Power (China)
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Der chinesische Solarriese Suntech war einst die Nummer eins der Welt. Doch 2013 rutsche der ehemalige Sponsor des Fußballvereins TSG 1899 Hoffenheim in die Insolvenz. Im Frühjahr 2014 wurde Suntech von dem bis dahin kaum bekannten chinesischen Energiekonzern Shunfeng gekauft. Seitdem werden bei Suntech wieder eifrig Module gefertigt.
Jahresproduktion: 1.862 Megawatt

Platz 8: Yingli Green Energy (China)
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Den Vermerk „too big to fail“ gibt es nicht nur bei Banken, sondern auch in der Solarindustrie. Der chinesische Solarkonzern Yingli schwebt seit Jahren am Rande der Pleite. Das Unternehmen schreibt seit sechs Jahren Verluste. Allein 2016 betrug das Minus 296 Millionen Dollar bei einem Umsatz von etwa 1,2 Milliarden Dollar. Obwohl Yingli eine gigantische Schuldenlast drückt und ein negatives Eigenkapital in der Höhe von mehr als einer Milliarde Dollar ausweist, will die chinesische Regierung offenbar eine Insolvenz des Konzerns mit allen Mitteln verhindern. Das Unternehmen beschäftigt mehr als 20.000 Mitarbeiter und ist für die solare Zuliefererindustrie in den Provinzen von enormer Bedeutung. Daher gewährt Chinas Staatsspitze Yingli Finanzspritzen – etwa über ein Bankenkonsortium unter der Führung von Chinas nationaler Entwicklungsbank (NDB). In Deutschland ist Yingli vielen als ehemaliger Sponsor des FC Bayern München ein Begriff.
Jahresproduktion: 2.078 Megawatt

Platz 7: First Solar (USA)
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Statt klassischer Module aus Silizium fertigt Amerikas größter Photovoltaikkonzern Paneele mit einer hauchdünnen Schicht aus Cadmiumtellurid. Der Vorteil: Die Dünnschichtmodule sind leichter, flexibler im Einsatz und teils sogar günstiger in der Massenherstellung. 2016 war für First Solar ein Horrorjahr. Bei dem Unternehmen mit Sitz in Tempe in der Nähe von Phoenix brach der Umsatz um gut 20 Prozent ein – auf nur noch 2,9 Milliarden Dollar. Gleichzeitig rutschte der Konzern erstmals seit 2012 wieder tief in die roten Zahlen und weist einen Verlust für 2016 von fast 360 Millionen Dollar aus.
Jahresproduktion: 3.082 Megawatt

Platz 6: GCL (China)
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Von den zehn weltgrößten Solarkonzernen kommen gleich acht Unternehmen aus China. Die Zentralregierung in Peking rief vor mehr als einem Jahrzehnt ihre Provinzen zum Aufbau einer eigenen Photovoltaikindustrie auf – und die Provinzen gehorchten. Mit üppigen Zuschüssen wurden überall in China lokale Solarfirmen aus dem Boden gestampft. Unternehmen wie GCL gehören heute nicht nur zu den führenden Photovoltaikkonzernen in China – sie dominieren weltweit.
Jahresproduktion: 3.503 Megawatt

Platz 5: Hanwha Q-Cells (Südkorea)
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Einst war Q-Cells der größte Solarzellenhersteller der Welt. Die Firma galt als Börsenstar aus dem Ökokosmos und konnte in seinen Produktionsstätten in Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt gar nicht so viele Module herstellen, wie in den Goldrauschzeiten der Solarindustrie von Kunden bestellt wurden. Doch wegen gekappten Förderungen und dem Aufstieg der Billigkonkurrenz aus Fernost rutschte Q-Cells 2012 in die Pleite. Der südkoreanische Mischkonzern Hanwha rettete das Unternehmen zwar, aber die Produktion in Deutschland wurde 2015 endgültig eingestellt. Heute befindet sich in Ostdeutschland nur noch das Forschungs- und Entwicklungszentrum von Hanwha Q-Cells.
Jahresproduktion: 4.231 Megawatt

„Weil die Energiewende gewünscht ist und Mieterstrom das wahrscheinlich effizienteste und eleganteste Mittel ist, um die Ausbauziele für Photovoltaik zu erreichen“, erklärt Meyer. Zudem sei es sinnvoll, den Strom da zu produzieren, wo er verbraucht wird, also direkt in den städtischen Ballungsräumen. Dadurch würde der teure Netzausbau teilweise obsolet – ein Kostenvorteil, von dem „breite Bevölkerungsschichten“ profitieren, nicht nur Eigenheimbesitzer.

Meyer hat sich von Anfang an für das neue Gesetz stark gemacht. Sein Unternehmen ist aktuell in mehr als 20 Mieterstrom-Projekten involviert. Naturstrom hofft, dass dieses noch recht kleine Geschäftssegment durch die angedachten Zuschüsse in Zukunft kräftig wächst. Auch die Photovoltaikindustrie verspricht sich durch das neue Gesetz eine Belebung des über die vergangenen Jahre daniederliegenden heimischen Solarmarktes.  

Handelsblatt Energie Briefing
„Das verschärft soziale Schieflage“
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6 Kommentare zu "Sonnenstrom direkt vom Hausdach: Mieterstrom – grün, günstig, unsolidarisch?"

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  • "Für jede Kilowattstunde Sonnenstrom, die sie mit ihren Solaranlagen ins Stromnetz einspeisen, erhalten sie mehr als 50 Cent aufs Konto überwiesen – garantiert über 20 Jahre hinweg. So regelt es das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das die damalige rot-grüne Bundesregierung beschloss."

    Wohl dem, der reich genug ist, um in ökologisch sinnlose Solaranlagen zu investieren. Erhält er doch, von rot-grün unter Mithilfe der CDU-Raute organisiert und anschließende staatlich garantiert, seinen "Gewinn", den gerade der Mini- oder Teilzeitjobber/Geringverdiener mit immer weiter steigenden Stromkosten und "Umlagen" finanziert.

    So sieht die reale, soziale "Gerechtigkeit" in Merkeldeutschland und "fortschrittliche", "zukunftsorientierte" Rot-Grüne-Lobbypolitik aus.

  • Es handelt sich dabei schlicht um ein neues Subventionssystem für den wertlosen, umweltschädlichen Solarstrom. Dabei wird bei vielen Menschen die Illusion erweckt Selbstverbraucher zu sein, manche kommen gar auf die Idee sie würden Gutes tun (analog sog. Flüchtlingshelfer) anstatt sich des eigenen Schmarotzertums bewusst zu werden.

    Der umweltschädliche Solarstrom wird entsprechend den Launen des Wetters, der Tages- und Jahreszeit erzeugt. In einem bedarfsgesteuertem Netz ist solcher Strom nahezu wertlos.

    Ein Arbeitnehmerhaushalt benötigt meist morgens wenn die Sonne noch nicht scheint und abends wenn die Sonne kaum noch scheint Strom. Der Bedarf eines Haushalts schwankt von 0 - 5kW in Sekundenbruchteilen. Die Sonne kann solchen Verbrauchsschwankungen nicht folgen.

    Deshalb bleiben alle "Solarselbstversorger" an das Netz angeschlossen. Sie speisen wertlosen Solarstrom ein und erhalten frequenzstabilen, bedarfsgerechten Strom aus dem Netz. Die Versorger halten Netz- und Erzeugerkapazitäten, teils befeuert vor.

    Im aktuellen Tarifsystem wird gem. kWh bezahlt. Damit abgegolten sind Steuern, Abgaben > 50% des Strompreises, Netz, Regelenergie, Kraftwerkskapazitäten, bis hin zum Brennstoff. Wenn man Leistungen separat berechnet dann ist es um den "günstigen Ökostrom" bzw. dieses Subventionssystem geschehen.

  • Grundsätzlich gilt: die EEG-Vergütungen werden Windrad- und Solarbaronen FEST VERSPROCHEN. Das scheint bis heute immer noch nicht jedem klar zu sein. Derzeit werden laut BDEW (siehe Strompreisanalyse 2017) 24 Milliarden Euro umverteilt.

    Wenn sich nun zunehmend Eigenheimbesitzer und nun auch noch Mieter "selbst versorgen", dann sinkt die Anzahl der Schultern, die den gigantischen EEG-Umverteilungskuchen schultern müssen. Nach der Logik des EEG-Gesetzes steigt dann für die restlichen Stromkunden die Umlage und somit der Strompreis. Sozial sind die am meisten betroffen, die sich weder ein Eigenheim oder eine Mietwohnung -jeweils mit Solaranlage- leisten können.

    Undd as sind dann die, die CDU, SPD und Grüne wählen. :)
    Bravo!

  • Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Nach erstem Nachdenken werde ich meinem innerstädtischen Mietshaus wohl keine Solarkappe aufsetzen. Denn:

    "...auch noch immer mehr kaufkräftige Mieter vom öffentlichen Stromnetz abkoppeln..."
    Zumindest dies wird eher nicht der Fall sein. Dem "kaufkräftigen Mieter" steht es frei, sich auch heute schon am Markt zu versorgen wo er sehr oft Grünstromtarife finden kann, die deutlich mehr als die im Artikel genannten 10% unter den Grundversorgungstarifen liegen.

    Nachdem die Mieter nicht zur Abnahme verpflichet werden ist daher eher die Frage, ob sich überhaupt "kaufkräftige Mieter" als Abnehmer für den relativ teuren Dachstrom finden, oder ob es eher die auf die Grundversorgung angewiesene "wenig kaufkräftige Sozialklientel" ist, die sich für den Dachstorm interessieren sollte.

    Und ob die weitere Erhöhung der Abhängigkeit des Eigentümers von wenig solventen Abnehmern im Interesse des Eigentümers ist, das wird dieser sich sicher zweimal überlegen. Im Ernstfall darf er dann neben den Kosten der Räumung nicht nur Mietausfall samt Betriebskostenschulden und Kosten der vom Mieter nicht durchgeführten Schönheitsreparatur sondern auch noch die Stromschulden des Mieters abschreiben. Welecher Eigentümer braucht das wohl?

  • Letztendlich wäre es die Wiedereinführung der Feudalherrschaft, wenn jeder Hauseigentümer zukünftig selbst bestimmen könnte, wer, wann wie oft und zu welchem Preis seinen selbsterzeugten Ökostrom bekommen darf. Aber bei weltrettenden Gutmenschen schaltet sich das Gehirn aus, wenn es zur Befriedigung der eigenen Ideologie dient.

  • Von den Befürwortern des Grünstroms wird immer wieder verleugnet, dass wir in Deutschland Perioden haben, wo der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint oder der Wind nur auf der Nordsee weht. Der Netzausbau wird damit durch den Ausbau der Solaranlagen in den Städten nicht verhindert und es können auch keine konventionellen Kraftwerke stillgelegt werden.

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