Energie

Stahlbranche macht mobil
Großdemos von Mitarbeitern – und Chefs

In Duisburg, Berlin und dem Saarland geht am Montag die Stahlbranche auf die Straße. Die Produktion wurde komplett gestoppt. Die Chefs demonstrieren mit ihren Angestellten – und schlagen Alarm.

DuisburgDie Stahlkocher machen ernst: Am Montag haben sie die Produktion beim größten deutschen Hersteller Thyssen-Krupp gestoppt. Was nach einem neuerlichen Arbeitskampf in der streikerprobten Branche aussieht, findet aber die volle Unterstützung der Stahlchefs, die sogar selbst mit auf die Straße gehen wollen. Grund für den nicht alltäglichen Schulterschluss ist eine tiefe Krise: Gemeinsam wollen sie um Hilfe der Politik werben.

„Es geht um unsere Arbeitsplätze“, sagt der Vorsitzende des Thyssen-Krupp-Stahl-Gesamtbetriebsrats, Günter Back. 2016 könne zum Schicksalsjahr der Branche werden. „Wenn seitens der Politik nicht rasch Initiativen zur Sicherung der industriellen Zukunft gesetzt werden, sind weitere Zigtausende Arbeitsplätze in Europa massiv gefährdet“, mahnt auch der Chef des Weltstahlverbands, Wolfgang Eder.

Die Branche fürchtet mal wieder um ihre Existenz. Auf der einen Seite machen ihr massenhafte Einfuhren von billigem Stahl aus China zu schaffen, auf der anderen Seite drohen noch höhere Kosten durch verschärfte Klima- und Energieauflagen in Europa. Jeder zweite Job könne verloren gehen, warnt der Thyssen-Krupp-Betriebsrat.

Allein in Duisburg beschäftigt der Industriekonzern rund 13.000 Mitarbeiter. Für den größten deutschen Stahlstandort wäre das nach Einschätzung von Back eine Katastrophe. „An jedem Stahl-Arbeitsplatz hängen vier bis fünf andere Stellen“, erklärt er.

Bereits am frühen Montagmorgen wurden die Anlagen bei Thyssen-Krupp heruntergefahren, bevor sich dann am Nachmittag Prominenz aus Politik und Gewerkschaften zu einer Kundgebung vor den Toren des größten deutschen Stahlstandorts angesagt hatte. Salzgitter-Chef Heinz Jörg Fuhrmann hatte bereits am vorigen Donnerstag vor rund 4000 Beschäftigten vor einem „Tsunami“ gewarnt.

Neben IG-Metall-Chef Jörg Hofmann werden Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff, im Ruhrgebiet erwartet. Weitere Kundgebungen sind im Saarland und in Berlin geplant. Im Februar hatten Tausende Stahlarbeiter und Manager in Brüssel bei der EU protestiert.

Sie hatten auch schon teilweise Erfolg. Erste Strafzölle für einzelne Stahlsorten aus China sind eingeführt, bei anderen prüft die EU noch. Allerdings reicht das der Branche nicht. Es könne nicht sein, dass die wettbewerbsstarke deutsche Stahlindustrie untergraben werde von Dumping-Stahl und einer Verschärfung des Emissionsrechte-Handels, wettert Kerkhoff. Jetzt müssten die Entscheidungen in Brüssel und Berlin fallen.

Wirtschaftsminister Gabriel hatte erst vor wenigen Tagen Unterstützung für die Branche signalisiert. Konkrete Hilfen stellte er zunächst jedoch nicht in Aussicht. Am Montag legte Gabriel verbal nach. „Das Ruhrgebiet ist die Herzkammer der deutschen Industrie. Dazu gehört unverzichtbar die Stahlindustrie“, sagte Gabriel der „Passauer Neuen Presse“. „Ohne Stahl geht es weder in der Automobilwirtschaft noch im Maschinen- und Anlagenbau. Und ohne Stahl auch keine Energiewende - denn er ist ein zentraler Werkstoff für Windräder an Land und auch beim Bau von extrem belastbaren Windkraftanlagen auf See“, sagte Gabriel der Zeitung.

Experten wie Nils Naujok von der Unternehmensberatung „Strategy&“ sehen langfristig in Innovationen die größte Überlebenschance für die Branche in Europa. Schutzmaßnahmen wie eine Erhöhung der Importzölle könnten ihr nur vorübergehend Luft verschaffen. Die deutschsprachigen Hersteller seien im europäischen Vergleich gut positioniert, doch die Konkurrenz aus China sei ihnen auch in Sachen Innovationen bereits auf den Fersen. „Europa ist fünf Jahre voraus“, sagt Naujok.

Kritiker halten Einschnitte in Europa schon seit langem für unvermeidlich. Viele Werke gerade in Südeuropa sind kaum noch ausgelastet, Stahlverbandschef Eder sprach sich erst jüngst für weitere Stilllegungen aus. Neben Anti-Dumping-Maßnahmen sei auch Unterstützung bei Schließungen und Kapazitätsabbau notwendig.

Die Branche ist in Bewegung. Auch Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger macht sich für eine weitere Konsolidierung stark. Aktuell gibt es Gerüchte, dass der Ruhrkonzern seine europäischen Stahlgeschäfte mit den niederländischen Werken des indischen Konkurrenten Tata zusammenschließen könnte. Das könnte Kosten auch auf Kosten der Arbeiter sparen. Damit könnte die ungewöhnliche Allianz wieder aufbrechen.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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