Thyssen-Krupp: Chefaufseher Cromme gesteht verspätetes Handeln ein

Energie

Thyssen-Krupp
Chefaufseher Cromme gesteht verspätetes Handeln ein

In Bochum läuft die Hauptversammlung von Thyssen-Krupp. Die Stimmung ist gereizt. Aufsichtsratschef Gerhard Cromme sagt, er hätte früher handeln können – und kommt den Aktionären mit einem finanziellen Verzicht entgegen.
  • 1

BochumDer in der Kritik stehende Thyssen-Krupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme hat auf der Hauptversammlung des Konzerns Fehler eingeräumt, einen Willen zum Rücktritt jedoch nicht erkennen lassen. „Wenn Sie mich fragen, ob wir als Aufsichtsrat in der Vergangenheit etwas hätten besser machen können, dann will ich ehrlich sagen: Ja, wir haben zu lange vertraut, wir hätten früher handeln können“, sagte der 69-Jährige am Freitag auf dem Treffen in Bochum laut Redetext.

Er fügte jedoch umgehend hinzu: „Aber: Wir haben gehandelt - immer dann, wenn entsprechende Fakten das ermöglicht haben - und wir haben konsequent gehandelt.“ Erste Erfolge seien erkennbar. „Gemeinsam werden wir - Aufsichtsrat und Vorstand - an einer erfolgreichen Zukunft für das Unternehmen arbeiten.“ Cromme verwies auch auf die Historie des Konzerns: „In den langen und bewegten Jahren der Geschichte von Thyssen und Krupp hat es immer wieder Krisen gegeben und wir haben daraus – bisweilen auch schmerzhaft – gelernt. Unsere Geschichte zeigt, dass wir immer Kräfte mobilisiert haben, um gestärkt aus solchen Krisen hervorzugehen.“

Zuvor waren ganze Scharen von Menschen durch den Schnee zum Kongresscenter der Ruhrmetropole gestapft. So frostig sich der Winter über die Stadt legt, so schnell heizte sich drinnen das Klima auf. Erste Vorboten zeigen sich schon draußen vor der Halle. Umweltaktivisten entfalten ein Transparent mit der Aufschrift: „Die Bucht von Sepetiba soll leben“. Sie protestieren damit gegen das umstrittene Thyssen-Werk in Brasilien, das die Umwelt belasten soll.

Mit den Werken in Brasilien und den USA versenkte der Konzern Milliarden – entsprechend gereizt ist die Stimmung der anreisenden Aktionäre, meist Senioren. „Mal sehen, was die uns da wieder auftischen“, sagte einer.

Cromme steht seit 2001 an der Spitze des Kontrollgremiums. Einige Aktionäre haben ihn aufgefordert, seinen Posten zu räumen. Sie machen ihn für das Desaster mit den neuen Stahlwerken in Übersee mitverantwortlich. Die Kosten für die Werke waren auf zwölf Milliarden Euro in die Höhe geschossen. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, dass Thyssen-Krupp im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust von fünf Milliarden Euro eingefahren hat. Erstmals seit der Fusion von Thyssen und Krupp 1999 erhalten die Aktionäre keine Dividende.

Cromme verteidigte in seiner Rede die Behandlung der umstrittenen Investitionen in den USA und Brasilien im Aufsichtsrat. Ein Gutachten bescheinige den Kontrolleuren korrekte Arbeit. Die Aufsichtsrat habe „sämtliche relevanten Fragen“ gestellt und seine aktienrechtlichen Pflichten zur Überwachung des Vorstands umfassend eingehalten. Mit den Stahlwerken in Amerika hätten sich die Aufseher in einem Umfang beschäftigt, „der weit über das übliche Maß hinaus“ hinausgehe.

Dennoch sei es nicht gelungen, „die Fehlentwicklung bei den Steel-Americas-Projekten“ zu verhindern. „Trotz kritischen Hinterfragens“ hätten sich eine Reihe von Annahmen und Kennzahlen, die der Vorstand zugrunde gelegt habe, später als „deutlich zu optimistisch“ oder gar falsch herausgestellt. Cromme gestand, dass „rechtlich korrekte Entscheidungen nicht zwangsläufig auch gute unternehmerische Entscheidungen“ bedeuten würden.

Kommentare zu " Thyssen-Krupp: Chefaufseher Cromme gesteht verspätetes Handeln ein"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Paralellitäten zum Flughafen BER-Desaster sind vermutlich rein zufällig,- aber offensichtlich!

    Was die Frage aufwirft, ob es nicht zum Schutz von Anlegern und Gesellschaftern endlich strengerer gesetzlicher Regelungen bedarf um Aufsichtsräte in die Lage zu versetzen ihren Kontrollpflichten nachzukommen und um andrerseits sicherzustellen, dass Aufsichtsräte ihren Kontrollpflichten (fachlich) nachzukommen vermögen!

    Interessanter Weise braucht man für nahezu jede Tätigkeit in Deutschland irgendeinen Befähigungsnachsweis!- Nur bei Politikern und Aufsichtsräten verzichtet man großzügig auf Nachweise, die die Befähigung für diese Tätigkeiten zweifelsfrei dokumentieren!

    Und was dabei herauskommt, läßt sich so wohl in der Politik trefflich beobachten, wie auch in den Unternehmen die „ins Trudeln geraten“ sind!

    Und wie einige Beispiele der jüngsten Vergangenheit deutlich machen ist ein wirtschaftliches Desaster schon fast die Regel, wenn man Politikern auch noch ermöglicht als Aufsichtsräte tätig zu werden!- Gesellschafter und Anleger seid also gewarnt....

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%