Energie

Thyssen-Krupp
Mit markigen Worten zum Neuanfang

Investitionsabenteuer in Übersee und Affären bescheren Thyssen-Krupp einen herben Rückschlag. Konzernchef Hiesinger steuert um – und lenkt den Blick auf andere Geschäftsbereiche. Denn U-Boote und Aufzüge laufen gut.
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EssenSchneeflocken rieseln auf die Straßen von Essen. Noch deckt sich die Dunkelheit an diesem Wintermorgen über der einstigen Industriemetropole. Nur um die blattlosen Bäume vor der Zentrale des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp ringen sich Lichterketten. Auch die Glasfassaden der funktional gehaltenen Zentrale leuchten hell.

Fast scheint es, also wollte der Konzern einen Lichtblick eröffnen. Und ein Signal für die Zukunft des Konzerns muss Vorstandschef Heinrich Hiesinger heute setzen, wenn er zur Bilanzpressekonferenz vor die versammelten Medien tritt. Am Abend vorher musste der Konzern einen Rekordverlust von fünf Milliarden Euro melden. Fehlinvestitionen in Übersee-Stahlwerke bescheren dem Konzern Milliarden-Abschreibungen. Erstmals fällt die Dividende aus. Drei Vorstände treten ab. Zudem belasten Korruptions- und Kartellvorwürfe das Traditionsunternehmen.

An diesem verschneiten Morgen muss sich Hiesinger nun den kritischen Fragen stellen – und ein Zeichen für die Zukunftsfähigkeit des angeschlagenen Riesen setzen. Er geht in die Offensive und will radikal umsteuern. "Ich werde hier nichts beschönigen, denn es ist offensichtlich, dass in der Vergangenheit sehr viel schiefgelaufen ist", gesteht der Konzernchef gleich ein.

Er weist auf den „immensen finanziellen Schaden“ hin, der durch fehlgeschlagene Stahlwerks-Projekte in Brasilien und den USA und unsaubere Geschäfte dem Konzern entstanden sei. „Wir haben dadurch auch an Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren.“

Am Vorabend hatte der Aufsichtsrat die Ablösung des halben Vorstands beschlossen. Der für gute Unternehmensführung (Compliance) zuständige Jürgen Claassen muss ebenso wie Technologiechef Olaf Berlien und Stahlchef Edwin Eichler zum Jahresende gehen. Den Vorständen wird vorgeworfen, bei den Problemen nicht richtig durchgegriffen zu haben.

Hiesinger kritisiert die bisherige Unternehmenspraxis scharf. Es habe ein Führungsverständnis gegeben, in dem Seilschaften und blinde Loyalität wichtiger gewesen seien als unternehmerischer Erfolg, sagt der Konzernchef. „Es wurde eine Kultur gepflegt, in der Abweichungen und Fehlentwicklungen lieber verschwiegen als korrigiert wurden.“ Zudem habe offenbar bei einigen die Ansicht vorgeherrscht, dass „Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“.

Damit will Hiesinger nun aufräumen. Mit der einvernehmlichen Ablösung der drei Vorstände habe man ein klares Zeichen für einen Neuanfang gesetzt, sagte der Thyssen-Krupp-Chef. "Wir etablieren konsequent eine neue Führungskultur, die auf Ehrlichkeit, Transparenz und Leistungsorientierung basiert." Die Markigen Worte beeindrucken offenbar. Nach einem ersten Kursrutsch zum Handelsauftakt an der Börse erholte sich die Aktie wieder und notiert zeitweilig vier Prozent im Plus.

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Das Stahlgeschäft in Europa steht nicht zum Verkauf

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  • Ich frage mich, ob das aktuelle strategische Geschäftsmodell zukunftsfähig und eine Zerschlagung des Konzerns droht. Die GuV 2011/2012 sieht schon im operativen Geschäft deutlich schlechter aus als im Vorjahr. Angesichts flauer Stahlkonjunktur und weltweiter Überkapazitäten müssen 2012/2013 weitere Umsatzverluste eingeplant werden. Dieses Scenario kann langfristig Bestand haben. Wenn man sich unter diesen Perspektiven die Bilanz ansieht in der die Netto-Finanzschulden das Eigenkapital übersteigen, dann muss doch die Frage gestellt werden, wie die aufgelaufenen und zu erwartenden Verluste finanziert werden sollen.
    Dass in dieser Situation der Aktienkurs am Dienstagvormittag 11.12.2012 nach Bekanntwerden der Sonderabschreibung auf die Anlagen in Amerika nach anfänglichem Schreck auch noch von minus 6% auf plus 4% steigt, kann rational eigentlich nicht argumentiert werden. Oder ist auch Thyssen in der Meinung der Anleger to big to fail? To big sicherlich, aber to fail? Oder ist zuviel Liquidität auf dem Markt? Liquidität, die keinen positiven Zins findet mutiert zum Wetteinsatz.

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