Energie

Unternehmen in Krisengebieten
Wenn die Gefahr im Dienstwagen mitfährt

Die Terrorwelle in Nahost und Afrika lässt immer mehr Länder, in denen deutsche Firmen schon lange Geschäfte machen, zu Krisenherden werden. Gerade Mittelständler müssen in die Sicherheit der Mitarbeiter investieren.
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München/ BerlinNatürlich treiben sich ihre Mitarbeiter in der Freizeit nicht am Strand herum, sie gehen im Auslandseinsatz auch nicht in beliebte Museen. Dennoch hat das Massaker eines mutmaßlichen IS-Sympathisanten im tunesischen Badeort Sousse mit 40 Toten Ende Juni beim Unternehmen ILF Beratende Ingenieure Eindruck hinterlassen. Der Münchener Mittelständler mit Fokus auf Öl-, Gas-, Wasser- und Energieprojekte ist in dem Land bei einer Gasfeldentwicklung mitten in der Wüste engagiert.

„Natürlich schaut man schon auf die jüngsten Anschläge und macht sich seine Gedanken“, sagt Stefan Seidl, Leiter der Abteilung Gesundheit und Sicherheit bei ILF, auch mit Blick auf den Angriff auf das Nationalmuseum in Tunis im März. „Aber die jüngsten Geschehnisse sind leider nur Indizien dafür, dass wir Tunesien als Hochrisikoland richtig eingestuft haben und an dieser Einstufung nicht rütteln können.“

Das Projekt in Tunesien betreut ILF aktuell von Deutschland aus. Doch häufig kommen Ingenieure wie etwa Maximilian Pfnuer, Leiter des Bereichs Pipeline-Systeme, um Einsätze in Krisenregionen nicht herum. Denn Pipelines verlaufen eben oft durch Länder wie Pakistan, Irak oder Nigeria, in denen es nicht nur viele Ressourcen, sondern auch viel Armut und Extremismus gibt. „Ich habe noch nie gezögert, in eine Region zu fahren, in die mein Unternehmen mich schickt“, sagt Pfnuer.

Notfalls bewegt sich Pfnuer, der in Sicherheitstrainings auch auf Extremsituationen wie Geiselnahmen oder Kontrollen korrupter Milizen vorbereitet wurde, im Schutz schwer bewaffneter Sicherheitsmänner zu seinem Auftrag. Durch das westpakistanische Belutschistan reisten die Pipeline-Planer etwa mit mehreren gepanzerten Trucks in einem Sicherheitskonvoi, um eine Pipeline-Trasse zu begehen. Die Sicherheitswarnungen für das Gebiet machten es nötig.

„Das macht natürlich erhebliche Kosten aus, wenn man einen bewaffneten Konvoi mit drei Fahrzeugen haben will, mit jeweils einem Fahrer, einem Sicherheitsmann, einem Notfallmediziner vor Ort, dann kann das schon einige tausend Euro pro Tag kosten“, sagt ILF-Sicherheitsmann Stefan Seidl. Zwar haben Firmen mittlerweile begriffen, dass sie in die Sicherheit der Mitarbeiter investieren müssen. Auftraggeber wie große Ölkonzerne fordern so ein Sicherheitskonzept explizit, auch weil einige Angestellte in den vergangenen Jahren auf ihren Schutzanspruch nach Artikel 618 des Bürgerlichen Gesetzbuches gegen ihre Arbeitgeber geklagt haben.

Viele unübersichtliche Krisenherde

Die Sicherheit zu gewährleisten, auf die Pipelineplaner wie Pfnuer bei ILF vertrauen, wird bei aller Mühe allerdings immer schwieriger. Denn die Sicherheitslage hat sich in vielen Regionen, in denen ILF Öl-, Gas- oder Wassersystemprojekte mitplant und berät, in den vergangenen Jahren massiv zugespitzt. Die Aktivitäten neuer extremer Bewegungen wie dem Islamischen Staat (IS) oder der nigerianischen Terrormiliz Boko Haram führen dazu, dass die Situation immer unübersichtlicher wird. Es stehen sich nicht mehr klar ersichtliche staatliche Konfliktparteien gegenüber.

Stattdessen agieren unzählige Splittergruppen, die mit ihren teils länderübergreifenden Aktivitäten das Risikogebiet auch auf vermeintlich sichere Länder wie Tunesien ausdehnen. Das Land ist auf der Skala der weltweit aktiven Sicherheitsberatung Exop, mit deren Einschätzungen ILF unter anderem arbeitet, auf der zweithöchsten Stufe eingeordnet. Darüber käme nur noch „extrem riskant“, eine Stufe, die etwa für den Norden Nigerias gilt und ab der ILF aus Prinzip nicht mehr in einer Region unterwegs ist.

„Nordnigeria ist für uns im Moment tabu wegen Boko Haram. ILF hat entschieden, dass wir dort nicht mehr hingehen“, sagt Ingenieur Pfnuer. Vor einiger Zeit mussten er und seine Kollegen auch eine Reise in die nigerianische Hauptstadt Abuja abbrechen, als sie gerade schon das Flugzeug besteigen wollten – eine Anschlagsdrohung mit unbekanntem Urheber. Plötzlich gelten Bewegungsschranken in einem Land, in dem das Unternehmen schon seit mehr als 30 Jahren Geschäfte macht. Weil Mitarbeiter vor Ort nicht mehr geschützt werden können, werden für Unternehmen wie ILF immer häufiger harte Entscheidungen gegen Projekte nötig, auch in zuvor im Rohstoffbereich äußerst relevanten Ländern wie Libyen und Irak.

Wintershall und Siemens sind nur zwei der großen Firmen, die sich im vergangenen Jahr nach Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes und Rückzug von Airlines zeitweise aus Libyen verabschiedet haben. Wintershall hatte die Ölförderung auf manchen Feldern nach einer längeren Pause erst im September 2014 wieder aufgenommen, um sie dann im Dezember wieder einzustellen. Seit Februar ist Wintershall im Land zurück – lässt aber nur libysche Mitarbeiter auf den Feldern arbeiten, da das Risiko für internationale Mitarbeiter nicht zumutbar sei.

Die großen Firmen geben kaum etwas über ihre Aktivitäten und Hintergrundplanungen preis, wollen nicht über ihre Sicherheitskonzepte sprechen. Nur so viel sagt ein Wintershall-Sprecher auf Anfrage: „Wintershall beobachtet die Sicherheitslage in Libyen sehr genau. Die Sicherheit der Mitarbeiter, ihrer Familien sowie der Produktionsanlagen hat stets höchste Priorität.“ Siemens gibt sich noch zugeknöpfter: „Natürlich bereiten wir Mitarbeiter auf Einsätze in schwierigen Regionen angemessen vor, Details dazu geben wir aber nicht bekannt“, sagt ein Siemenssprecher. Mit Blick auf Libyen ergänzt er: „Im Hintergrund laufen viele Aktivitäten und Analysen bei Siemens – aber darüber reden wir nicht.“

Vorrücken des IS bedeutet: Raus hier

ILF ist mit 1800 Mitarbeitern weltweit und etwa 170 Millionen Euro Jahresumsatz nicht so bekannt wie die großen Firmen. Außerdem sind die Ingenieure meist ohne Logo unterwegs, so dass die Angestellten weniger offensichtliche Ziele sind als etwa Mitarbeiter bei großen Anlagen von Siemens oder Wintershall. Dennoch zog es auch ILF vor, aus dem Land herauszugehen. „Wir waren jahrzehntelang in Libyen aktiv, aber als sich die Kampfhandlungen vor über einem Jahr verstärkt haben, als die Fluggesellschaften den Betrieb eingestellt haben und immer mehr Infrastruktur wegfiel, haben wir uns zurückgezogen“, sagt Sicherheitsexperte Seidl.

Die Situation, dass Mitarbeiter aus einem Krisenherd nicht mehr herauskommen, darf gar nicht erst aufkommen. Deshalb gab es vor etwa einem Jahr für ILF auch im Nordirak nur ein Ziel: raus hier. Als der IS auf die Kurdenstadt Erbil vorrückte und die Granaten und Bomben nur noch wenige Kilometer vor der Stadt einschlugen, mussten die Mitarbeiter aus der Präsenz vor Ort sofort evakuiert werden. „In manchen besonders problematischen Regionen haben wir dann einen 24-Stunden-Fahrer vor Ort, mit aufgetanktem Fahrzeug. Wenn der Luftweg abgeschnitten ist, steht so der Weg zur nächsten Landesgrenze onshore zur Verfügung“, erklärt Seidl. „Diese Maßnahmen hatten wir in Kurdistan letztes Jahr gesetzt, weil nicht klar war, wie sich die Lage entwickelt.“ Mittlerweile sind die ILF-Mitarbeiter in Erbil wieder präsent, da sich die Lage stabilisiert hat.

Um im richtigen Moment adäquat reagieren zu können, sind hochaktuelle Informationen nötig. Unternehmen wie ILF bekommen sie von Botschaften, örtlichen Behörden in den Einsatzländern, von lokalen Geschäftspartnern oder Mitarbeitern und natürlich von externen Sicherheitsberatern. Die Nachfrage nach ihren Diensten wächst stetig, umso mehr, seit durch den IS neben Al-Qaida eine neue extremistische Macht auf den Plan getreten ist.

„Mit dem IS und den Enthauptungsvideos ist die Sensibilität seit vergangenem Jahr enorm gestiegen“, sagt Florian Peil. Der Sicherheitsspezialist berät Konzerne und Mittelständler wie Ingenieurbüros oder Nichtregierungsorganisationen bei ihren Einsätzen in Krisengebieten, insbesondere im arabischen Raum und im Nahen Osten. Der studierte Islamwissenschaftler hat vorher bei einer deutschen Sicherheitsbehörde gearbeitet und hat sich vor einigen Jahren selbstständig gemacht, um in einen wachsenden Markt einzusteigen.

„Die Deutschen waren bisher immer sehr zurückhaltend, das private Sicherheitsgeschäft und vor allem Sicherheitsberatung haben sich eher in den USA und in Großbritannien entwickelt“, sagt Peil. Doch die ständig zunehmenden Bedrohungen und die steigende Brutalität von Gruppen wie dem IS in den vergangenen Jahren hätten zu einem Umdenken geführt, auch bei mittelständischen deutschen Unternehmen, die kaum Kompetenzen im eigenen Haus haben. Einer Studie von 2013 zufolge gibt es etwa 10.000 Firmen im privaten Sicherheits- und Militärgeschäft in Deutschland. Diese machen demnach etwa 35 Milliarden Euro Umsatz, wobei ein großer Teil dieser Summen jedoch nicht durch Aufklärungs- und Beratungsarbeit zustande kommen dürfte, wie Peil sie betreibt. Stattdessen erzielen die Anbieter mit der Herstellung von Aufklärungs- und Sicherheitstechnologie und durch waffenbewehrten Personenschutz von Unternehmens- und Staatsvertretern im In- und Ausland hohe Umsätze.

Interkulturelle Kompetenz ist unbedingt notwendig

Doch auch in der Sicherheitsberatung liegen die Tagessätze schon mal bei 800 bis 2000 Euro, so dass ein Auftragnehmer aus einem Beratungsprojekt schon einmal mit 30.000 Euro herausgehen kann. Die Investition kann sich für Unternehmen durchaus auszahlen. Die Informationen, die Sicherheitsexperten wie Peil auf Grundlage eigener Vorortrecherchen in den Projektländern ihren Auftraggebern zur Verfügung stellen, bieten genauso wie etwa Trainingsangebote mehr als nur kurzfristigen Schutz vor spezifischen Terroristenorganisationen. Sie sollen die Mitarbeiter dazu befähigen, sich auf lange Sicht sicherer durch fremde Regionen zu bewegen. „Voraussetzung für erfolgreiche Auslandseinsätze ist auch, dass ein Mitarbeiter eine gewisse interkulturelle Kompetenz aufbaut“, sagt Peil. Im arabischen Raum hat respektvolles Verhalten gegenüber Einheimischen und Partnern einen weitaus größeren Stellenwert als in vielen europäischen Ländern.

Peil zeigt in seinen Trainings Standards auf, die Mitarbeiter in dem jeweiligen Land unbedingt beachten sollten. So etwa die Grundregel, an nationalen oder religiösen Feiertagen auch mal zu akzeptieren, wenn eine Dienstleistung ausnahmsweise nicht zur Verfügung steht. Die nötige Geduld brächten insbesondere deutsche und US-amerikanische Geschäftsleute häufig nicht mit, sagt Peil. „Besonders Techniker und Ingenieure haben die Gewohnheit, anzukommen und nach einer kurzen Vorstellung sofort zum Geschäftlichen überzugehen“, sagt Peil. „Aber das funktioniert in vielen arabischen Ländern nicht und kann die Gesprächspartner eher vor den Kopf stoßen.“ Das kann sich rächen, denn die lokalen Partner sind eine der wichtigsten Informationsquellen, was Bedrohungslagen angeht.

Und sie sind diejenigen, an denen man sich unbedingt orientieren sollte, wenn man in einem Land nicht als Ausländer auffallen will. „Die Tuchfühlung mit den Einheimischen und eigene Netzwerke vor Ort sind insbesondere dann wichtig, wenn in einem Land in einer Krise die Stimmung gegenüber Ausländern kippt, wie etwa jüngst in Libyen oder auch in Teilen Ägyptens“, sagt Peil.

Unauffällig bleiben. Das ist auch eine Strategie, die ILF-Ingenieur Maximilian Pfnuer in seinen vorbereitenden Sicherheitstrainings gelernt hat. Low Profile lautet der Fachbegriff dafür. „Du solltest dann eben keinen großen Konvoi haben, der offensichtlich begleitet wird und somit ein interessantes Ziel ist“, sagt Pfnuer. „Die Sicherheitsbeamten sitzen stattdessen mit in dem normalen Fahrzeug und man bewegt sich wie 99 Prozent der Einheimischen durch die Stadt.“ Doch in manchen Regionen mit entsprechend hoher Risikostufe ist das nicht möglich.

Wenn selbst die Absicherung mit Hochsicherheitstrucks nicht ausreicht, weil eine Region etwa dauerhaft vom IS destabilisiert wird, bleibt nur, einen potenziellen Projektstandort aufzugeben. Zuletzt haben Konzerne etliche zuvor geplante Projekte wie etwa eine Pipeline zwischen Irak und Syrien abgesagt – was auch Zulieferer und Berater wie ILF trifft. „Durch die vielen Konflikte in Gebieten mit Öl- und Gasressourcen ist unser Geschäft viel schwieriger geworden als früher und viele Aufträge kommen auch deshalb gar nicht erst zustande, weil die Geldgeber fehlen“, sagt Seidl.

So betrifft sie auch die aktuelle Ukraine-Krise. Einige geplante Projektaufträge, für die sich ILF beworben hat, sind in dem Land momentan auf Hold. Allerdings ist Seidl das bedächtige Vorgehen lieber, als Mitarbeiter in gefährliche Regionen zu entsenden. „Wenn in einem Land die Risiken so hoch sind, dass man sie nicht genügend absenken kann, gehen wir dort nicht hin. Unsere Mitarbeiter sind keine Kriegsreporter.“

Karen Grass
Karen Grass
Handelsblatt / Freie Journalistin

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  • Gefahr in islamischen Länder? Eine große Lüge. Deutsche Politiker, Merkel und Gauck z.B. predigen stündlich: Der Islam ist friedlich und muß in Deutschland unser Ziel sein. Der Koran mit seinem absolten Befehl: Tötet Andersgläubige ist daher wohl das Ziel für Frau Merkel! Für Frau Merkel ist das C schon längst ein I

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